Ein solches Beobachtungsgerät hat die Welt noch nicht gesehen: Groß wie ein Kontinent soll es werden und den Kosmos nach der Strahlung der ersten Sterne absuchen. Allein das Herzstück im niederländischen Urlaubsort Exloo wird 400 Hektar groß; doch nach einem Giganten aus Beton und Stahl hält man vergeblich Ausschau. Lediglich unscheinbare Antennen im morastigen Boden künden von dem Riesenteleskop, das mitten in einem Naturpark entsteht. Ausflügler, die hier künftig nach Vögeln oder Bibern spähen, werden von dem hoch ambitionierten Astronomieprojekt kaum etwas sehen.

Das unscheinbare Äußere ist typisch für die neueste Strategie der Himmelsforscher: Statt mit immer größeren Teleskopschüsseln das All zu beobachten, setzen sie auf viele dezentrale Empfangsstationen, die per Software zu einem virtuellen Teleskop zusammengeschaltet werden. Weltweit üben sich die Astronomen derzeit in dieser Kunst der Vernetzung, und kaum irgendwo lässt sie sich besser beschreiben als in den Niederlanden, wo man sich mit astronomischen Revolutionen auskennt.

Hier begann vor 400 Jahren der Umsturz des mittelalterlichen Weltbilds, als der Brillenschleifer Johannes Lipperhey in Den Haag das erste Fernrohr der Weltgeschichte präsentierte. Mit Lipperheys Gerät haben heutige astronomische Beobachtungsstationen nicht mehr viel gemein. Die Leistungsfähigkeit moderner Großteleskope hat das All für die Menschheit nicht nur um Millionen Lichtjahre größer gemacht – sondern auch um einiges farbiger. Denn während Astronomen anfangs nur das sichtbare Licht der Sterne sahen, hat die Zunft im 20. Jahrhundert zunehmend auch andere Fenster im elektromagnetischen Spektrum im Blick: von der extrem hochfrequenten Gammastrahlung über die Röntgen-, Ultraviolett- und Infrarot- bis hin zur Radiostrahlung. In jedem dieser Bereiche fanden sich überraschende, zuvor nicht sichtbare Objekte.

Das in Exloo entstehende Low Frequency Array (Lofar) vermisst den Himmel im Bereich der Radiowellen. Die haben den Vorteil, weniger von intergalaktischen Staub- und Nebelwolken absorbiert zu werden als etwa das sichtbare Licht. Sie erlauben daher den Blick in die am weitesten entfernt liegenden (und damit ältesten) Bereiche unseres Kosmos. So soll Lofar zum Beispiel Aufschluss über die Geburt der ersten Galaxien vor rund zwölf Milliarden Jahren liefern.

Zugleich aber soll das Teleskop auch die Erde selbst in den Blick nehmen. Lofar wird zur Erforschung der Erdatmosphäre und des Mikroklimas in benachbarten Äckern eingesetzt. Und es soll sogar in unseren Planeten hineinhorchen. Denn die Niederländer, deren Heimat zu einem Viertel unter Normalnull liegt, haben ein Problem: Der Meeresspiegel steigt, und vielerorts sinkt der Boden ab. Unter anderem schafft die Erdgasförderung hier einsackende Hohlräume, die es frühzeitig zu erkennen gilt. So dient die Radioastronomie zugleich der Erderkundung und der Klimaforschung.

Planungszentrale für Lofar ist das Niederländische Institut für Radioastronomie, Astron, in der Provinz Drenthe, rund 50 Kilometer südlich von Groningen. Dass das Institut sich bei Dwingeloo im Wald versteckt, hat einen guten Grund: Zahllose moderne Geräte wie Autos oder Mobiltelefone machen im Radiowellenbereich Radau und stören die Beobachtungen. Daher ist schon die Zufahrtsstraße gesperrt, Schilder mahnen, Handys auszuschalten.

Doch die rund 150 Astronomen und Ingenieure hier fahren munter Auto und parlieren mobil. »Unsere große Antenne steht derzeit still«, klärt die Astronomin Corina Vogt auf und zeigt auf eine riesige Radioschüssel, die das mehrstöckige Gebäude von Astron überragt. Der Koloss gehört zu einer aussterbenden Art. Solche Radioschüsseln wiegen bereits mehrere Tausend Tonnen und können nur dank aufwendiger Technik umschwenken auf neue Himmelsregionen. Versuchte man diese Sauriertechnik zehnfach zu vergrößern, würde sie unbezahlbar, und sie würde unter ihrem Eigengewicht kollabieren. »Deshalb bauen wir nun ein Riesenradioteleskop der nächsten Generation«, sagt Vogt.