Mehr als sechs Jahre arbeitet Theodore Cacioppi schon als Special Agent für die amerikanische Bundespolizei FBI. Bisher nahm die Welt von ihm wenig Notiz, doch die fünf Seiten, auf denen er am Donnerstag der vergangenen Woche seine Aussage schriftlich festhielt und mit zackiger Unterschrift bezeugte, zählen bereits jetzt zu den Klassikern der Finanzgeschichte.

In dürren Worten beschreibt er gegenüber Richter Douglas F. Eaton das Gespräch, das er wenige Stunden zuvor im New Yorker Apartment von Bernard Madoff geführt hatte: "Nachdem ich konstatierte 'Wir sind hier, um herauszufinden, ob es eine harmlose Erklärung gibt', sagte Madoff, 'es gibt keine harmlose Erklärung'." Dann habe Madoff erklärt, "dass er 'Investoren mit Geld bezahlte, das es nicht gab', ebenso dass er 'pleite' sei" und damit rechne, ins Gefängnis zu gehen. Gegenüber zwei Mitarbeitern habe Madoff am Vortag zugegeben, dass sein Geschäft "eine einzige große Lüge" sei. Jene zwei – bei ihnen handelt es sich offenbar um die Söhne Mark und Andrew – informierten später die Behörden.

Was Special Agent Cacioppi zu Protokoll gab, war das Eingeständnis des womöglich größten Anlagebetrugs in den USA – und das Ende einer glanzvollen Karriere. Madoff, 70 Jahre alt, einst Verwaltungsratschef der Technologiebörse Nasdaq, galt als Legende der Wall Street. Seit Jahrzehnten betrieb er eine Investmentfirma für Wertpapierhandel, lange wies er Renditen um zehn Prozent aus, viele Investoren schätzten den Mann mit dem honorigen Äußeren. Seit ein paar Tagen jedoch überschlagen Hedgefonds in den USA, Banken in Europa und Privatpersonen weltweit verzweifelt ihre Verluste. Unterm Strich, so Madoff, seien 50 Milliarden Dollar weg – "mindestens". Die Börsenaufsicht SEC sieht einen Betrug "von epischen Ausmaßen".

Wann und warum das Epos genau seinen Anfang nahm, liegt noch im Dunkeln. "Wenigstens seit 2005", heißt es in Dokumenten der SEC, habe Madoff gelogen und betrogen. Was einst womöglich ganz legal begann, hatte sich über die Jahre zu einem Schneeballsystem entwickelt, zu einem, wie Madoff selbst es nannte, "giant Ponzi scheme". Der Italiener Carlo »Charles« Ponzi hatte 1920 an der Ostküste Amerikas mit dem Versprechen hoher Gewinne die Menschenmassen begeistert. Weil seine Investitionsstrategie nur mäßig funktionierte, ging Ponzi dazu über, Gewinne vorzugaukeln und alte Kunden mit dem Geld neuer Anleger auszuzahlen. Als die ersten Anleger Zweifel an Ponzis Methoden bekamen und ihr Geld zurückforderten, implodierte das System – der Schneeball wurde nicht mehr dicker, sondern zerstob.

88 Jahre später zerstob auch Madoffs Schneeball – infolge der Finanzkrise. Hohe Verluste lassen Investoren weltweit nach allem Geld greifen, dessen sie habhaft werden konnten, so auch bei Madoff: Insgesamt rund sieben Milliarden Dollar sollen seine Kunden zuletzt von ihm zurückgefordert haben. Doch da hatte Madoff nur noch 200 bis 300 Millionen Dollar übrig. "Wenn die Flut abläuft, bleibt der Schlamm zurück", heißt es. Gut möglich, dass die Geldebbe in den kommenden Monaten weitere Betrügereien zutage fördert.

Bei seinem Betrug kam Madoff sein Ruf zugute. "Der Name des Eigentümers steht an der Tür", so warb der Mann für seine Dienste, der zu den Pionieren des elektronischen Handels und damit zu den prominenten Vertretern einer Revolution an den Finanzmärkten zählte. Auch warb er mit "hohen ethischen Standards". Viele seiner Kunden gewann Madoff über direkte Kontakte, er kannte die Hedgefonds-Manager ebenso wie die reichen Privatanleger. "Er war einer der Ihren, er gehörte zur Gesellschaft New Yorks und Miamis", sagt John Coffee, Professor in New York und Kenner der Finanzgemeinde. In Golfclubs galt Madoff vielen ob seiner konstanten Gewinne als Geheimtipp. Einige Interessierte sollen auch schon mal eine Absage kassiert haben. "Die scheinbare Exklusivität ist eine wichtige Verschleierungstaktik, um einen Anlagebetrug erfolgreich durchzuziehen", erklärt Barry Minkow, der selbst wegen Anlagebetrug sieben Jahre im Gefängnis saß und heute als Wirtschaftsdetektiv arbeitet. Sie erlaube, "Leuten abzusagen, die unangenehme Fragen stellen würden".

Madoffs Ruf ließ seinen Kreis von Kunden weltweit wachsen. Selbst den Abgebrühtesten unter ihnen drohen jetzt herbe Verluste: "Wir sind schockiert und entsetzt", sagte Jeffrey Tucker vom US-Hedgefonds Fairfield Greenwich Group, 20 Jahre hätten sie mit Madoff zusammengearbeitet. Fairfield bangt nun um 7,5 Milliarden Dollar, mehr als die Hälfte seines Geldes. Andere namhafte Fonds und Geldhäuser melden ebenfalls hohe Verluste, die ihnen oder ihren Anlegern drohen.