Künstlerkreis Hamburg im Farbenrausch
Zwischen Liebermann und Nolde: Wie Alfred Lichtwark und seine "Jungen Hamburger" die Stadt um 1900 zur Avantgarde bekehrten
Eine Kunststadt – das ist Hamburg nie gewesen. Verglichen mit den Residenzen, mit den großen Bürgerstädten Süddeutschlands, fielen die Kunstepochen des Mittelalters und der frühen Neuzeit hier eher karg aus. Eine Kunstakademie hielt man in der Handelsmetropole für entbehrlich, die erste Universität überhaupt wurde in der Stadt erst 1919 errichtet. »Im großen und ganzen«, bemerkte 1961 der Nachkriegsdirektor der Kunsthalle Carl Georg Heise, »gilt die Erfahrung, daß in Hamburg Gelehrte und Künstler für den gesellschaftlichen Umgang eine Verlegenheit bedeuten, während sie andernorts eine Tafelzierde zu sein pflegen.«
Und doch stimmt dieses Bild, das längst zum Klischee geronnen ist, nicht. Ende des 19. Jahrhunderts erlebte die Stadt einen Kunstfrühling von europäischer Dimension, und es bleibt ein Rätsel, warum dieses einzigartige Kapitel in den meisten Geschichten der Avantgarde bis heute fehlt.
Verbunden mit dem großen Aufbruch ist vor allem der Name Alfred Lichtwarks. 1852 in der Hansestadt geboren und ursprünglich Lehrer von Beruf, hatte man ihn 1886 zum ersten Direktor der Hamburger Kunsthalle berufen. Er war fest entschlossen, die Stadt der Kaufleute zu einer Kunstmetropole zu machen.
Die Situation indes, die er vorfand, war desaströs. »Fast das gesamte Gebiet der Malerei war verödet«, bilanzierte er. »Phantasiekunst gab es nicht, Bilder aus dem Leben der Gegenwart wurden nicht mehr gemalt. Das Bildnis wurde durch einige Damen gepflegt. Einige sehr wenige Landschafter, kaum drei oder vier, die man im Reich kannte, zwei oder drei Blumenmalerinnen, das war ziemlich alles. Es scheint der Nullpunkt der künstlerischen Produktion gewesen zu sein.«
Die erste Ausstellung sorgt für einen riesigen Skandal
Dabei hatte es nach 1800 in Hamburg durchaus eine Kunst von Bedeutung gegeben. Erinnert sei nur an Philipp Otto Runge, an Jakob Gensler oder Victor Emil Janssen, und auch Otto Speckter und der Biedermeiermaler Hermann Kauffmann wurden weithin geschätzt. Ihre um 1840 entstandenen frührealistischen Bilder entsprachen Lichtwarks Idee von einer eigenständigen hamburgischen Kunst. Aus der Vorstellung, dass Heimatverbundenheit die Grundlage allen Schaffens sein müsse, plante Lichtwark die Wiederbelebung einer »Hamburger Schule«.
Tatsächlich gelang ihm zu Beginn der neunziger Jahre ein großer Coup: Mit Erfolgs- und Unterstützungsversprechungen überredete er etliche aus Hamburg stammende Kunststudenten, ihre Ausbildung an den Akademien in Berlin, Karlsruhe und München abzubrechen und zurückzukehren. Im Frühjahr 1897 schlossen sich die Maler Julius von Ehren, Ernst Eitner, Arthur Illies, Paul Kayser, Friedrich Schaper, Arthur Siebelist und Julius Wohlers, alle um 1870 geboren, zum Hamburgischen Künstlerclub zusammen. Hinzu kam der eine Generation ältere Thomas Herbst, ein Freund Max Liebermanns, mit dem der Berliner Maler sich schon als junger Mann in Paris das Zimmer geteilt hatte und dem er ein Leben lang in Bewunderung und Sympathie verbunden blieb. So entstand in Hamburg, noch vor der Gründung der Berliner Sezession 1898, eine der ersten modernen Künstlervereinigungen Deutschlands.
Solche Zirkel waren damals in Mode, überall wurden sie gegründet, zumeist aus Opposition gegen den offiziellen Akademismus und die selektierende Ausstellungspraxis der einflussreichen Verbände. Die zunächst bekanntesten Gruppen waren »Die Elf« um Liebermann in Berlin, »Die Scholle« mit Leo Putz in München, »Die Elbier« um Gotthardt Kuehl in Dresden und Künstlervereinigung Worpswede von 1895. Aus der 1909 entstandenen Neuen Künstlervereinigung München, zu der Alexej von Jawlensky, Marianne von Werefkin und Gabriele Münter gehörten, ging 1911 der »Blaue Reiter« hervor, den Franz Marc und Wassily Kandinsky gründeten. In Dresden formierte sich 1905 die expressionistische »Brücke« mit Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff. In Düsseldorf entstand, unter anderem, 1908 der Sonderbund um Max Clarenbach und Walter Ophey, in Baden 1896 der Karlsruher Künstlerbund mit Friedrich Kallmorgen an der Spitze.
- Datum 17.12.2008 - 15:41 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.12.2008 Nr. 52
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