Atelierbesuch Der Feldarbeiter
Wie ein Seismograf reagiert der Maler Günther Uecker auf die Welt und ihre Katastrophen. Ein Besuch
Die graue Eisentür ist geschlossen. Keine Klingel, unter der Handynummer meldet sich die Mailbox mit der Stimme seiner Frau. Warten auf Günther Uecker, am Fuß seines Gründerzeit-Speichers in Düsseldorf. Überall ragen Glasburgen in den Himmel, besiedelt von Medien- und Modefirmen. Der lang gestreckte Klinkerbau ist ein Relikt aus einer Epoche, in der im Düsseldorfer Hafen noch Lastkähne anlegten. Jetzt heißt er Medienhafen.
Da steht er plötzlich auf der Treppe. Groß, ja gewaltig, die Arme weit ausgebreitet, entschuldigt er sich überschwänglich. Wer Ueckers Raum betritt, genießt Gastfreundschaft, Uecker absolviert keine Termine. Sein Atelier ist ein von Büchern und Bildern bewaldetes Hochplateau auf drei Ebenen, jede etwa 500 Quadratmeter groß. Lager, Wohnung, Werkstatt. Wir betreten den Raum im ersten Stock. "Das Kinderzimmer – weil man nicht aufräumen muss."
Nichts scheint sich verändert zu haben seit einem Besuch, der zehn Jahre zurückliegt. Sogar die Ausgabe von Apollinaires Die elftausend Ruten liegt noch am selben Platz auf demselben weißen, mühlradgroßen Tisch. Gemächlich geleitet Uecker den Gast an einem Nachbau von Beethovens Hammerklavier vorbei, oft hat er hier mit Musikern gesessen, wenn er Bühnenbilder für Operninszenierungen entwarf.
Uecker bittet an einen Tisch am Fenster. Große Segeltücher dämpfen das Licht. Der Tisch schrumpft vor seiner Gestalt auf Puppenstuben-Format. Den Blick auf das graue Wasser des Rheins gerichtet, erzählt er von Ordos, der chinesischen Retortenstadt im Inneren der Mongolei. Ein explosives Lachen bricht immer wieder ein in seinen Singsang mit dem rollenden mecklenburgischen R. Willy Brandt hatte solch eine Stimme, brüchig und substanziell.
Während er spricht, ist sein Bleistift immer in Bewegung – wie ein Seismograf hinterlässt Günther Uecker Spuren auf schwerem Papier. Wörter, Linien, Kreise. Die Partitur eines Gesprächs über die Zukunft, über China und über die Vergangenheit, über die Ostsee-Halbinsel Wustrow. Dort verbrachte er die ersten neunzehn Jahre seines Lebens. 1949 musste er zusammen mit seinen Eltern und den beiden Schwestern das Gehöft verlassen, auf dem er aufgewachsen war. Die Halbinsel wurde militärisches Sperrgebiet.
Günther Uecker hat ein Werk geschaffen, das für die Kunsthistoriker seit seinen ersten internationalen Erfolgen mit der Gruppe ZERO zur Kunstgeschichte gehört und dabei höchst lebendig in der Welt unterwegs ist. Gerade ist der Transport nach China weg, andere Bilder kommen zurück von einer Ausstellung in New York. Städte- und Ländernamen fallen wie in den Auslandsnachrichten. Neu Delhi, Djakarta, Mumbai, Singapur, Kalkutta. Das war im vorigen Jahr. Nächstes Jahr Kairo.
Aber Uecker reist nicht nur im Gefolge seiner Kunst. Er taucht ein in andere Kulturen und Riten, zuletzt in der Mongolei. Die Impulse seiner Reisen spiegeln sich in seiner Arbeit und seinen Räumen. Ein Stuhl aus einem chinesischen Kloster, "ohne Nägel gebaut, nur verfugt", steht vor einem langen Tisch derselben Herkunft, "aus einem einzigen Baumstamm gefertigt".
Es sind keine Souvenirs, sondern Zeugnisse einer Kultur, der sich Uecker nahe fühlt, im gleichzeitigen Wissen um die eigenen "geringen Kenntnisse" darüber. In China fühlt er sich herausgefordert, "an einer Welt teilzunehmen, die sich verändert". Jetzt sind Ueckers hängende Tücher aus seiner Arbeit Brief an Peking im Kunstmuseum im mongolischen Ordos zu sehen. Besucher können zwischen ihnen herumgehen wie zwischen den Seiten eines riesigen Buches. Am Rand der Wüste Gobi steht das Museum, monolithischer Vorbote einer menschlichen Ansiedlung, die es noch nicht gibt. Ein chinesischer Magnat, Besitzer von Kohlegruben und Milchimporteur, lässt dort von hundert Architekten eine neue Stadt bauen.
Was ist dagegen Europa? "Ein schlafendes Schlaraffenland", sagt Uecker. In einem Text zu den Arbeiten notierte er in seiner gewunden, regelmäßigen Handschrift: "Das Bild ist der unalphabetische Ausdruck des Unsagbaren in unserer Welt. So bilden Wort und Bild in ihrer Jahrtausende alten Bedingtheit Lebensgrundlagen für das Verstehen und für friedensbildende Vereinbarungen zwischen den Kulturen."
Uecker reagiert unmittelbar auf die Erschütterung und Zerstörung von Lebensgrundlagen. Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl schuf er seine Aschebilder. Die Umrisse seines Körpers zeichnen sich auf dem Bildgrund ab, wie die Spuren der Opfer von Pompeji. Von Beginn an war Ueckers Tun so hoch gespannt und dennoch mit dem Körper verbunden. Seine Kunst hat er immer wieder mit "Feldarbeit" verglichen, ähnlich in der Wiederholung der immer gleichen Handgriffe, wie das Setzen von Pflanzen. Das liebte er als Kind.
Uecker schlägt ein Buch auf mit dem Titel still-leben, ein großes schwarz-weißes Memento Mori und eine Hymne an den Ort seiner Ursprünge. Wustrow. Die russischen Soldaten haben ihre Häuser wie überstürzt verlassen, die Betten aufgeschlagen, das Frühstücksgeschirr noch auf dem Tisch. In einer Hütte dort, die sich die Natur allmählich zurückholt, verbringt Uecker oft viele Wochen allein. Zeichnet, sammelt sich. Fürchtet sich in der Nacht.
"Dort werden Erlebnisse wach, die du meintest, schon vergessen zu haben. Frei von allen anderen Einflüssen, wirst du so gegenwärtig wie ein Kind." Dann verdunkelt er eines der Fenster auf dem Bild von seiner Hütte. Der Bleistift drückt sich durchs Papier.
Günther Uecker wurde 1930 als Sohn einer Bauernfamilie in Mecklenburg geboren. Er zählt zu den bedeutendsten Künstlern der Gegenwart. 1953 übersiedelte er nach Düsseldorf und stieß Anfang der sechziger Jahre zur Künstlergruppe ZERO. Zu seinen wichtigsten Ausstellungen gehören die Retrospektive 20 Kapitel im Martin-Gropius-Bau in Berlin 2005 und Brief an Peking im chinesischen Nationalmuseum Peking 2007.
- Datum 22.12.2008 - 11:42 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.12.2008 Nr. 52
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