USA Wuchern für Obama
Am 20. Januar feiert Amerika seinen neuen Präsidenten. Washingtons Vermieter freuen sich jetzt schon

© Alex Wong/Getty Images
Das Capitol rüstet sich für den Ansturm. Mehrere Millionen Zuschauer werden erwartet
Die 40-jährige Mary aus Virginia könnte zu den Auserwählten gehören. Die Chancen stehen gut, dass sie am 20. Januar 2009, an dem Tag, an dem Barack Obama vor dem Capitol zu Washington als erster schwarzer Präsident Amerikas vereidigt wird, einen Platz in der ersten Reihe erhält. Sie wird im vornehmen JW Marriott Hotel residieren, direkt an der Pennsylvania Avenue, die das Parlament mit dem Weißen Haus verbindet. Von einem beheizbaren Zelt auf der Dachterrasse aus wird sie auf die Parade herunterblicken. Schwarz befrackte Kellner werden ihr Champagner und Häppchen reichen.
Rund 100 Männer und Frauen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen, will der wohltätige Unternehmer Earl W. Stafford zur Krönungsfeier Obamas in die Hauptstadt einladen. Todkranke, Schwerbehinderte oder leidgeplagte Leute wie Mary, die vor ihrem gewalttätigen Mann Zuflucht in einem Frauenhaus gesucht hat und deshalb ihren Nachnamen nicht nennen möchte. Auch sie sollen dabei sein, wenn der 44. Präsident seinen Amtseid ablegt und in seiner ersten offiziellen Rede Amerika den Weg in die Zukunft weist. Wenn er danach in einer Staatslimousine an den jubelnden Menschen vorbeifährt und am Abend in Begleitung seiner Ehefrau Michelle auf etwa einem Dutzend Bällen seine Aufwartung macht und vielleicht sogar tanzt. Für eine Million Dollar hat Stafford Hotelzimmer gebucht und Gutscheine für das Fest erworben. Die Auswahl der Teilnehmer soll demnächst beginnen, die ersten Listen sind erstellt. Mary hat sich beworben und ist in der engeren Wahl.
Für sie könnte ein Traum in Erfüllung gehen, für viele andere aber droht der 20. Januar zum Albtraum zu werden. Mindestens anderthalb Millionen Menschen werden zur Amtseinführung des 44. Präsidenten, Inauguration genannt, in das kleine Washington reisen. Die Veranstalter rechnen sogar mit bis zu fünf Millionen Gästen. Wie auch immer: Es wird das gewaltigste Fest, das die Hauptstadt je erlebt hat. Zur bislang größten Inaugurationsfeier, 1965 für Lyndon B. Johnson, kamen 1,2 Millionen Menschen, bei Bill Clinton, 1993, versammelten sich 900000, und bei George W. Bush vor vier Jahren waren es gerade einmal 300000.
Die Hotels in und um Washington sind ausgebucht, trotz ihrer abenteuerlichen Preise. Den Vogel schießt das Ritz-Carlton ab. 99000 Dollar verlangt es für vier Nächte in der Präsidentensuite, inklusive Erste-Klasse-Flug, 24-Stunden-Chauffeurservice in einer Hybrid-Limousine, zwei Tickets für die Parade und den offiziellen Inaugurationsball. Aber auch schäbige Pensionen am Rande der Stadt fordern 300 bis 500 Dollar die Nacht. In Washington, wo derzeit Dutzende Bankchefs und Autobosse um Staatsspenden für ihre maroden Unternehmen betteln, herrscht Raubtierkapitalismus. Aus jedem leeren Bett und jedem freien Saal wird Geld geschlagen. Museen und Bahnhöfe vermieten ihre Hallen für bis zu 40000 Dollar den Abend, und immer noch ist der Platz für die vielen Bälle und Diners knapp.
Müsste der Autor dieser Zeilen nicht am 20. Januar aus Washington berichten, könnte er wie etliche Hauptstadtbewohner das Weite suchen und dabei ein Geschäft machen. Der private Wohnungsmarkt boomt, auf der Internetseite craigslist.com annoncieren Mieter und Eigentümer ihre Bleibe. 1000 Dollar die Nacht für eine Zweizimmerwohnung in der Innenstadt, 50000 Dollar die Woche für ein Sechszimmerhaus im Städtchen McLean, zwanzig Kilometer vom Weißen Haus entfernt. Angebote finden sich bis weit hinein nach Virginia, Maryland und Pennsylvania. Washingtons Bürgermeister Adrian Fenty hat angeordnet, dass private Vermieter für die Woche der Inauguration keine Gewerbegenehmigung brauchen und dass deshalb auch die Gewerbesteuer entfällt.
Wo so viel Raffgier herrscht, ist die Gegenbewegung nicht weit. Michael Henson, ein 33-jähriger Software-Experte aus Bethesda am Rande der Hauptstadt, bietet gemeinsam mit seinem großen Freundeskreis Schlafplätze gegen einen Unkostenbeitrag an, allerdings nur für ehrenamtliche Helfer der Obama-Kampagne. »Ich sehe nicht ein«, sagt er, »dass Leute, die monatelang von Tür zu Tür gezogen sind, nun ausgenommen werden.«
Auch das Obama-Team ist besorgt und will so weit wie möglich sicherstellen, dass ganz Amerika mitfeiern kann. Ab Januar werden 240000 Tickets für Vereidigung und Parade verteilt. Aber der Ansturm darauf ist jetzt schon erdrückend. Die Abgeordneten, die jeweils 400 Karten unter die Leute bringen dürfen, können sich vor Anfragen nicht retten. 35000 Anrufe hat allein die demokratische Senatorin aus Maryland gezählt.
Die Planungen in der Stadtverwaltung, bei Polizei, Feuerwehr und in den Krankenhäusern laufen auf Hochtouren. 4000 Polizisten aus Washington sollen den Verkehr und die Menschenströme lenken, 4000 Uniformierte aus anderen Bundesstaaten Kriminelle abschrecken. Ein riesiges Heer an privaten Sicherheitsleuten wird die Monitore der 5265 Überwachungskameras kontrollieren und Hunderte von Politikern und Prominenten begleiten. Auf den Dächern der Innenstadt gehen Scharfschützen in Stellung, und überall auf den Straßen werden Kontrollstellen eingerichtet. Schon jetzt sorgt das Gerücht für Unmut, dass Rucksäcke, Regenschirme und Kinderwagen zu Hause bleiben müssen. »Obamaland ist kinderfeindlich«, schimpfen Blogger.
Alles, was Räder hat, wird am 20. Januar in Bewegung gesetzt, um die Gäste in die Innenstadt zu transportieren. Erstmals in der Geschichte wird die gesamte Mall, die lange Achse zwischen Capitol und Lincoln-Denkmal, ganz dafür freigegeben. Ringsum werden Bildschirme und Lautsprecher hängen, damit so viele Menschen wie möglich den Amtseid Obamas miterleben können. Ab vier Uhr morgens werden die Metrozüge im Fünfminutentakt durch die City rattern. Die Washington Post warnt bereits vor einem Chaos an den Zugängen und auf den maroden Rolltreppen. Der Metro-Chef John Catoe selbst sagt »stundenlange Wartezeiten« voraus: »Man kann unmöglich 800000 Leute gleichzeitig auf die Gleise schicken.« Auf einer eigens eingerichteten Internetseite ( www.wmata.com ) will die U-Bahn ihre Kunden auf dem Laufenden halten.
Jene, die schon viele Präsidentenfeiern miterlebt haben, fürchten am meisten das Wetter. 1961, bei der Inauguration von John F. Kennedy, legte ein Wintersturm die Hauptstadt lahm. Hunderte von Soldaten kämpften mit Schaufeln und Flammenwerfern gegen Schnee und Eis. »Ein Unwetter und Millionen von Menschen im Anmarsch«, sagt ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung, »das wäre der nationale Notstand am Tag eins der Ära Barack Obama.«
- Datum 22.01.2009 - 15:30 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 11.12.2008 Nr. 51
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