Kuba Volkes Villen
Der Vedado war einst das schickste Viertel von Havanna. 50 Jahre nach der Revolution ist er ein buntes Gesamtkunstwerk

© Juan Carlos Borjas/AFP/Getty Images
Bröckelnde Fassaden: In die Bürgerhäuser zogen verdiente Kämpfer mit ihren Familien ein - ihr Geld reicht gerade mal fürs Überleben
Die mannshohen Flügel des Eisentors werden nur noch von einem dünnen Draht zusammengehalten. Das Schloss fehlt. Und nicht nur das: Neben dem Tor fehlt gleich ein ganzer Meter Zaun. Wir gehen zum Eingang der schwer ergrauten, halb vernagelten Villa hinauf, stellen fest, dass die Klingel nicht funktioniert, und rufen. Zögerlich blickt die weißhaarige Bewohnerin aus einem Fenster des ersten Stocks. Erst nachdem sie überzeugt ist, dass vom Besuch keine Gefahr droht, kommt sie herunter und öffnet die Tür. Wir betreten eine Ruine.
Als Bella vor knapp 60 Jahren hier einzog, befand sich der stattliche Bau in Havannas altem Villenviertel Vedado noch in vorbildlichem Zustand. Und Bella tat damals das Ihrige, um diesen tadellosen Eindruck zu erhalten. Sie war das Hausmädchen der Eigentümer.
Heute ist von den Herrschaften niemand mehr am Leben. Und Bella, eine zarte Frau um die 80, angetan mit einer ausgeblichenen Kittelschürze, käme gegen den Verfall ohnehin nicht an. Der fünf Quadratmeter große Spiegel hinter einer weit ausholenden Marmortreppe, die in den ersten Stock führt, ist fast komplett erblindet. Die Armaturen aller vier Bäder sind verrostet. In einem Salon im ersten Stock ist ein Stück Dachstuhl durchgebrochen. Die Möbel und Gemälde von früher hat der Sohn der Familie irgendwann noch zu Geld gemacht. Dann starb auch er. Nur ein Regal voller dunkler, alter Buchrücken ist in der ehemaligen Bibliothek geblieben. Ganz unsentimental zeigt Bella die hohen, abgenagten Räume. »Tja, man sollte…«, sagt sie, »man sollte…« Aber sie hat nichts, womit man könnte. Ihr eigenes Geld reicht gerade mal fürs Essen.
Als vor 50 Jahren, am 1. Januar 1959, in Havanna die Revolution siegte, war der Vedado eines der schmucksten und begehrtesten Viertel der kubanischen Hauptstadt. Bereits Jahrzehnte zuvor hatte sich die Finanzelite des Zuckerhandels hier ein nobles Refugium geschaffen, um der übervölkerten Enge in der östlich angrenzenden Altstadt zu entkommen. Die sauber nach Ziffern und Buchstaben sortierten Straßen des Vedado waren von Bäumen gesäumt, dahinter standen, vornehm vom Bürgersteig zurückgesetzt und in Pastelltönen gestrichen, die meist neoklassizistisch herausgeputzten Villen der Mittel- und Oberschicht. An seinem oberen Ende schlug das Meer gegen die Mauern der legendären Uferpromenade Malecón. Rings um die Rampa, den zum Wasser hin abschüssigen Abschnitt der Calle 23, tobte das Nachtleben – bis Castros Rebellen das Rotlicht löschten.
Die Bourgeoisie kennen die meisten nur aus dem Geschichtsunterricht
Reiche Kubaner, die die Insel nach der Revolution gen Miami verließen, gaben ihren Besitz damit automatisch – wenn auch unfreiwillig – an den jungen sozialistischen Staat weiter. Nur ein paar Nachkommen der ehemals besseren Stände hielten eisern an ihren immobilen Erbstücken fest. Vertrieben wurde niemand. Auch die erzwungene Wohnraumteilung nach sowjetischem Vorbild blieb aus. In die leer stehenden Villen wurden ausgesuchte Institutionen, Botschaften und verdiente Kämpfer mit ihren Familien einquartiert. Wie eine demokratische kubanische Regierung eines Tages mit Rückgabe- und Entschädigungsfragen umgehen wird, weiß bisher niemand.
Einstweilen bleibt es diese wild gewachsene Mischung aus aristokratischen Fassaden und volkstümlicher Füllung, die die Seele des Vedado ausmacht. Man mag von Castros Regime halten, was man will: Auf den Besucher von draußen wirkt das Viertel zugänglicher, offener, aufgeschlossener im Wissen, dass man hier eben nicht an einer langen Reihe von eingezäunten Privatburgen entlangstreift, sondern einen vielfach geteilten Lebensraum durchmisst. Kubaner wollen von solchen Fantastereien natürlich nichts wissen: Viele würden die private Burg den kollektiven Sorgen vorziehen.
Die Bourgeoisie kennen die meisten der Bewohner nur aus dem revolutionären Geschichtsunterricht oder aus den Telenovelas, die allabendlich das Volk vor dem Fernseher versammeln. Wer um diese Zeit durch die Straßen streift, kann im Vorübergehen von einer offenen Verandatür zur nächsten oft ganze Dialoge mithören. Allerdings tut man besser daran, seine Aufmerksamkeit dem Bürgersteig zu widmen, denn die Wurzeln der mächtigen Benjamini-Bäume am Wegesrand haben Krater ins Trottoir gerissen und etliche Steinplatten hügelartig aufgeworfen. Dem Hindernislauf zum Trotz schlendert es sich nirgendwo entspannter als im Vedado, ebenjener Bäume wegen, unter denen man tagsüber der Sonne entkommt, und dank der frischen Luft, die vom nahen Meer heraufzieht.
Mario Coyula stammt aus einer der wohlhabenden Familien, die sich schon vor seiner Geburt eine Residenz im Vedado leisten konnten. Die Penthousewohnung des 73 Jahre alten Architekten liegt im fünften Stock eines vorrevolutionären Apartmenthauses, eingerichtet mit Stilmöbeln und modernen Stücken der fünfziger Jahre. »Der Vedado ist erhalten geblieben«, sagt er beim Kaffee auf seinem Balkon, »weil zur rechten Zeit das Geld fehlte, um abreißen zu lassen und neu zu bauen.« Glücklicherweise sei den Revolutionären der bürgerlich-aristokratische Stil des Viertels nie ein Dorn im Auge gewesen. »Die Generallinie lautete: Was für den Bourgeois gut war, wird auch für den Rest der Bevölkerung gut sein.«
Vogelkäfige und blumenbewachsene Bidets stehen auf Doras Terrasse
Der Architekt schwärmt vom Bestand – und schimpft zugleich über den freibeuterischen Umgang seiner Landsleute damit. Freier Wohnraum ist immer knapp gewesen in dieser Stadt. Die Familien im Vedado wachsen, Tausende Zuzügler vom Land sind über die Jahre dazugekommen. Ohne große Rücksichtnahme auf Originalstil, ästhetische Empfindsamkeit oder aktuelle Bauvorschriften haben die Kubaner an allen Ecken und Enden nach Bedarf angebaut, draufgesattelt, zugemauert. Coyula zeigt auf einen Verschlag am Rande eines nahe gelegenen Daches: »Kampfhähne!« Langsam, glaubt er, verwildere das Viertel ein wenig.
Wo es keinen offiziellen Wohnungsmarkt gibt, muss man sich eben zu helfen wissen. So wie Dora, eine beleibte Schwarze Anfang 40. Ihre Mutter besetzte Anfang der sechziger Jahre ein Großbürgerhaus, dessen Besitzer in die USA geflohen waren. Als Dora eine eigene Wohnung brauchte, setzte sie einfach eine Dachwohnung samt Terrasse auf den Seitenflügel. Nur eine schmale Eisenstiege führt hinauf. Dort steht Dora im Freien vor einer sowjetischen Waschmaschine und hilft der alten Schleuder ein wenig beim Waschen nach. Heute hat sie ihren freien Tag. Die Bodega, der Lebensmittelladen, in dem sie arbeitet, gibt nur alle zwei Tage Milch und Joghurt an diejenigen aus, denen von Staats wegen eine Ration zusteht.
Doras Terrasse wirkt wie ein Trödelschuppen unter freiem Himmel: antike Singer-Nähmaschinen, drei ausrangierte Bidets, die als Blumentöpfe dienen, eine Parkbank, daneben acht Tropensittiche, auf diverse Käfige verteilt. Von der Brüstung der Terrasse aus weist Dora in die weitere Nachbarschaft. Nebenan wohnte bis vor Kurzem ein befreundeter Busfahrer, der nun seinem Bruder nach Spanien gefolgt ist. Dora schüttelt abfällig den Kopf: »Da hat er’s auch nicht leicht. Wenn ich schon im Elend leben muss, lebe ich lieber hier.«
Der Vedado ist ein Sittengemälde kubanischen Alltags. In seinen Straßen leiern die Rufe fliegender Händler, die je nach Angebot Früchte, Rattengift, Käse oder Raumspray anpreisen. Füllige Familienväter in halb über die Brust gerollten Unterhemden und junge Mulattinnen in Stretch-Pants promenieren in diesem unvergleichlichen kubanischen Gang, der ein Stück Zeitlupe in Echtzeit zu sein scheint. Auf der Calle 23, der Hauptschlagader des Vedado, cruisen die alten Chevrolets, Pontiacs und Oldsmobiles. Mittlerweile dienen sie meist als Sammeltaxis, sind auf festgelegten Routen unterwegs, und Ausländern ist die Mitfahrt offiziell verboten. Aber wer sich das Ausländersein nicht anmerken lässt, wird ohne Weiteres mitgenommen.
Tatsächlich dient ein Gutteil des täglichen Hin und Her in den Straßen allerdings der Grundversorgung, dem mühevollen Beutezug inmitten eines ausgeprägten Mangels an Angeboten – überall da jedenfalls, wo die Preise in sozialistischer Basiswährung ausgezeichnet sind. Vom staatlich gezahlten Lohn allein kann im 50. Jahr der Revolution niemand leben. Manchen Bewohner des Vedado rettet sein großes Haus: Maximal zwei Zimmer dürfen an Touristen vermietet werden. Zwar erhebt der Staat darauf eine heftige Steuer, aber bei guter Auslastung lohnt sich das Geschäft trotzdem.
Alberto Pérez bietet – vertraulich – sogar ein ganzes Apartment an, im Obergeschoss der weißen Doppelstockvilla, die er mit seiner Mutter, seiner Frau und den beiden kleinen Töchtern bewohnt. Ein Teil der Familie lebt mittlerweile in Europa, das hat Platz geschaffen. Gedrechselte Möbel aus dunklem Holz, eine weinrote Polstergarnitur, farbige Mosaikfenster, Schaukelstühle auf dem Balkon, von Weinreben umrankt – Pérez hat retten können, was dem alten Dienstmädchen Bella im Laufe der Zeit abhandenkam. In einer Vitrine findet sich sogar eine imposante Spielzeugauto-Sammlung.
»Das beste Stück steht allerdings unten im Hof«, sagt Pérez. Wir blicken hinunter auf einen leuchtend rot polierten 57er Chevrolet, abfahrbereit. Leider gehört er nicht Pérez, sondern einem Franzosen, der immer wieder mal nach Havanna kommt, um Jagd auf alte Autos zu machen. »Mir gehören nur die Fettflecken«, seufzt Pérez und zeigt auf eine speckige Wand im Flur. »Dort lehnen sich immer die Mechaniker an und telefonieren verzweifelt Ersatzteilen hinterher.«
Havanna
Unterkunft:
Im Vedado stehen verschiedene große Hotels. Am schönsten ist man sicherlich im Hotel Nacional untergebracht. Das hat einen Extrahügel am Meer für sich, große, klassisch eingerichtete Zimmer und einen Innenhof mit kleinem Park, in dem man auch als Nichthotelgast mal einen Drink nehmen sollte (Calle O esq. 21, Tel. 00537-8363564,
www.gran-caribe.com
, DZ ab 145 Euro). Nach Privatunterkünften kann man sich vorab im Internet umsehen, zum Beispiel auf der Seite
www.bedincuba.com
. Wer lieber direkt vor Ort entscheidet, muss auf ein blaues, dachähnliches Logo auf weißem Grund achten, das die Vermieter am Haus hängen haben. Gute Jagdgründe sind beispielsweise die Calle 27 zwischen Paseo und 2, die Calle B zwischen 29 und 31 oder die Calle 29 zwischen B und C. Aber Achtung: Selbst wer eine Privatunterkunft vorab reserviert hat, muss auf dem Einreisevisum den Namen eines Hotels angeben, für das (angeblich) eine Reservierung vorliegt
Essen: Eines der besten Restaurants im Vedado ist das privat betriebene Huron Azul. Hier gibt es lokale Küche in teils modernisierten Versionen. Die Wände der kleinen Speisesäle sind vollgehängt mit kubanischer Malerei (Calle Humboldt 153 esq. P, Tel. 00537-8363636, www.huronazul.info ). Einen Besuch wert ist auch der Markt in der Calle 19 zwischen A und B. Hier kann man (mit kubanischen Basis-Pesos!) zum Beispiel frische Früchte kaufen
Sehen: Auf der Calle 23 zwischen D und E befindet sich die Casa Museo, das »Museumshaus« des Vedado: Die einstöckige weiße Villa wurde 2007 »originalgetreu« im Stil der vorrevolutionären Großbourgeoisie eingerichtet. Bisher sind Besichtigungen nur nach Voranmeldung unter der Nummer 00537-8353398 möglich
Auskunft: Kubanisches Fremdenverkehrsamt, Tel. 069/288322, www.cubainfo.de
- Datum 18.12.2008 - 14:15 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 17.12.2008 Nr. 52
- Kommentare 4
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Sie schreiben "...Vertrieben wurde niemand. Auch die erzwungene Wohnraumteilung nach sowjetischem Vorbild blieb aus.... ".
Warum schreiben Sie wenige Zeilen weiter "Wie eine demokratische kubanische Regierung eines Tages mit Rückgabe- und Entschädigungsfragen umgehen wird..."?
Wer soll hier von wem warum wofür entschädigt werden?
Wenn hier jemand sein Grundstück verlassen und verkommen lassen würde, würde es doch sicherlich auch mit breiter Zustimmung irgendwann in kommunalen Besitz übergehen und die Kommune könnte dann damit machen was sie will.
Über Kuba als "buntes Gesamtkunstwerk" zu schreiben, ist ungefähr so geschmackvoll, wie die Inneneinrichtung eines Gulag zu loben ... Wie schön für die eingesperrten Menschen, die Tausenden auf der Flucht Ertrunkenen, dass alles so "bunt" ist. Die Armut und Ausweglosigkeit treibt einen Teil der Bevölkerung in Depression und Alkoholismus und den anderen Teil durch verzweifelte Identifikation mit ihren Peinigern in bitterem Fanatismus.
Ich kenne zwei Menschen, denen die Flucht aus dieser Hölle gelungen ist. Die gucken sich jetzt lieber in der Freiheit irgendwas anderes "Buntes" an ...
Wenn man wie in Kuba für einen simplen Untertischkühlschrank 20 (in Worten: zwanzig!) Monatsgehälter hinlegen muss, noch dazu in staatseigenen Läden, dann liegt schlimmster Monopolkapitalismus in der klassenlosen sozialistischen Gesellschaft vor. Und die Kubaner leiden unsäglich; etwa 15 € pro Monat und für den Kühlschrank 300! Bei anderen Konsumartikeln ist es ähnlich krass.
Da muss üble Geschäftemacherei und Neid entstehen, da wird geklaut, was geht, und keiner traut seinem Nachbarn. Aus Angst vor Überfällen wird nicht aufgemacht! Das Viertel Vedado mit der rosaroten Brille in Himbeersosse zu tunken, ist weltfremder kleinbürgerlicher Romantizismus und ganz bittere Ironie für die gebeutelten Kubaner, die man angesichts des üppigen Mangels an allem mit einem geschenkten Stück Seife glücklich macht.
Wenn man wie in Kuba für einen simplen Untertischkühlschrank 20 (in Worten: zwanzig!) Monatsgehälter hinlegen muss, noch dazu in staatseigenen Läden, dann liegt schlimmster Monopolkapitalismus in der klassenlosen sozialistischen Gesellschaft vor. Und die Kubaner leiden unsäglich; etwa 15 € pro Monat und für den Kühlschrank 300! Bei anderen Konsumartikeln ist es ähnlich krass.
Da muss üble Geschäftemacherei und Neid entstehen, da wird geklaut, was geht, und keiner traut seinem Nachbarn. Aus Angst vor Überfällen wird nicht aufgemacht! Das Viertel Vedado mit der rosaroten Brille in Himbeersosse zu tunken, ist weltfremder kleinbürgerlicher Romantizismus und ganz bittere Ironie für die gebeutelten Kubaner, die man angesichts des üppigen Mangels an allem mit einem geschenkten Stück Seife glücklich macht.
Wenn man wie in Kuba für einen simplen Untertischkühlschrank 20 (in Worten: zwanzig!) Monatsgehälter hinlegen muss, noch dazu in staatseigenen Läden, dann liegt schlimmster Monopolkapitalismus in der klassenlosen sozialistischen Gesellschaft vor. Und die Kubaner leiden unsäglich; etwa 15 € pro Monat und für den Kühlschrank 300! Bei anderen Konsumartikeln ist es ähnlich krass.
Da muss üble Geschäftemacherei und Neid entstehen, da wird geklaut, was geht, und keiner traut seinem Nachbarn. Aus Angst vor Überfällen wird nicht aufgemacht! Das Viertel Vedado mit der rosaroten Brille in Himbeersosse zu tunken, ist weltfremder kleinbürgerlicher Romantizismus und ganz bittere Ironie für die gebeutelten Kubaner, die man angesichts des üppigen Mangels an allem mit einem geschenkten Stück Seife glücklich macht.
Das Gros der Kubaner mag zwar arm sein, aber ihre Herzlichkeit ist überwältigend.
Alleine schon deshalb lohnt es sich dort zu leben und sie lieben ihr Land, trotz allem. Wenn Freiheit sich dazu gesellt, wäre es ein fantastisches Land. Viva Cuba. Ich hoffe für Dich.
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