Eine Welle des Bücherkitsches wird über Deutschland hereinbrechen – denn Cornelia Funkes Bestseller Tintenherz kommt ins Kino. Funkes Held, der Buchrestaurator Mortimer Folchart – gespielt von Brendan Fraser – besitzt die Gabe, literarische Figuren durch seine Stimme zum Leben zu erwecken. Freilich muss dafür immer ein diesseitiger Mensch im gerade gelesenen Buch verschwinden. Unvorsichtigerweise hat Mortimer die Gangster Capricorn und Basta freigesetzt; seine Frau Teresa, die Mutter seiner kleinen Tochter Maggie, ist dafür in Tintenherz verloren gegangen.

Fraser ist ein so wahnsinnig gut aussehender, sensibler Vater; Meggie (Eliza Hope Bennett) eine so reizende, büchernärrische Tochter; alle Buchseiten rascheln so verheißungsvoll, alle Antiquariate sehen dermaßen danach aus, als hätten die Sieben Zwerge persönlich die Regale geschnitzt, dass einem fast übel wird angesichts so viel bibliophiler Streberei. Und wenn dann wirklich jeder computerverwilderte kleine Nichtleser im Publikum begriffen hat, dass Bücher etwas ganz, ganz Tolles sind, kommt die Volte: Sind sie doch nicht! Sondern sehr gefährlich: Denn das absolut Böse in Gestalt des sadistischen Capricorn kommt ja aus ihnen in unsere Welt! Capricorn hat nichts Eiligeres zu tun, als in einem ligurischen Bergdorf einen protofaschistischen Kleinstaat zu errichten und Mortimer nachzustellen, der ihm noch ein paar besonders finstere Wesen herbeilesen soll.

Der Widerspruch zwischen der süßlichen Bücheranbetung und der Darstellung von Fiktion als realer Gefahrenquelle (genau das ist sie ja niemals; nie eine Tatsache, immer nur eine Möglichkeit) war schon im Roman irritierend – und wird im Film auch nicht leichter dadurch erträglich, dass die so böse gemeinten Bösewichte im Bösesein total versagen. Capricorns Leute treten auf wie Comicfiguren. Begleitet von bis an die Zähne animierten Einhörnern, Elfen und Drachen stapfen sie in ihrem Bergdorf umher wie mittelgroße Punks oder kleine Vampire. Da fragt man sich noch mehr als beim Lesen, ob der Verweis auf den Faschismus (die Verbrecher stilisieren sich als »Schwarzjacken«) irgendetwas bringt: Seht mal, Kinder, sooo ernst geht es in der Tintenwelt zu.

Die sympathischste Figur im Film ist Meggies von Helen Mirren gespielte Großtante Elinor. Auch sie ist (natürlich) eine Büchernärrin, aber eine mirrenmäßig unkitschige. Gar nicht unwahrscheinlich, dass Elinor bei den Dreharbeiten manches Mal den Wunsch verspürte, in einen anderen Film zu entweichen: um sich, zum Beispiel, auf einem Sofa im Buckingham Palace mit einem Buch zusammenzurollen, als souveräne Leserin.