Nur wer die Kunst liebe, sagt Joachim Kaiser, sei auch in der Lage, sie zu kritisieren. Das klingt wie ein Allgemeinplatz. Aber in dem Satz liegt das Geheimnis von Kaisers Erfolg: Neben Marcel Reich-Ranicki ist er der berühmteste Kritiker der Republik, ein Groß- und Altmeister seiner Zunft. Und bis heute macht er allen vor, wie innig die Kritikerliebe zur Kunst ausfallen kann. Es gibt keinen Zeitungsartikel, keinen Buchtext, keinen Rundfunkvortrag von ihm, in dem nicht die Hingabe an den Gegenstand seiner Betrachtung zu spüren wäre. Kaiser, der leidenschaftliche Esser und Weintrinker, hat nie lustlos näselnd in der Kunst herumgestochert. Immer macht er sich genießerisch über sie her. Sein Appetit ist ansteckend.

Am 18. Dezember wird er 80 Jahre alt, im Januar ist er seit 50 Jahren Redakteur der Süddeutschen Zeitung. Aber Wagner-Müdigkeit scheint er nicht zu kennen, die Beethovensonaten waren ihm nie über, wenn er über Schuberts große C-Dur-Symphonie schreibt, geht ihm jedes Mal neu das Herz auf. Kaiser ist Enthusiast und will an seinem Enthusiasmus jeden teilhaben lassen. Fritz J. Raddatz hat einmal berichtet, wie der Freund auf seiner Geburtstagsparty "im violett-rötlichen Samtschimmer des Bordeaux" zu einem "spielerisch Bildungsbrocken speienden Vulkan" wurde und die gesamte Runde derart vereinnahmte, dass der Maler Paul Wunderlich anmahnte, dass "eigentlich doch der Fritz" Geburtstag habe. Kaiser selbst erzählt am liebsten die Geschichte von der Klofrau, um seinen Äußerungsdrang zu illustrieren: Wenn ihn jemand nach einer Theateraufführung frage, wie er den Abend fand, werde er eine Stunde auf diesen einreden. Sei niemand da, gehe er auf die Toilette, um der Klofrau zu erklären, was ihm gefallen und was ihm nicht gefallen habe.

Er ist ein Kritiker, der aus der Praxis schöpft

Kaiser-Hymnen (meist auf die Werke und seltener auf die Interpreten) fallen dementsprechend enflammiert aus. Von Wundern, wahrer Größe und gewaltiger Tiefe ist viel die Rede. Dagegen entfachen seine Verrisse (die eher rar sind) kaum je giftigen Vernichtungsfuror, sie handeln meist davon, wie ein geliebtes Meisterwerk gegen "nicht hinreichende" Interpretation in Schutz genommen werden müsse. Bei Reich-Ranicki gingen Besprechungen immer zehn zu null oder null zu zehn aus, sagt Kaiser, während die Realität in der Kunst doch anders aussehe, da mische sich meist Gelungenes mit Misslungenem. Dies voneinander zu scheiden, behutsam argumentierend, präzise (mit Taktangaben!) belegend und auf die Nuance großen Wert legend, ist ihm wichtiger, als spektakelnde Urteile zu fällen.

Auf dem Cover seines neuen Buches, Ich bin der letzte Mohikaner (Ullstein Verlag), das er zusammen mit seiner Tochter Henriette Kaiser veröffentlicht hat, sieht man ihn an einem Flügel sitzen, die Hände auf den Tasten, den Kopf schief gelegt, die Augenlider gesenkt, den Bügel der Lesebrille im Mundwinkel. Man ahnt, dass er sich in dieser Pose besonders gut getroffen fühlt: Der Musikkritiker, der aus der Praxis schöpft. Das Buch basiert auf einem Film, den Henriette Kaiser über ihren Vater gedreht hat, es ist ein biografisches Patchwork aus Erinnerungen, Reportageszenen, Interviewpassagen und nachgedruckten Rezensionen. Man erfährt darin, wie tief Kaiser von frühester Kindheit an mit Musik verwurzelt ist, wie sehr er immer auch ausübender Musiker sein wollte – und es in privatem Rahmen sein Leben lang geblieben ist.