Griechenland Die Rebellion der Braven

Athen kommt nicht zur Ruhe. Die Demonstranten träumen nicht von der Revolution, sondern von einem bürgerlichen Leben

Laserkanonen gegen die Polizei. Athens Hauptstraße sind zum Kampfplatz geworden

Laserkanonen gegen die Polizei. Athens Hauptstraße sind zum Kampfplatz geworden

Athen - Es ist nicht leicht, sich Übersicht zu verschaffen. Erst vom Dach eines Bürohauses im Zentrum kann man Athen in seiner ganzen Wirrsal betrachten. In einer Ecke des riesigen Syntagma-Platzes ersetzt der Glaser die gestern zerschlagenen Fenster. Daneben machen Athener Weihnachtseinkäufe. Von der linken Seite wogen die Demonstranten heran. Hier schützen Polizisten das Parlament am Syntagma, dort reißen schwarze Vermummte das Pflaster auf. Die ersten Brandbomben werden geworfen, die Polizei schießt mit Tränengas zurück. In den umliegenden Cafés wird griechischer Mokka serviert, leicht gezuckert mit feinem Schaum, während der Platz im roten Gefechtsnebel versinkt.

Athen am Tag sieben des Aufstands. Der Ausnahmezustand wird zur Normalität, man richtet sich im Chaos ein. Das ist guter griechischer Brauch. Doch anders als früher wird dieses Drama nicht von selbst enden. Griechenland erlebt seine tiefste Krise seit dem Ende der Diktatur 1974. Mit den Kundgebungen der Schüler, mit der brennenden Innenstadt kollabieren Lebensstil und Lebenslügen der modernen griechischen Demokratie. Der Aufstand von Athen ist Anschauungsunterricht für Europa, das vielleicht griechischer ist, als viele denken. Was sind die Ursachen der Unruhen?

Mitten im Getümmel steht Polina. Langes dunkelblondes Haar, eine Sonnenbrille darauf, graues Sweatshirt mit Kapuze, blaue Weste, modisch abgeschubberte Jeans, schlankes Gesicht, braune Augen. Polina geht seit vorigen Montag jeden Tag auf die Straße. Sie hörte zuerst in den Nachrichten, dass ein Schüler durch eine Polizeikugel ums Leben gekommen war. »Ich war total schockiert«, sagt sie. »Alexis hätte mein Bruder sein können.« Auf Indymedia, einer Netzseite von Globalisierungsgegnern, las sie mehr. Per Kurzmitteilung auf dem Handy erfuhr sie, wo die Demonstrationen losgingen. Polina hat sich mit solchen Dingen noch nie beschäftigt. Die 17-Jährige lebt zu Hause und bereitet sich aufs Abitur vor. Ihre Mutter arbeitet in einer Behörde, ihr Vater in einer Reederei. Sie haben eine Wohnung in einem Athener Vorort und ein kleines Ferienhäuschen. Sie schätzt es nicht, wenn ihr Zimmer aufgeräumt ist. Aber was ist, wenn ihre Stadt durcheinander ist?

Athens Hauptstraßen liegen da wie nach einer Invasion. Bankfilialen sind ausgebrannt, Geldautomaten eingeschlagen. Elektronikgeschäfte wurden geplündert, Hutmacher, Schmuckläden, Mobiltelefonfirmen, Kaufhauseingänge und Hotel-Entrees liegen in Trümmern. Die Einzigen, die Geschäfte machen, sind Glaser und Tischler, denn die Türen müssen fest schließen. In einer Polizeiwache versuchten Schüler, die Waffenkammer zu stürmen. Die juristische Fakultät der Athener Universität hat ihre Bibliothek verloren, in Thessaloniki ist gleich die ganze Jurafakultät abgebrannt. Autoruinen säumen die Straßenränder. Eine Kapelle steht offen mit eingeschlagenen Fenstern, auf ihren Mauern steht »Kill the cop!«

Sie sei daran nicht beteiligt gewesen, sagt Polina. »Wir wollen keine Zerstörung, schon gar keine Gewalt gegen Menschen.« Zum Beleg hält sie eine Rose hoch. Seit zwei Tagen verteilen die Schüler Blumen an die Polizisten. »Es waren einige Anarchisten, die randaliert haben.« Schläger und Systemgegner, die sich in Exarchia verstecken würden, Athens Szenestadtteil.

»Die ganze Linke zielt darauf ab, diese Regierung zu stürzen«

Abseits des Exarchia-Platzes steht eine vergilbte neoklassizistische Villa. Vom Balkon hängt eine rote Fahne herunter, die Eingänge sind mit Flugblättern beklebt. Drinnen geht es rechts die Treppe hoch in die Büroräume mit Fax, Rechnern und Flugblättern. Das Verwaltungszentrum des Aufstands. Im Erdgeschoss eine Kneipe mit Graffiti-Wänden. Nikos Jannopoulos hat es sich bei einem Glas Wein gemütlich gemacht. Seine hellbeigefarbenen Stiefel ruhen auf dem Querbalken eines Stuhls, unterm Zapatista-T-Shirt wölbt sich ein kleiner Bauchansatz. Der Mittfünfziger ist seit Diktaturzeiten in der Szene aktiv, seit 1987 im »Netzwerk für soziale Rechte«, das sich auch mit deutschen Antifa- und Linksbewegungen austauscht.

»In diesem Kampf ist es uns gelungen, die demonstrierenden Massen mit den Aufständischen zu verschweißen«, sagt Jannopoulos. Sein Netzwerk habe als eines von mehreren die Schüler auf die Straße gebracht und die Fachleute für taktische Bewegung dazu entsandt. Die empörten Schüler wurden zu Fußvolk in Jannopoulos’ Aufmarschplan. »Der Staat war machtlos, weil 1000 Anarchisten mit 100000 minderjährigen Demonstranten zusammenstanden.« Die Vorstufe zur Revolution? Jannopoulos wehrt ab. »Ein großes Wort. Ich spreche lieber vom Aufstand gegen die Polizei, gegen die Staatsgewalt.« Er nimmt einen Schluck Wein. Was nun folgt, darüber will Jannopoulos »keine Vorhersagen« machen, nur so viel: »Die ganze Linke zielt darauf ab, diese Regierung zu stürzen. Und wir wollen die Polizei so eindämmen, dass sie uns in unseren befreiten Zonen in Ruhe lässt.« Und dafür müssen kleine Ladenbesitzer, Händler und Verkäufer büßen? »Unser Ziel sind Banken und internationale Multis«, mit »Vandalismus« habe man nichts zu tun. »Wir haben keine Blaupause für die Machtübernahme.« – »Der Kapitalismus sei noch lange nicht zusammengebrochen, findet Jannopoulos, aber er steckt in seiner tiefsten Krise.« Zeit für Leute wie ihn.

Sind Polina und ihre Mitschüler einem Berufsanarchisten aufgesessen? Nicht ganz. Sie weiß, was sie nervt. Sie kennt die Zahlen der Misere ziemlich gut. »Wir haben mit die höchste Jugendarbeitslosigkeit in der EU«, sagt sie. Das Land sei teuer geworden, 20 Prozent der Griechen lebten in Armut. »Ich rackere mich in der Schule ab, doch weil das für die Universität nicht reicht, nehme ich Nachmittagskurse in fast allen Fächern.« Eine Fremdsprache zusätzlich wolle sie auch noch lernen, aber finde kaum Zeit dafür. »Wofür das alles?«, fragt sie. Für die Arbeitslosigkeit oder einen Minijob – so heißt der Albtraum einer ganzen Generation.

»Die Jugendlichen haben recht!«, ruft eilig jeder Politiker auf dem Marktplatz. Eher leise klingt dagegen das Entsetzen der politischen Klasse über die Zerstörungen. »Wir sind alle schuld«, sagt die ehemalige EU-Kommissarin Anna Diamantopoulou von der großen sozialdemokratischen Oppositionspartei Pasok. Sie fordert eine Grundüberholung des Erziehungssystems, mehr noch: »Das politische System muss neu gegründet werden!« Das Linksbündnis Syriza hat die Jugendlichen in der vergangenen Woche sogar angefeuert, ihrem Ärger Luft zu machen. Ihr Vorsitzender Alavanos erklärt die »kochende Wut« zum »sozialen Phänomen«. »Wir werden nicht die Ankläger, sondern die Verteidiger der Jugend sein.« Die skandalgeschüttelte Regierung von Premier Kostas Karamanlis lobt sich für ihre »Defensivstrategie« in der Krise. »Wir pflegen die Meinungsfreiheit«, sagt ein Sprecher. Was soll man mit nur einer Stimme Mehrheit im Parlament auch schon anderes machen? Die Polizei hat keine Wasserwerfer. Sie geht nicht – obwohl das Gesetz ihr das erlaubte – in die Technische Universität Athen, um eine Brandbombenfabrik im Seminarraum auszuheben. Sie setzt dem Aufstand kaum Grenzen. In Athen regiert nicht die Regierung, sondern die Angst.

Einen wie Thanos Veremis ärgert das maßlos. »Das sind alles rückgratlose Flagellanten«, schimpft er über die politische Klasse. Der angesehene Historiker Veremis leitete bis vor Kurzem den nationalen Bildungsrat, der das Erziehungssystem überholen sollte. Gegen wichtige Teile der Reform – etwa die Anerkennung der Abschlüsse von Privatuniversitäten – machte der Linksbundvorsitzende Alavanos die Demonstranten mobil. Dann fiel die Oppositionspartei Pasok um. Schließlich strich die Regierung das Reformprogramm zusammen. »In allen Parteien sitzen hemmungslose Opportunisten, die dem Lautesten nach dem Mund reden«, sagt Veremis. Doch Vorsicht, sagt er, Populismus mache nicht zwingend populär.

»Die Jugend darf alles, weil sie betrogen worden ist«

Bestimmt nicht bei Polina. Sie war zwar auch gegen die Anerkennung der Privat-Unis, weil »dann nur die Kinder der Reichen profitieren« würden. Aber Vertrauen in Alavanos und Co. hat sie deshalb nicht geschöpft. »Ich traue niemandem in der Politik«, sagt sie, da komme man nur hoch, wenn man mit den Mächtigen verwandt sei. »Ich kenne keine Vorbilder mehr.« Polinas Pessimismus passt gut zu den Marmordenkmälern in der Nähe der Universitäten. Dort hat jede Büste der Verdienten einen Bart oder ist komplett schwarz lackiert.

Treffen mit einem Denkmal der griechischen Literatur. Petros Markaris, berühmt durch seine großen Kriminalromane, hat sich in einem klassischen Athener Mittagslokal gefüllte Zucchinis bestellt. Beim Essen zerlegt er die politische Klasse des Landes. »Wir haben es hier mit dem Verfall einer dynastischen Erbdemokratie zu tun«, sagt Markaris. Seit 50 Jahren werde Griechenland mit Ausnahme der Juntazeit von drei Familien beherrscht. Was Premier Karamanlis und Oppositionsführer Georgios Papandreou auszeichne, seien vor allem die Familiennamen ihrer legendären Vorfahren. Unter dem Sozialisten Andreas Papandreou habe die griechische Misere begonnen. Er habe die EG-Subventionen benutzt, um den Sozialstaat aufzublähen. »Man durfte für mehr Geld kürzer arbeiten und früher in Rente gehen.« Aber Griechenland lebte auf Kredit, die Mittelklasse über ihre Mittel.

Für die »Generation Papandreou« gehörten Eigentumswohnung, Sommerhaus und mindestens ein Auto zur Grundausstattung. Den Kindern der Mittelschicht ging es so gut wie nie zuvor einer jungen Generation. »Man wollte die bescheidene eigene Kindheit vergessen«, sagt Markaris. Die Kinderzimmer liefen vor Spielzeug über, der Geburtstag wurde im Restaurant gefeiert, mit 18 Jahren gab’s ein Auto zum Abitur. »Die Lebenslüge:«, sagt Markaris, »das alles war vom Staat geliehen, und der lieh es sich woanders. Vorbei!« Jetzt breche dieses System zusammen. »Die Griechen beginnen den Staat zu hassen, weil er sie nicht mehr so bedient wie früher.« Wenn sie ihre Kinder nun durch die demolierten Straßen ziehen sehen, beschlichen die Eltern, die Behörden, die Regierung Schuldgefühle. »Die Jugend darf alles«, sagt Markaris, »weil sie betrogen worden ist.«

Was will Polina, die seit einer Woche durch die Straßen Athens zieht? Umsturz, Revolution, Herrschaftslosigkeit? Nichts dergleichen. »Ich möchte einen Uni-Abschluss, der etwas wert ist.« Sie träumt von einem guten Job und einem Gehalt, von dem sie leben kann. »Ich will Grafikdesignerin werden, beim Fernsehen oder in der Werbebranche.« Wenn sie das in Griechenland nicht erreichen kann, will sie ins Ausland gehen. Das klingt maßvoll, wirklichkeitsnah, unpolitisch.

In den Köpfen von Polina und vieler Schüler auf dem Athener Syntagma-Platz spukt nicht die Revolution, sondern ein durchaus bürgerlicher Traum. Vom ganz normalen Leben ihrer Eltern, die dafür die Rücklagen des Landes aufgebraucht haben. Die 17-Jährige ist Kind der sozialen Ordnung, die heute in Griechenland und vielleicht bald in anderen Teilen Europas zerbirst. Als Polina sich verabschiedet, gehen auf ihrem Handy Kurznachrichten ein. In Madrid, Rom und Kopenhagen randalieren Demonstranten aus Solidarität mit den griechischen Schülern.

 
Leser-Kommentare
  1. Papandreou habe die griechische Misere begonnen. Er habe die EG-Subventionen benutzt, um den Sozialstaat aufzublähen."

    Die Blaupause für das was die Die Linke auch bei uns anrichten würde. Auch so gesehen waren die Rot-Grünen Reformen erfolgreich, notwendig und angemessen.

    Die Frage wird sein ob die Rezession allen Bemühungen einen Strich durch die Rechnung macht, Stichwort Staatsverschuldung.
    Wenn nämlich nicht in absehbarer Zeit mehr vom Lohn für die Bedürfnisbefriedigung verwendet werden kann waren die Reformen für die Katz.

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