Vor einem Jahrzehnt – Anfang der siebziger Jahre – habe ich einmal die Leipziger Messe besucht. Dort ergab es sich, an einem für mich zufällig freien Abend, dass in der Thomaskirche eine Bachsche Kantate gegeben wurde. Wir telefonierten mit dem Kirchbüro und baten um Einlass und um unauffälligen Zugang. Man sagte uns: "Kommen Sie zwei Minuten vor Beginn, der Pastor wird Sie am Seiteneingang erwarten." So geschah es. Der Pastor führte meine Frau und mich zu unseren Plätzen im Chor der Kirche, die vollends gefüllt war.

Die Musik begann, kaum dass wir uns hingesetzt hatten. Etwas verstohlen und unauffällig ließen wir unsere Augen durch die Kirche gehen; und sie fielen auf eine einzelne, langstielige rote Rose, die vor uns auf dem Boden lag. Genauer besehen, lag die Rose auf einer Grabplatte, die in den Fußboden eingelassen war. Sie war schmucklos, und sie trug Johann Sebastian Bachs Namen und seine Lebensdaten. Mich ergriff eine unbeschreibliche Rührung und Erregung. Ich hatte Mühe, mich selbst in Disziplin zu nehmen. Denn dieser Augenblick, Bachs Musik im Ohr, seine Thomaskirche und seinen Namen vor Augen – dieser Moment rief mir alles das auf einmal ins Bewusstsein, was ich im Laufe des Lebens der Bachschen Musik verdankte.

Zu Besuch in der DDR zu sein war allein schon erregend genug gewesen. Nun aber kam die Begegnung mit einem der größten Geister hinzu, die unser Volk hervorgebracht hat. Kaum jemals habe ich tiefer gefühlt, was es bedeuten kann, ein Deutscher zu sein. Und ebenso habe ich kaum jemals deutlicher empfunden, welches Glück aus der Musik fließen kann.

Musik sei zur Rekreation des Gemütes, so hat bekanntlich Bach einmal geschrieben. Und das ist wohl wahr. Rekreation – das bedeutet in unserer heutigen Sprache wohl Erholung. Heute würde Bach vielleicht sagen: Musik gilt der Erneuerung der Seele des Menschen.

Natürlich bedarf es der Anleitung, um zu lernen, Musik zu hören. Das ist wie mit Sprechen und Lesen und Schreiben, das muss man als Kind auch alles erst lernen. Ich hatte Glück in meiner Kindheit; denn dank der Anleitung durch meine Mutter und dank der Übung in meiner Schule habe ich relativ früh gelernt, Musik zu hören. Meine Mutter hatte als junges Mädchen vor dem Ersten Weltkrieg unter Alfred Sittard im Kirchenchor gesungen. Und deshalb war es ganz natürlich, dass bei uns zu Hause sich oft ihre Geschwister und ihre Cousinen und Cousins um das Klavier versammelten, um vierstimmig zu singen. Einer meiner Onkel war Musiklehrer an einer Volksschule, er war sozusagen der Leiter dieses kleinen Familienchors.

Und ein- oder zweimal hat er uns damals, es muss 1930 gewesen sein oder 1931, die Goldberg-Variationen vorgespielt. Sie erschienen mir mit meinen damals zwölf oder dreizehn Jahren als der absolute Höhepunkt polyphoner Musik. Und wenn ich heute Glenn Goulds Interpretation der Goldberg-Variationen von der Platte wieder und wieder höre, so wollen sie mir immer noch und erneut als ein Höhepunkt der Musik schlechthin vorkommen. Dieser Onkel übrigens, Ottomar Heinz Otto, schenkte mir damals das Notenbüchlein der Anna Magdalena Bach. Manche der Stücke konnte ich spielen, andere, wie zum Beispiel die e-Moll-Partita, waren viel zu schwierig. Aber es gibt im Notenbüchlein der Anna Magdalena Bach auch eine Aria in G-Dur, die konnte ich spielen. Und erst Jahrzehnte später habe ich begriffen, dass jenes Stück aus meiner Kinderzeit zugleich das Thema der Goldberg-Variationen ist.

In der Lichtwark-Schule haben wir unter Ernst Schütt und Ludwig Moormann viel musiziert und gesungen. Und dabei haben mich immer die Klarheit, die Durchsichtigkeit und die Ordnung der polyphonen Barockmusik mehr angezogen als alle Klassik und Romantik. Schütz, Pachelbel, Buxtehude – das waren meine Komponisten. Vor allem aber Bach, Telemann, Vivaldi, Purcell. Die Bach-Söhne liebte ich auch, aber schon mit Abstrichen. Je durchsichtiger eine Musik war, umso mehr ging sie in mein Ohr. Wir sangen natürlich auch Modernes – Kurt Weills freche Songs, aber eben auch Paul Hindemith.