Aus, vorbei, alles zu spät. Der Eisschwund im Nordmeer, so meldeten Geowissenschaftler dieser Tage, ist nicht mehr rückgängig zu machen, und wenn kein Wunder geschehe, dann verwandele sich das Eismeer in eine warme Brühe. Erstaunlich nur: Die Katastrophenmeldung vom Wärmeschock im Arktischen Ozean verschwand ebenso schnell aus den Schlagzeilen, wie sie hineingeraten war. Andere Weltnachrichten überlebten deutlich länger. Zum Beispiel die neue Eiszeit zwischen Boris Becker und seiner entflohenen Verlobten. Oder noch ein Dauerbrenner: Die glücklich abgeschmolzenen Pfunde der Sängerin Mariah Carey.

Oder dies: ZDF und RTL veranstalten einen Rückblick auf 2008, einen Flach-Tauchgang in das Ereignismeer des ablaufenden Jahres. Gewiss, auch vom Untergang der Wall Street war die Rede, sogar von der globalen Rezession. Doch der Ruin des Finanzkapitalismus schrumpfte zum Randereignis, zum Pflichtprogramm einer smartiesbunten Banalitätenrevue. Es ist Krise. Welche Krise?

Der aufreizende Gleichmut, mit dem die »Kapitalverbrechen« des Finanzsystems (Spiegel) zu den Akten genommen werden, ist keine Spezialität von ZDFRTL, er ist typisch. Überall in der Gesellschaft herrscht informierte Apathie und unheimliche Gelassenheit, und der Glühweinverkauf auf Weihnachtsmärkten zeigt eine erfreuliche Tendenz: Es geht aufwärts. Gestern noch zeigte die Öffentlichkeit ihren treuen Alarmisten bei jeder Wortmeldung die Rote Karte; heute, wo die Realität selbst Alarm schlägt, trainiert sie ihre seelische Festigkeit im Erdulden schlimmer Nachrichten. Wir erleben, so gab der Sozialpsychologe Harald Welzer in der FAS mit fasziniertem Schaudern zu Protokoll, eine »Epochenwende«, eine tiefe Zäsur, während gleichzeitig das Leben seinen gewohnten Gang gehe. »Die Autos fahren, Restaurants sind geöffnet, die Welt ist nach wie vor in Farbe.« Alltag und Apokalypse, Normalität und Ausnahmezustand durchdringen sich wechselseitig und bilden das paradoxe Mischgefühl der neuen Epoche. Alles scheint wie immer, doch nichts ist wie sonst.

Worin der dunkle Kern des Epochengefühls besteht, ist unschwer zu erkennen und oft beschrieben worden . An der Wall Street ist nicht nur eine übliche Spekulationsblase geplatzt; Bankrott gemacht hat eine Utopie, nämlich die neoliberale Verheißung vom segensreichen Wirken staatsfreier Märkte. Um den unverzüglichen Beschwerden ratloser Wirtschaftswissenschaftler vorzubeugen, sei gesagt: Die Kernschmelze der Wall Street entzaubert nicht die Erfindung des Marktes, sondern die utopische Semantik, den Glorienschein, mit dem diese sinnvolle Erfindung zum Wohle der wenigen überhöht wurde. Man denke nur an die irdische Verheißung, die Gesellschaft werde von all ihren Übeln erlöst, sobald sie sich – von der Wiege bis zur Bahre – als Profitcenter organisiert. Von dieser Utopie ist nur die Gewissheit geblieben, dass Gewinne nach alter Väter Sitte privatisiert werden, während die Verluste von der Allgemeinheit zu tragen sind.

Wenn nicht alles täuscht, dann ist noch eine zweite Utopie zu Bruch gegangen. Um sie allerdings ist es jammerschade, denn sie gehört – pathetisch gesagt – zum Traumbestand der Menschheit. Es ist die romantische Vorstellung, die Natur begleite alles Tun und Lassen der Zivilisation mit unerschütterlichem Wohlwollen und sei ihr gnädig in guten wie in schlechten Zeiten. Tatsächlich aber ist die Natur kein »Weggefährte« mehr. Sie steht als duldsamer Beihelfer des Fortschritts nicht länger zur Verfügung und schlägt, wie die Romantiker gesagt hätten, nicht mehr die Augen auf.