ZEITmagazin: Frau Fischer, Sie gaben Ihr erstes Violinkonzert mit Orchester im Alter von acht Jahren, den Yehudi-Menuhin-Wettbewerb gewannen Sie mit elf, Ihr Debüt in der Carnegie Hall in New York gaben Sie mit 19, und mit 23 wurden Sie Professorin. Seit wann wussten Sie, dass Sie eine große Karriere machen würden?

Julia Fischer: Ich wollte nicht Karriere machen, aber solange ich zurückdenken kann, war ich in meinem Kopf Musikerin. Für mich war das die Ordnung der Welt. Mein Bruder war der Mathematiker, wie mein Vater, und ich war die Musikerin wie meine Mutter. Ich erinnere mich: Als ich acht war und schon einige Konzerterfahrung hatte, sind wir mit dem Auto nach Tschechien gefahren, wir hörten Mozart, Beethoven, Dvořák oder Brahms, die vier CDs, die wir immer dabeihatten, und irgendwie kam der Gedanke in meinen Kopf: Wieso mache ich das eigentlich? Warum hören, warum machen wir Musik? Es war die erste Frage in meinem Leben, die ich nicht laut gestellt habe. Ich merkte, dass ich sie für mich selbst beantworten musste.

ZEITmagazin: Und was war Ihre Antwort?

Fischer: Nach ein paar Stunden kam ich auf den Gedanken, dass man mit Musik Gefühle ausdrückt, dass man Dinge empfinden kann, die man sonst nie empfindet. Dass die Musik mir Zutritt zu einer Gefühlswelt verschafft, die ich im Alltäglichen nicht betreten kann.

ZEITmagazin: Das klingt sehr reif für eine Achtjährige.

Fischer: In dem Alter fing ich auch an, Bücher von Musikern zu lesen: Ich las mein erstes Buch von Yehudi Menuhin, ich las Heinrich Neuhaus, Alfred Brendel, Leonard Bernstein. Mein Jugendheld war Glenn Gould. Ich habe wahnsinnig viel von ihm gelesen, seine Essays über Komponisten. Das hat mich auch inspiriert, selbst zu schreiben, nicht für die Öffentlichkeit, ich wollte mich einfach ausdrücken.

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