Helmut Schmidt zum 90. Die andere Seite des Realisten

Beileibe nicht nur Politik: Helmut Schmidt als Publizist, Pianist und Privatmann

Helmut Schmidt auf einem Bootsanleger am Brahmsee, August 1978

Helmut Schmidt auf einem Bootsanleger am Brahmsee, August 1978

Ein Besuch im Ferienhaus am schleswig-holsteinischen Brahmsee: Barocke Harmonie in F-Dur klingt durch das kleine Wohnzimmer. »Was für eine wunderbare Aufnahme«, lobt der Besucher. »Das ist keine Aufnahme«, stellt die Gastgeberin klar, »das ist Helmut.« Nach einem Blick auf das grün leuchtende Display des CD-Spielers ein zweifelndes »Wirklich?«. »Ja, das ist er, nebenan in seinem Arbeitszimmer.«

Dort, hinter verschlossener Tür, saß er am Klavier und fantasierte über Johann Sebastian Bachs Italienisches Konzert, eine Musik, die er selbst nur noch verzerrt wahrnahm, von der er jedoch wusste, wie sie sich einmal angehört hatte.

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»Die große Tragödie meines Alters« hat Helmut Schmidt einmal den weitgehenden Verlust seines Gehörs genannt. Die Klage, weniger Mitleid heischend denn als unabwendbare Tatsache gemeint, steht für einen tiefen Einschnitt in seinem Leben. Gewiss, vieles von dem, was an ihn herangetragen wird, möchte er gar nicht so genau, manches womöglich überhaupt nicht hören. Aber Musik nicht mehr erfahren, nicht mehr genießen zu können ist vielleicht der bitterste Tribut, den er seinen 90 Jahren entrichten muss.

Sein Schmerz über die Einbuße an musischem Erleben mag nicht zu den Vorstellungen passen, die viele Menschen vom ehemaligen Bundeskanzler hegen. Helmut Schmidt, der kühle Realist und kundige Deuter der Weltläufte, als Freund der Musik, der Klavier spielt, um sich an Melodien zu erinnern, die für ihn seit Langem verhallt sind? Seine Auftritte in der Öffentlichkeit lassen in der Tat keine überbordende Empfindsamkeit erwarten. Kennen ihn die Fernsehzuschauer nicht als gelegentlich so schroff und kurz angebunden (was ihren Respekt freilich nicht mindert), dass ihnen die Interviewer leidtun? Ist die Zahl derer nicht Legion, die sich in freudiger Erwartung auf ihn stürzen, um dann seinen gleichgültigen, mitunter gar abweisenden Blick ertragen zu müssen?

Wie stark seine Haltung von hanseatischer Nüchternheit, von Selbstschutz vor aufdringlicher Verehrung oder schlicht von Arroganz bestimmt ist, wird nur Helmut Schmidt selbst wissen. Als besonders zartfühlend jedenfalls galt und gilt er nur wenigen.

Auch als Politiker und Staatsmann hat er keinen Eindruck von ausgeprägtem Feingefühl hinterlassen. War er nicht der schneidige Draufgänger (»Schmidt-Schnauze«) in zahllosen Bundestagsschlachten? Hat er nicht hart und entschlossen staatsgefährdende Krisen gemeistert? Und ist er nicht erst vor Kurzem zum »coolsten Kerl« Deutschlands gekürt worden, und das sicher keineswegs nur, weil er vor laufender Kamera pausenlos Zigaretten raucht, sondern auch, weil er sich unvergleichbar lakonisch gibt?

All diese Erinnerungen und Eindrücke gehören zu Recht zur Momentaufnahme wie zur Legende Helmut Schmidt. Dennoch bleibt das scharf konturierte Bild unvollständig. Es unterschlägt den Mann, der zu tiefer Freundschaft fähig ist und der durchaus sentimental sein kann. Seine vielfältigen Interessen und Begabungen, vor allem aber seine Liebe zu den Künsten blendet die schon historisch verbrämte Impression vom Tatmenschen Schmidt beinahe völlig aus. Dabei hebt er sich gerade durch die vielen Facetten seiner Persönlichkeit ab von den oft eindimensionalen Mitgliedern der politischen Kaste. Sein Lebensweg, ob in der Politik oder danach, lief nie stur auf ein Ziel zu. Er gestattete sich immer Abzweigungen, auf denen er neues Wissen oder lehrreiche Erfahrungen, Erbauung oder einfach Freude gewinnen konnte.

Leser-Kommentare
    • SALIER
    • 23.12.2008 um 9:15 Uhr

    Herzlichen Glückwunsch zum 90 Geburtstag.

    Noch nie war er so Wertvoll wie Heute.

    Lex Salica
    Freiherr Antonio von SALIS

    • 7an
    • 23.12.2008 um 9:51 Uhr

    Wo ist denn diese schöne multimediale Schmidt-Timeline, die ihr gebaut habt?
    http://www.fabianmohr.de/...

    (Anmerkung der Redaktion/jk: Hier)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • bediko
    • 23.12.2008 um 11:18 Uhr

    Herzlichen Glückwunsch! Wenn man den Niedergang der politischen Klasse in Deutschland diskutieren will, sollte man Schmidt mit den heutigen Protagonisten vergleichen. Klar in der Aussage, konsequent in der Handlung, kein Bimbes-verstecken und finazieren, kein Hütchenspielen!

  1. Antwort auf "Timeline"
    • Kometa
    • 23.12.2008 um 11:25 Uhr

    "Victrix causa deis placuit, sed vita..." Domino Schmidt.

    Viel Tut-Tutes; auch mal was Gutes!

  2. Helmut Schmidt ist wie ein uralter Mammutbaum im Yosemite National Park (USA)........... und es ist immer wieder erbauend seine Weisheiten zu hören.

    Weiterhin alles alles Gute

    • hagego
    • 23.12.2008 um 16:01 Uhr

    Dinner for One (übersetzt: Diener für Einen!)

    oder

    Der 90. Geburtstag

    Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Herr Bundeskanzler a.D.!

    • Jokus
    • 23.12.2008 um 19:14 Uhr

    Hört auf! Haltet ein! Nun ist es des Lobes genug!
    Gewiss, auch ich stimme mit den meisten Lobes-Stimmen überein.

    Doch merkt denn keiner, dass hier das Bild eines Übermenschen gezeichnet wird? Er spielt Schach, wahrscheinlich gut, er spielt Klavier, Buhl hörte sogleich einen Meister, und na kar: er ist ist Journalist, ach was: Publizist und Bücherschreiber - natürlich einer der erfolgreichsten Schreiber überhaupt....

    ...und nicht nur diese "schönen+weichen Seiten" seiner Natur weiß nun jedermann zu preisen, nein: Er war auch "Macher"+Stratege+Staatsmann der Sonderklasse....

    Im Fernsehen höre ich die prophetischen Worte: Stünde er heute zur Wahl...wohl wahr: er würde, was er wollte werden können....

    Vielleicht erinnert sich irgendjemand, dass dieser großartige Schmidt, auch mal ein Mensch war....?

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