Wenn deutsche Bosse ins Kanzleramt geladen werden, dürfen sie sich wohl und geehrt fühlen: Angela Merkel braucht Rat, vielleicht auch Tat. Im Kreml läuft das anders. Da wurde kürzlich, wie die New York Times gerade berichtet, der Chef der hoch profitablen Uralkali (Bergbau) zum Rapport bestellt, bei dem ihm ein Putin-Vize eröffnete, man müsse leider die Untersuchung eines zwei Jahre zurückliegenden Unfalls wieder aufnehmen.

Ja, aber, protestierte der Vorgeladene, die Regierung habe ihn doch längst salviert. Vize-Premier Igor Chechin legte nach und drohte mit astronomischen Strafen, welche die Firma tödlich verwunden würden. Und da dämmerte es dem Gospodin Besitzer: Es ging gar nicht um Schuld und Sühne; Mütterchen Russland wollte sein Unternehmen. Deshalb ist Chechin als »Raider des Kreml« bekannt, als Chef-Heuschrecke, die für den Staat auf Firmen-Jagd geht.

Dabei benutzen die Putinisten die Waffen des modernen Kapitalismus. Just zum Zeitpunkt der (geheimen) Kreml-Eröffnung registrierte die Londoner Börse massive Leerverkäufe von Uralkali (also Wetten auf fallende Kurse). Als der Kreml die Sache eine Woche später publik machte, stürzte Uralkali plangemäß ab (um 60 Prozent). Warum das Beuteverhalten des Kremls uns angeht? Weil Uralkali nur das jüngste Glied in der Kette ist.

Im November schlangen sich die Tentakel des Kreml um Norilsk Nickel, den größten Produzenten der Welt. Der Klassiker ist Yukos, einst ein Riese im globalen Öl- und Gasgeschäft. Ihr Besitzer Michail Chodorkowskij landete im Gulag, die Firma wurde mit räuberischen Steuerforderungen ruiniert. Für den Europarat war das eine »koordinierte Attacke durch den Staat«. Im Klein-Klein, berichten deutsche Geschäftsleute, sieht das so aus: Das Finanzamt hat sein Soll nicht erfüllt, also fordert es plötzlich bis übermorgen meterweise Aktenordner zwecks Nachprüfung an. Fazit des Firmenchefs: »An diesem Punkt biete ich freiwillig ein paar Hunderttausend Rubel an.«

Solche (kleineren) Summen nennt man »Unkosten«. Aber der Angriff gegen Uralkali (unser Mann war anders als Chodorkowskij kein Putin-Feind) ist Teil einer Langfrist-Strategie: der kalten Rückverstaatlichung der Wirtschaft, vorweg der Bodenschätze. »Soll er doch«, murmeln deutsche Bosse, »solange wir dort verdienen.« Das ist ein alter Refrain seit 1952, als der Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft gegründet wurde. »Der Russe braucht eben eine starke Hand«, lautet das Klischee. Der Reflex ist falsch. Die starke Hand schafft nicht Stabilität, sondern Willkür und Unrecht, und die sind nie gut fürs Geschäft.

Der Markt erkennt dies besser als so mancher Russland-Versteher. Die Kapitalflucht begann mit dem Einmarsch in Georgien, sie beschleunigte sich mit dem Ölpreis-Verfall. Nirgendwo ist der Aktienmarkt heftiger abgestürzt. Seit Montag ist Russland der erste G-8-Staat, der in seiner Kreditwürdigkeit degradiert wurde: von BBB+ auf BBB. Der Rubel rollt nicht, er fällt. Die Moral? Der Rechtsstaat, den Putin seit 2000 demontiert, ist kein Luxus, sondern Geschäftsbedingung. Denn die starke Hand, die sich heute um Uralkali legt, vergreift sich längst auch an den Ausländern in Putin-Land.