Martenstein "Schreiben Sie wie Paolo Coelho!"
Unser Kolumnist kämpft auf seiner Lesereise mit kaputten Mikrofonen und bekommt wertvolle Tipps von einer Buchhändlerin
Kolumnisten kennen kein Weihnachten. Ich bin wieder auf Tour. Ich sitze im Speisewagen und esse Chili con Carne. Ich bin dieser Typ da hinten in den ranzigen Klamotten, der so fertig aussieht.
Auf Tour zu sein bedeutet, morgens an einem Bahnsteig zu stehen, nachmittags in einem Hotelzimmer zu sitzen und abends einen Auftritt hinzulegen. Frankfurt. Köln. Neuwied. Die Tour ist schlecht organisiert. Die Termine stehen nicht mal auf der Homepage des Verlages, geschweige denn in der Zeitung. Am Abend kommen, trotz – Genitiv zum Chili? Niemals! – freiem Eintritt und freiem Alkohol, fünf bis acht Zuhörer, meistens Leute, die zufällig vorbeigelaufen sind und denen kalt ist. Falls es ausnahmsweise einmal ein Mikro gibt, dann funktioniert es nicht. Während der Lesung klingelt in der Buchhandlung das Telefon. Die Buchhändlerin lässt es klingeln. This is the end, my friend.
Nach der Lesung sagt die Buchhändlerin: "Versuchen Sie, genauso zu schreiben wie Paulo Coelho, der erfolgreichste Autor der Welt. Das ist nur ein gut gemeinter Tipp." Ich antworte: "Bevor ich so schreibe wie Paulo Coelho, lasse ich mir lieber ohne Betäubung die Weisheitszähne ziehen." Obwohl.
Wir blicken hinaus auf die nächtliche Straße, bis die letzte Schneeflocke des Tages die Wolken verlässt. Unsere Seelen tanzen wie Schmetterlinge aus Eis in der klaren Winterluft. Ich sage: "Mit dem, was ich tue, will ich den Menschen dazu verhelfen, Weisheit zu erlangen. Die Menschen nennen mich einen Meister. Aber die Menschen begreifen nicht, dass jeder Meister mit seiner Lampe in der Dunklen Nacht nur beleuchtet, was er selber sehen will. Die Menschen sind Meister ihres eigenen Schicksals."
"Hey, gar nicht so schlecht", sagt die Buchhändlerin. "Na also, wird doch."
Die Wolken hängen immer noch tief, sie sprechen von nahem Schnee. Ich fasse die Hand der Buchhändlerin, wie man den Flügel eines verletzten Vogels fasst, und führe sie an mein Herz. Ihre Augen leuchten. Ich spreche von den Zügen, wie sie die Weisheit der deutschen Autoren auf eisernen Adlerschwingen von Stadt zu Stadt tragen, auch zur Weihnachtszeit. Während die anderen unter einem freundlichen Wintermond im Kreis der Ihren ihre Seelen wärmen, sitzen die Kolumnisten einsam im kalten Licht der Hotelzimmer und lauschen, den Eitergeschmack der mittelgroßen Städte auf der Zunge, dem Rauschen des Spätprogramms auf ProSieben. "Wir müssen Gottes Hand ergreifen, wie man den warmen Wind der Wüsten fängt, und um unsere Träume kämpfen", sage ich. "Jeden Tag. Jede Nacht. Träume kommen immer zum richtigen Zeitpunkt, meine schöne Tochter."
"Wow", sagt die Buchhändlerin. "Fast besser als das Original."
"Hör niemals auf, um die Liebe zu kämpfen. Tu, was du für richtig hältst, kümmere dich nicht um die anderen. Gott hört dich, höre auch du Gott, wie er heiß in deinen Adern pulst. Das ist der Sinn des Lebens und das Feuer der Leidenschaft und so weiter und so fort. Patati, patata. Lass uns, im Namen der ewigen Weisheit und im Angesicht Gottes, das Fest der Liebe feiern." Ich ziehe die Buchhändlerin an mich.
"Das wird mir jetzt aber doch ein bisschen unangenehm", sagt sie. "In den Geschichten von Paulo Coelho läuft es aber auch immer so", sage ich. Die Buchhändlerin reißt sich los und rennt davon.
"Man kann den Menschen nur nahe sein, wenn man einer von ihnen ist! Benutze deine Sinne! Deine Seele hat die Lektionen vergangener Leben nicht vergessen! Schöpfe deine verborgene Seite aus der Weisheit der Zeit!", rufe ich ihr nach.
Aber Coelho bringt es auch nicht immer.
Zu hören unter www.zeit.de/audio
- Datum 18.03.2009 - 12:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 17.12.2008 Nr. 52
- Kommentare 2
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werter Herr Martenstein,
muss Hetti Salmiak gewesen sein aus Ostwestfalen. Mit ihrem Coelho-Tick nervte sie angeblich auch Paul Gascoigne, der sich in ihren Buchladen aber nur verirrt haben soll. Wahrscheinlich war's nicht mal Paul Gascoigne.
Herzlich
Ihr Erdge Schoss
das ist die schoenste rachephantasie, die ich seit langem gelesen habe. ich habe traenen gelacht.
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