Der Irak steht vor den Kommunalwahlen im Januar. Der österreichische Publizist, Opernregisseur und Fernsehreporter Paul Flieder bereiste das Land von Mitte Oktober bis Mitte November 2008 mit der Filmkamera. Im Gegensatz zu den meisten Journalisten hielt er sich nicht in der stark gesicherten Grünen Zone Bagdads auf, sondern fuhr auf eigene Faust, begleitet von Eskorten, durch den Irak. Sein Bericht spricht allen Zeugnissen Hohn, die behaupten, der Irak nähere sich dem Frieden oder gar der Normalität.

Bagdader Mauern. Die Stadt mauert sich ein. An fast jeder Straßenecke Polizei und Militär. Auf den Stadtautobahnen trennen Betonmauern die Häuser vom Verkehr, Mauern blockieren auch die Auf- und Abfahrten. Behörden, andere Institutionen und Firmen sind ummauert. Seit vor dem Nationaltheater eine Autobombe explodierte, ist auch dieses von Mauern umgeben. Wüsste man es nicht besser, könnte man glauben, jeder Bezirk bekämpft den anderen und hat seinen Bereich zur Festung ausgebaut. Die Wahrheit ist: Die Menschen haben panische Angst vor Selbstmordattentätern, die mit vollen Tankwagen und Bomben in Gebäude rasten und Tausende Menschen in den Tod reissen. Die Betonwälle sollen ihnen das erschweren; sie sollen auch die Druckwellen von Bombenexplosionen brechen. Manche Viertel kann man nur im Zickzackkurs durchqueren; man fährt an den links und recht versetzten Betonwällen vorbei und wird alle hundert Meter kontrolliert. Eine Fahrt aus dem Zentrum in einen Außenbezirk ist mehr als eine Fahrt, es ist eine Reise. Man kann noch so früh starten, irgendetwas hält einen auf. Ganz zeitig am Morgen sind es beispielsweise die gepanzerten Minenräumfahrzeuge. Sie kontrollieren die Hauptstraßen, und man schleicht hinter ihnen durch die Stadt. Wenn sie Verdächtiges finden, steht der Verkehr eine Stunde oder noch länger. Niemand drängelt sich vor; die Leute wissen, warum.

Das Bomben-Fernsehen. Die Terrorangst und die Militärschikanen haben bei den Menschen in Bagdad zu einer völligen Umstellung der Lebensgewohnheiten geführt. Längst hat sich das Leben von der Straße in die Häuser verlagert. Dort sitzt man wegen der sengenden Sonne in verdunkelten Wohnungen. Geschäfte und Märkte sperren zwischen 16 und 17 Uhr zu. Nach 18 Uhr versickert auch der Autoverkehr. Keine Einladungen mehr, kein Ausgehen. Es gab früher Flaniermeilen mit Discos, Restaurants und Kunstgalerien. Dort stehen jetzt Betonmauern.

Schaltet man die Kamera ein, wird jeder irakische Politiker sagen, dass es jetzt ruhig sei. Ist man fertig mit dem Interview, beschwört er einen, nur ja nicht ohne Eskorte das Haus zu verlassen. Wie die Sicherheitslage wirklich sein dürfte, zeigt ein skurriles Detail. Es gibt hier einen Sender, Arrai TV (Meinungs TV), der 24 Stunden am Tag ausschließlich Attentate sendet, ein Bomben-CNN sozusagen. Man berichtet über die Vorbereitungen, die technische Durchführung, über das Attentat und die Folgen, bringt Vorab-Interviews mit dem Attentäter. In einer Schriftleiste werden Telefonnummer und E-Mail-Adresse eingeblendet. Wer einen Selbstmordanschlag vorhat, schickt eine Mail an info@arrai.tv mit genauer Zeit- und Ortsangabe, und schon kommt er nicht nur zu den 70 Jungfrauen ins himmlische Paradies, sondern auch noch ins irdische Fernsehen. In einer Sendung lernte ich, wie man eine Autobombe bastelt; die Zünder waren alle made in USA.

Festungspolitik . Ich habe drei Tage lang im Haus des Chefs der Patriotischen Partei Kurdistans in Mosul gewohnt. Er verlässt das Gelände praktisch nie. Wenn er nach dem Frühstück den 30 Sekunden langen Weg ins Büro geht, umringen ihn zehn schwer bewaffnete Bodyguards. Und das innerhalb des hoch ummauerten Parteigrundstücks. Fremde, die ihn besuchen, werden freundlich, aber gründlich durchsucht. Wer nicht zu den engsten Vertrauten gehört, muss seine Waffe abgeben. Und eine Waffe hat hier jeder. Zur Außenwelt hält der Mann nur über Telefon Kontakt. Er hat drei Mobiltelefone. Nach dem Abendessen telefoniert er sechs, sieben Stunden lang. Ich war schon längst schlafen gegangen und hörte ihn immer noch telefonieren. Was in der Welt sonst noch passiert, liest er im Internet.

Nicht stehen bleiben! Als ich einmal ewig auf den Bürgermeister von Mosul wartete, war mir nach dem 17. Tee die Herumsitzerei in seinem Büro zu blöd. Ich wollte spazieren gehen. Sein Sekretär wurde bleich. »Das ist viel zu gefährlich.« Er verschwand. Und kam mit zwei bewaffneten Polizisten zurück. »Jetzt kannst du gehen. Bleib aber bitte nie lange irgendwo stehen. Hier gibt es Sniper.« Die Polizisten taten ihre Arbeit gründlich. Wenn ein Fahrer am Straßenrand stehen blieb, um jemanden aussteigen zu lassen, verjagten sie ihn sofort. Man sah ihnen an, dass sie Angst hatten.

An einer Kreuzung winkt mich ein Polizist zu sich: »Do you speak English?« Meine Freude war grenzenlos, denn seit die Intelligenz zu einem großen Teil aus dem Irak vertrieben worden ist, trifft man nicht mehr viele Leute, die Englisch können. Wir kamen ins Gespräch über den Terror. »Das sind nicht nur die Iraner, die Syrer und die al-Qaida. Das sind auch unsere Leute.« – ??? – »Viele nutzen die Lage für sich selbst aus. Ich habe einen schönen Job, bin gerade befördert worden. Wenn einer meinen Posten haben will, legt er mir eine Bombe ins Auto oder knallt mich ab. Nachher war es Osama bin Laden

Das höre ich immer wieder. Die Politiker trauen ihrer eigenen Polizei nicht. Und die Polizisten trauen einander nicht. Ein Kommunalpolitiker sagt mir: »Ich schätze, dass 30 bis 50 Prozent unserer Polizisten mit den Terroristen sympathisieren oder nach Dienstschluss selbst Terroristen sind.« Zu viele haben ein Interesse an einem destabilisierten Irak. Zum Beispiel die Syrer und die Iraner, die mit dem Terror amerikanische Militärkräfte binden wollen, aber auch Iraker selbst, die ihre eigenen, persönlichen Interessen durchsetzen. Nach den Vertreibungen der Christen aus Mosul hatte die irakische Regierung verkündet, sie habe zusätzliche Kontingente von Polizisten in die Stadt geschickt. Das stimmt. Aber damit auch zusätzliche, gut ausgebildete Terroristen. Das Morden dort hat nicht aufgehört.

Vergebt dem Fahrer! Ein Kapitel für sich ist der irakische Autoverkehr, 40 Prozent der Fahrer haben keinen Führerschein. Was passiert bei einem Unfall? Ein Freund erzählte es mir. Vor eineinhalb Jahren krachte ein Lkw in seinen Toyota. Resultat: zwei Tote, der Freund verletzt. Schuld war der Lkw-Fahrer. Er wurde eingesperrt. Seine Familie pilgerte zu meinem Freund. Ob er vergeben könne? Er vergab. Ob er helfen könne, dass auch die Familien der beiden Toten vergeben können? Er half. Es wurde gefeilscht wie auf dem Basar. Je ein Haus, ein neues Auto und Geld für die Hinterbliebenen der beiden Toten gegen Vergebung. Mit dieser Vereinbarung ging man zu Gericht, damit war die Sache erledigt, der schuldige Lenker kam frei. In diesem Fall hat eine sehr große Familie viel Geld zusammengelegt. Und wenn jemand keine große, zahlungswillige Familie hat? Das ist im Irak unüblich. Aber wenn es passiert, verdunstet der schuldige Lenker im Gefängnis. Und da kann er noch von Glück reden. In Freiheit würde er nicht lange überleben.