Anlagebetrug "50 Milliarden sind weg – mindestens"
Ein Starinvestor aus den USA hat seine Anleger in aller Welt geschädigt. Warum ging das so lange gut?

© DON EMMERT/AFP/Getty Images
Um mindestens 50 Milliarden Dollar hat der Starinvestor Bernard Madoff weltweit Anleger geprellt. Die Börsenaufsicht SEC sieht einen Betrug "von epischen Ausmaßen"
Mehr als sechs Jahre arbeitet Theodore Cacioppi schon als Special Agent für die amerikanische Bundespolizei FBI. Bisher nahm die Welt von ihm wenig Notiz, doch die fünf Seiten, auf denen er am Donnerstag der vergangenen Woche seine Aussage schriftlich festhielt und mit zackiger Unterschrift bezeugte, zählen bereits jetzt zu den Klassikern der Finanzgeschichte.
In dürren Worten beschreibt er gegenüber Richter Douglas F. Eaton das Gespräch, das er wenige Stunden zuvor im New Yorker Apartment von Bernard Madoff geführt hatte: "Nachdem ich konstatierte 'Wir sind hier, um herauszufinden, ob es eine harmlose Erklärung gibt', sagte Madoff, 'es gibt keine harmlose Erklärung'." Dann habe Madoff erklärt, "dass er 'Investoren mit Geld bezahlte, das es nicht gab', ebenso dass er 'pleite' sei" und damit rechne, ins Gefängnis zu gehen. Gegenüber zwei Mitarbeitern habe Madoff am Vortag zugegeben, dass sein Geschäft "eine einzige große Lüge" sei. Jene zwei – bei ihnen handelt es sich offenbar um die Söhne Mark und Andrew – informierten später die Behörden.
Was Special Agent Cacioppi zu Protokoll gab, war das Eingeständnis des womöglich größten Anlagebetrugs in den USA – und das Ende einer glanzvollen Karriere. Madoff, 70 Jahre alt, einst Verwaltungsratschef der Technologiebörse Nasdaq, galt als Legende der Wall Street. Seit Jahrzehnten betrieb er eine Investmentfirma für Wertpapierhandel, lange wies er Renditen um zehn Prozent aus, viele Investoren schätzten den Mann mit dem honorigen Äußeren. Seit ein paar Tagen jedoch überschlagen Hedgefonds in den USA, Banken in Europa und Privatpersonen weltweit verzweifelt ihre Verluste. Unterm Strich, so Madoff, seien 50 Milliarden Dollar weg – "mindestens". Die Börsenaufsicht SEC sieht einen Betrug "von epischen Ausmaßen".
Wann und warum das Epos genau seinen Anfang nahm, liegt noch im Dunkeln. "Wenigstens seit 2005", heißt es in Dokumenten der SEC, habe Madoff gelogen und betrogen. Was einst womöglich ganz legal begann, hatte sich über die Jahre zu einem Schneeballsystem entwickelt, zu einem, wie Madoff selbst es nannte, "giant Ponzi scheme". Der Italiener Carlo »Charles« Ponzi hatte 1920 an der Ostküste Amerikas mit dem Versprechen hoher Gewinne die Menschenmassen begeistert. Weil seine Investitionsstrategie nur mäßig funktionierte, ging Ponzi dazu über, Gewinne vorzugaukeln und alte Kunden mit dem Geld neuer Anleger auszuzahlen. Als die ersten Anleger Zweifel an Ponzis Methoden bekamen und ihr Geld zurückforderten, implodierte das System – der Schneeball wurde nicht mehr dicker, sondern zerstob.
88 Jahre später zerstob auch Madoffs Schneeball – infolge der Finanzkrise. Hohe Verluste lassen Investoren weltweit nach allem Geld greifen, dessen sie habhaft werden konnten, so auch bei Madoff: Insgesamt rund sieben Milliarden Dollar sollen seine Kunden zuletzt von ihm zurückgefordert haben. Doch da hatte Madoff nur noch 200 bis 300 Millionen Dollar übrig. "Wenn die Flut abläuft, bleibt der Schlamm zurück", heißt es. Gut möglich, dass die Geldebbe in den kommenden Monaten weitere Betrügereien zutage fördert.
Bei seinem Betrug kam Madoff sein Ruf zugute. "Der Name des Eigentümers steht an der Tür", so warb der Mann für seine Dienste, der zu den Pionieren des elektronischen Handels und damit zu den prominenten Vertretern einer Revolution an den Finanzmärkten zählte. Auch warb er mit "hohen ethischen Standards". Viele seiner Kunden gewann Madoff über direkte Kontakte, er kannte die Hedgefonds-Manager ebenso wie die reichen Privatanleger. "Er war einer der Ihren, er gehörte zur Gesellschaft New Yorks und Miamis", sagt John Coffee, Professor in New York und Kenner der Finanzgemeinde. In Golfclubs galt Madoff vielen ob seiner konstanten Gewinne als Geheimtipp. Einige Interessierte sollen auch schon mal eine Absage kassiert haben. "Die scheinbare Exklusivität ist eine wichtige Verschleierungstaktik, um einen Anlagebetrug erfolgreich durchzuziehen", erklärt Barry Minkow, der selbst wegen Anlagebetrug sieben Jahre im Gefängnis saß und heute als Wirtschaftsdetektiv arbeitet. Sie erlaube, "Leuten abzusagen, die unangenehme Fragen stellen würden".
Madoffs Ruf ließ seinen Kreis von Kunden weltweit wachsen. Selbst den Abgebrühtesten unter ihnen drohen jetzt herbe Verluste: "Wir sind schockiert und entsetzt", sagte Jeffrey Tucker vom US-Hedgefonds Fairfield Greenwich Group, 20 Jahre hätten sie mit Madoff zusammengearbeitet. Fairfield bangt nun um 7,5 Milliarden Dollar, mehr als die Hälfte seines Geldes. Andere namhafte Fonds und Geldhäuser melden ebenfalls hohe Verluste, die ihnen oder ihren Anlegern drohen.
Ein kurzer Ausschnitt aus einer langen Liste: Banco Santander aus Spanien – 2,3 Milliarden Euro. Die heute halbstaatliche Royal Bank of Scotland – umgerechnet 457 Millionen Euro. Das japanische Investmenthaus Nomura – umgerechnet 233 Millionen Euro. Die französische BNP Paribas – 350 Millionen Euro. Die Österreichische Nationalbank veranschlagt für die Anleger des Landes 350 Millionen Euro. In Deutschland spricht der Primus Deutsche Bank von einem "nicht nennenswerten Engagement", die Commerzbank lehnt aus Prinzip jeden Kommentar zu Geschäftsbeziehungen ab.
Wer noch betroffen ist, wie viel Geld jeweils am Ende in Madoffs Händen landete und unwiderruflich verloren ist, welche Bank sich auf Klagen einstellen muss – das ist vielfach noch ungewiss. Auch anderes bleibt offen: Handelte Madoff tatsächlich allein, wie er bisher beteuert? Bringt sein Betrug neben Fairfield weitere Hedgefonds ins Wanken? Ein anderer Investmentfonds immerhin, Maxam Capital Management, muss bereits schließen.
Warnsignale gab es zur Genüge – Untersuchungen der US-Börsenaufsicht und Hinweise von Konkurrenten, die Madoffs Erfolgsmeldungen mit dem Marktgeschehen abglichen. Selbst gute Bekannte des heutigen Bankrotteurs waren skeptisch. Etwa Charles Gradante, der Geschäftsführer des Hedgefonds-Beraters Hennessee Group ist und in Palm Beach zu Madoffs Nachbarn zählt: "Die Rendite schien mir zu gut, um wahr zu sein." Madoff habe ihn wegen seiner Bedenken einfach ausgelacht.
An mangelnder Transparenz kann es also kaum gelegen haben, eher daran, dass es den Behörden an den Kapazitäten oder am Willen fehlte, die Informationen auch dieses prominenten Marktteilnehmers auf das Kritischste zu prüfen. "Bernies Position als Pionier der Wall Street und Chairman der Nasdaq hat die SEC hier sicher beeinflusst", sagt Robert Heim, New Yorker Wertpapieranwalt und früher selbst SEC-Ermittler. Das Debakel könnte für die Börsenaufsicht Konsequenzen haben. Sie steht wegen ihrer Nachlässigkeit vor und während der Finanzkrise ohnehin in der Kritik. Heim erwartet eine Untersuchung in Washington. "Der Kongress wird sicher einige harte Fragen haben."
Der Fall Madoff könnte die Neuordnung der amerikanischen Aufsichtsbehörden beeinflussen. Die Notenbank Federal Reserve versuchte schon seit Längerem, sich mehr Befugnisse zu sichern – der jüngste Skandal der SEC wird ihr helfen.
- Datum 11.03.2009 - 08:23 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 17.12.2008 Nr. 52
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den man kurz zusammenfassen kann:
Die menschliche Gier ist stärker als alle drei Hirnzellen zusammen.
Wo ist das Geld? Madoff hat über 15 Jahre lang mehr als 10% jährliche Rendite produzieren können. Wenn er diese mit den Einlagen neuer Kunden finanziert hat, müssen bisher durchaus Kunden mehr verdient haben, als sie verloren haben. Schließlich hat er die 50 Milliarden nicht irgendwo vergraben, die haben jetzt einfach andere, die nicht zu den Verlierern zählen. Von denen redet niemand, obwohl sie mindestens genauso interessant zu wissen wären wie die Verlierer.
Übrigens unterscheidet sich das nur unwesentlich von dem Pyramidensystem, das die Banken mit Krediten für Häuser betrieben haben (und mit Kreditkarten immer noch betreiben): Sie haben gewußt, dass sie das Geld nie wiederkriegen, was aber egal ist, solange nur die Zinsen fließen. In der Tat kann sich fragen, ob nicht der ganze moderne globale Kapitalismus ein Pyramidensystem ist, das gerade zu implodieren beginnt.
Fast alles was Madoff eingenommen hat, hat er als "Rendite" gleich auszahlen müssen. Das heißt, das Geld ist nicht weg, sondern woanders. Die Firmen, die früh Geld in dieses System gesteckt haben, können durchaus Gewinn gemacht haben. Was auch typisch ist für ein Schneeballsystem; die letzten beißen die Hunde. Viele der Banken haben in der Vergangenheit Gewinne gemacht, das jetzt noch angelegte Geld ist natürlich weg (woanders).
Aber ich glaube Herr Madoff hat sich genügend abgezweigt, um davon leben zu können und das oberhalb von Hartz IV.
Fast alles was Madoff eingenommen hat, hat er als "Rendite" gleich auszahlen müssen. Das heißt, das Geld ist nicht weg, sondern woanders. Die Firmen, die früh Geld in dieses System gesteckt haben, können durchaus Gewinn gemacht haben. Was auch typisch ist für ein Schneeballsystem; die letzten beißen die Hunde. Viele der Banken haben in der Vergangenheit Gewinne gemacht, das jetzt noch angelegte Geld ist natürlich weg (woanders).
Aber ich glaube Herr Madoff hat sich genügend abgezweigt, um davon leben zu können und das oberhalb von Hartz IV.
Fast alles was Madoff eingenommen hat, hat er als "Rendite" gleich auszahlen müssen. Das heißt, das Geld ist nicht weg, sondern woanders. Die Firmen, die früh Geld in dieses System gesteckt haben, können durchaus Gewinn gemacht haben. Was auch typisch ist für ein Schneeballsystem; die letzten beißen die Hunde. Viele der Banken haben in der Vergangenheit Gewinne gemacht, das jetzt noch angelegte Geld ist natürlich weg (woanders).
Aber ich glaube Herr Madoff hat sich genügend abgezweigt, um davon leben zu können und das oberhalb von Hartz IV.
Das ist ja unglaublich.
Da bezahlt man Fondsmanagern ein Heidengeld, dass sie sich nach guten Kapitalanlagen umsehen, und dann fallen sie reihenweise auf einen Schneeballbetrüger rein!
Das hätte mein 17jähriger Sohn auch noch hingekriegt.
Ich zitiere: "Jeffrey Tucker vom US-Hedgefonds Fairfield Greenwich Group, 20 Jahre hätten sie mit Madoff zusammengearbeitet. Fairfield bangt nun um 7,5 Milliarden Dollar".
Zwanzig Jahre lang hat der I.... mein Geld einfach nur zu einem Serienbetrüger getragen und dafür 2 Prozent Aufschlag kassiert?
Hätte ich das gewusst, hätte ich keinen Pfennig (später Cent) an Gebühren bezahlt!
Und wieviel hat der Bl.....n nun damit verdient, dass er sich zum Narren halten liess?
Dafür die jahrelange Ausbildung als "Master of business" oder "Diplom-Ökonom" oder ... ? Dafür die millionenschweren Boni jedes Jahr?
Und wenn man die lange Liste der anderen liest, die "besten" Banken der Welt - alle haben sich reinlegen lassen wie die Zehntklässler.
Schande über Schande.
Gut, ich muss nun aufhören, sonst sperrt mich die Zeit.
Ein Satz noch:
Da bleibt mir echt nur der Spott! Ihr armseligen "Vermögensberater" - blöder geht's ja kaum noch.
Ähem ja, Schluss nun.
aj
Tschuldigung für die Tonlage. Gehört sich ja nicht. Aber wenn sich die Elite unserer hochbezahlten Anlageberater so einfach um 50 000 000 000 Dollar erleichtern lässt - da rutscht mir sowas schon mal raus. Nochmal Entschuldigung. Soll nicht wieder vorkommen.
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