Spenden Auf Sendung sind wir gut

Warum wir lieber für Opfer spenden als für Menschen, die um ihre Rechte kämpfen

Schauen Sie hin. Kurz nur, zwei Sekunden reichen, der erste Blick ist oft entlarvender als der zweite. Was zeigt diese Szene? Vielleicht eine Disco mit Musikvideos über die Härten dieser Welt? Das gibt’s. U2 haben zu Bildern aus dem zerschossenen Sarajevo gesungen. Michael Jackson hat Clips von Ghettounruhen in den USA mit Aufnahmen fliegenübersäter Kinder in Afrika zu They don’t care about us zusammengeschnitten.

Oder ist das hier ein evangelikaler Massengottesdienst mit Chor und Video-Appell an die Barmherzigkeit? Auch das gibt es. Besonders häufig jetzt und nicht nur in Amerika. Weihnachten naht und damit wieder die Frage »Do they know it’s Christmas?«. Sie, das sind die, die im Dunkeln leben.

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Das Bild auf dieser Seite zeigt das Finale der Spendengala eines deutschen Fernsehsenders für die Opfer des Tsunamis 2004. Die Spendengala ist beides: Saturday night fever und sakrales Ritual. Wir schaffen Plätze an der Sonne, haben wahlweise »ein Herz für Kinder«, für Afrika und ganz besonders für Kinder in Afrika. Wir wollen dabei auch gut unterhalten werden von Stars, die mit unserer Hilfe und einem Spendenkonto ein wenig »Licht ins Dunkel« bringen, um selbst in umso hellerem Licht zu stehen. Ein guter Beleuchter kann jedes Fernsehstudio in eine Kathedrale voller Heiliger verwandeln.

Ist das so schlimm, so verwerflich? Ein bisschen Selbstbeweihräucherung für ein bisschen Frieden, für etwas mehr Nothilfe? Wer spendet, stimuliert Wohlfühlreize im Gehirn. Das haben amerikanische Forscher herausgefunden. Das Problem ist, dass unsere Karitas darüber hinaus nicht mehr viel stimuliert. Wir spenden inzwischen genauso, wie wir konsumieren.

Wir befriedigen ein Bedürfnis. Angefixt und aufgewühlt durch Bilder, die Wellen der Gänsehaut produzieren und wieder verebben lassen. DBM heißt dieses Syndrom: Drive-by-Mitleid. DBM beschreibt einen Zustand, in dem ich sofort etwas gegen das Elend tun, aber nicht wirklich etwas darüber wissen möchte. Ein Zustand, in dem die Elendigen nichts anderes sind als hilflose Opfer. Am besten kindlich und weiblich. Dieses Syndrom beschreibt auch einen Zustand, in dem Leiden überhaupt erst zu solchem wird, wenn es auf eine Fernsehkamera stößt.

Und das ist kein zufälliger Prozess. Eine Naturkatastrophe bekommt mehr Sendezeit als ein Bürgerkrieg – vorausgesetzt, es sind wie beim Tsunami 2004 weiße Touristen betroffen. Die Bilder hungernder Kinder treiben mehr Spenden ein als Bilder von Protestmärschen für das Recht auf Nahrung. Warum? Weil wir Hunger lieber als ein Problem der Natur sehen statt als Problem der Politik. Opfer machen Quote. Menschen, die um Rechte kämpfen, schrecken ab.

Nicht doch, spenden Sie! Gerade jetzt, wo Sie alles Geld in den Konsum stecken sollen. Aber machen Sie vorher einen Test. Legen Sie das Foto hungriger, apathischer dunkelhäutiger Menschen (unsere Lieblingsopfer sind immer dunkelhäutig) und das Foto sichtlich wütender landloser Demonstranten aus Brasilien oder Indien auf den Tisch. Bei welchem Bild regt sich Mitleid? Und bei welchem verspüren Sie Achtung?

 
Leser-Kommentare
    • Hugo_P
    • 19.12.2008 um 20:48 Uhr

    www.xxx-kinderdorf.de war grade die Werbung zum Artikel!
    Will jetzt keine Werbung ordentlich zitieren...

  1. Wie wahr.

    Die durch die Massenmedien stimulierte, rituelle Opfergabe zur beschaulichen Weihnachtszeit folgt den gleichen Mechanismen wie der Konsum: Die unerfüllte Suche nach vermeintlicher Bedürfnisbefriedigung, und sei es nur als soziales Alibi, ist nur noch einen Mausklick resp. Telefonanruf entfernt. Das Gesamtbild wird ausgeblendet.

    Hier einmal ein größerer Ausschnitt des Gesamtbilds:

    http://www.ted.com/index....

    • AD
    • 20.12.2008 um 0:16 Uhr

    Guten Abend!

    Kritische aber mMn berechtigte Kritik. Erschreckend nur, dass selbst die hilfsbereiten (und gut verdienenden) Prominenten oftmals nur für die Kamera ihr Herz öffnen. Schlimmer ist jedoch wirklich der "Ich hab doch gespendet - lasst mich mit eurem Elend in Ruhe" Spender, der regelmäßig zwei Tage altes Brot in den Müll wirft, da es "nicht mehr genießbar" ist und wir sowas(zwei Tage altes Brot essen) in Deutschland ja nicht nötig haben.

    AD

  2. Es ist ganz klar, wieso wir lieber Opfern als Aktivisten helfen - Wenn wir die Ziele vieler Aktivisten auf dieser Welt, v.a. in den sog. Entwicklungs- oder Schwellenländern ernst nehmen, müssen wir erkennen, dass ihre Probleme auch uns betreffen! Denn die Nord-Süd-Ungleichheit beruht zu einem großen Teil auf dem (neo-) liberalen, imperialistischen Gehabe des Westens. Aktivisten halten uns die Schieflage der Welt vor Augen, die wir mit zu verantworten haben, und von der wir profitieren. Und insgeheim ist uns doch klar, dass sich nur etwas ändern kann, wenn wir unsere Vormachtstellung langsam aufgeben. An dieser Stelle endet das Mitelid jedoch meistens.
    Ein hungerndes Kind mit großen Augen impliziert keine solch weitreichneden politischen Überlegungen.

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