Aus unerfindlichen Gründen bleibt das Arbeitsamt geschlossen. Vor den Türen versammelt sich eine Menschenmenge. Arbeitslose aus allen Schichten: eine russische Einwanderin, ein Professor, eine junge Hauptschülerin. Sie warten, werden ungeduldig, sie schimpfen, streiten miteinander, dann beginnen sie gemeinsam zu protestieren. Lang aufgestauter Frust entlädt sich, und schließlich – werfen sie Brandsätze.

Das ist, bisher, nur Theater. In einer kahlen, dunklen Halle in Hamburg proben Darsteller des Deutschen Schauspielhauses für ein neues Stück. Es heißt Kritische Masse und soll im Februar uraufgeführt werden. Dafür wurde extra der Spielplan geändert. Denn das Schauspiel trifft nach Meinung der Theatermacher den Nerv der Zeit. Die Stimmung ist nicht vorweihnachtlich, sondern vorrevolutionär.

Ist das naiv? Maßlos übertrieben? Wunschdenken einiger Theaterleute?

Deutschland im Winter 2008. Das ist ein Land in einer Krise, die die meisten Menschen noch gar nicht zu spüren bekommen haben. Die deshalb außerhalb der Bühne noch keine Menschenaufläufe verursacht. Die aber ein ganzes Weltbild ins Wanken zu bringen scheint. Notenbanker und Nobelpreisträger sprechen von der gefährlichsten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg, von einem Kollaps der Finanzmärkte ist die Rede, einer Kernschmelze, die mit dem Einsatz unvorstellbarer Milliardensummen abgewendet werden müsse. Hundert Jahre alte Banken gehen unter, selbst Staaten droht der Bankrott. Das weltweite Wirtschaftssystem knirscht bedrohlich in seinen Fugen.

Deshalb hat die Systemfrage nicht nur in den Feuilletons und im Theater Konjunktur, auch in den Wirtschaftsspalten wird jetzt Platz gemacht für Grundsatzkritik. Serien zum »Kapitalismus in der Krise« (Süddeutsche Zeitung) werden aufgelegt, und auf einmal taucht selbst in Magazinen wie der Wirtschaftswoche das bärtige Konterfei des Urvaters aller Kapitalismuskritiker auf, des alten Karl Marx.

Deutschland im Winter 2008. Das ist eine gefühlte Vorkrisenzeit, in der sich zumindest ein Teil der Bürger die Frage stellt, ob etwas grundsätzlich faul ist im System. Ob es wirklich reicht, nur die Banken besser zu kontrollieren, Konjunkturprogramme aufzulegen und vielleicht den Hartz-IV-Regelsatz zu erhöhen. Braucht es nicht einen größeren Lösungsansatz, einen grundlegenderen Wandel? Es gibt Gruppen, die das schon seit Langem wollen. Haben sie jetzt großen Zulauf? Und welche Antworten können sie bieten?