Gummitiere Belastungstest für Hausschweine
In Schwäbisch Gmünd fertigt die Firma Schleich die erfolgreichsten Plastikfiguren der Republik
Am Fabrikationsort der Schlümpfe hat man das Gefühl, man führe durch Schlumpfhausen. In Schwäbisch Gmünd lehnen sich noch Frauen in Kittelschürze auf einen Besen und plauschen mit der Nachbarin. In den Autos fahren Toilettenpapierhäkelrollen spazieren. Auch Mistgabeln, »Rasen betreten verboten«-Schilder und Geranienampeln zieren das Stadtbild. Es scheint, als wäre hier die Bundesrepublik im Jahre 1956 in einen tiefen Schlaf gefallen und kein Prinz hätte sich durch das kleinbürgerliche Gestrüpp gewagt, um das Städtchen wachzuküssen.
Die Firma Schleich hat ganz oben auf dem Berg ihren Sitz. »In 200 Metern haben Sie Ihr Ziel erreicht«, meldet das Navigationssystem, doch der Fahrer guckt ungläubig. Hier befinden sich lediglich ein Gipfelkreuz, fünf Äcker und ein Dutzend Streuobstbäume. Das kann hier nicht sein. Aber nach 180 Metern macht die Straße einen Knick, und ein weißes Fabrikgebäude taucht auf.
Firma Schleich. 1935 von Friedrich Schleich gegründet. Den kennt man nicht, aber es gibt in Deutschland wahrscheinlich keinen einzigen Kinderhaushalt, in dem man nicht einen Schlumpf, einen Schuh-Salamander oder eben die berühmten Schleich-Tiere findet, alles von Schleich gemacht. Aus Hartgummi, sodass schon Einjährige draufrumlutschen können, und so naturalistisch geformt, dass auch 14-Jährige etwas damit anfangen können.
Schleich-Figuren blinken nicht, tuten nicht, sind batteriefrei. Man kann mit ihnen nicht Englisch lernen, und aus anthroposophisch wertvollem Holz werden sie auch nicht gefertigt. Sie sind die perfekte Symbiose aus Elternwillen (nicht kitschig, fantasieanregend, bescheiden soll es sein) und Kinderwunsch (bunt, vielseitig, zur Not auch als Wurfgeschoss verwendbar). Zahnärzte verschenken Schleich-Tiere, die für ein paar Euro erhältlich sind, nach bestandener Kariesprophylaxe. Väter bringen sie von Auslandsreisen mit (weil sie auf jedem deutschen Flughafen verkauft werden). Kinderlose Tanten kommen gleich mit einer ganzen Tüte voll an.
Was ist das für eine Firma, die den ganzen Tag Kängurus fertigt, Hauskatzen und Katzenhaie? Haben die auch Rezession, wenn der Weltölhandel einbricht? Wie verspielt sind die Mitarbeiter von Schleich? Ist das eine Gesinnungsfrage, so wie es manche gibt, die nie in einer Tabakfirma arbeiten würden? Eine Berufung, Kinder mit Plastiktieren zu versorgen?
Lustig ist hier nur der große Schlumpf im Eingang
Gleich am Eingang der Firma steht ein ein Meter großer Schlumpf, das ist aber schon die einzige Würdigung des Spieltriebs. Die Empfangsdame ist emsig, neutral, freudlos, der Pressesprecher professionell, ernsthaft, sachlich, die Figurenanmalfräuleins eilfertig, wortarm, fix, die Figurenmeister hilfsbereit, hemdsärmelig, rau. Nirgendwo trifft man auf einen Spaßvogel. Es scheint, als müsse dieser Betrieb, der sich professionell mit der Herstellung von Spiel und Spaß beschäftigt, um Ernsthaftigkeit bemühen, um ein emotionales Gegengewicht herzustellen.
- Datum 09.01.2009 - 13:42 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Serie Audio
- Quelle DIE ZEIT, 17.12.2008 Nr. 52
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren