Wir befinden uns im großen Paulus-Jahr, ausgerufen durch den Vatikan – und niemand scheint es recht zu bemerken. Viele halten den Apostel offenbar für eine Figur von vorgestern, die allenfalls noch in den Kirchen und an den Theologieseminaren ihre Bedeutung besitzt. Doch sie irren sich gewaltig. Bereits 2002 fand in Los Angeles ein Symposion mit dem Titel Saint Paul and Modernity statt. Teilnehmer waren – neben anderen – die Philosophen Alain Badiou, Giorgio Agamben und Slavoj Žižek. Und gemeinsam machten sie sich daran zu zeigen, wie modern der Apostel Paulus in Wahrheit ist.

Zwei Antworten bieten sich an. Gleicht unsere heutige Situation mit der alleinigen Supermacht USA und dem konkurrenzlosen Modell des globalen Kapitalismus nicht derjenigen vor 2000 Jahren, als das römische Imperium die damals bekannte europäisch-mediterrane Welt alternativlos beherrschte? Und war nicht Paulus der Einzige, der diesem imperialen Modell eine überzeugende Alternative entgegenhielt: indem er den gekreuzigten Christus zum Gegenkaiser ausrief, das römische Rechtssystem mit der Parole vom »Ende des Gesetzes« attackierte und die christliche Gemeinschaft, in der »alle eins in Christus sind« (Gal. 3, 28), als Gegenentwurf zur spätantiken Klassengesellschaft propagierte?

Zum Unbehagen am politischen Neoliberalismus gesellt sich heute ein Unbehagen an der kulturellen Postmoderne. Sie ermuntert uns zu immer neuen Grenzüberschreitungen, verbietet uns jedoch gleichzeitig jedes bedingungslose Engagement. Wenn heute jemand einer politischen oder religiösen Überzeugung auch unter widrigen Umständen die Treue hält, wird er sofort mit dem Vorwurf konfrontiert, das sei fundamentalistisch und totalitär. Was vielmehr gefordert wird, ist ein permanenter Skeptizismus, Relativismus und Pragmatismus, der jede absolute Wahrheitsbehauptung vermeidet.

Paulus verkörpert das Gegenmodell zum heutigen Zeitgeist

Die drei gewichtigen Philosophen, von denen hier die Rede ist, artikulieren, jeder auf seine Weise, das Unbehagen an dieser Sackgasse, in die die Postmoderne geraten ist. Und sie entdecken überraschenderweise im Apostel Paulus einen Verbündeten. Überraschenderweise, weil Paulus in jeder Hinsicht das Gegenmodell darstellt zu dem, was der heutige Zeitgeist von uns verlangt. Er ist ein Glaubender und kein Skeptiker, ein engagierter Kämpfer und kein neutraler Beobachter. Gerade das macht ihn für Badiou, Agamben und Žižek interessant. Badiou entdeckt in Paulus ein Modell für das, was er eine »Politik der Wahrheit« nennt, einen auf die Singularität des Subjekts gegründeten Universalismus. Agamben sieht in ihm den Zeugen einer messianischen Zeiterfahrung, die den endlosen Aufschub des Sinns, wie ihn Jacques Derridas Dekonstruktion propagiert, aufhebt in einer »Fülle der Zeit«, einem emphatischen »Jetzt«. Žižek schließlich liest ihn als einen Theoretiker der Säkularisierung, der das religiöse Paradigma bis zu dem Punkt vorantreibt, an dem es sich selbst aufhebt: im Tod Gottes am Kreuz.

Der 1937 in Marokko geborene französische Philosoph Alain Badiou hat in seinem 1988 erschienenen Hauptwerk L’être et l’événement (Das Sein und das Ereignis, diaphanes Verlag) zwei grundlegende Unterscheidungen vorgenommen. Zunächst die zwischen Sein und Ereignis, wobei »Sein« für die unendliche Vielfalt des positiv Vorhandenen steht, für das, was dem Wissen zugänglich ist. Die zweite Unterscheidung betrifft die Differenz zwischen der Vielfalt der vorhandenen Elemente und dem Versuch, eine Ordnung in diese Fülle zu bringen. Dieser Versuch, die Vielfalt des Seins in die Struktur einer »symbolischen Ordnung« zu überführen, hat jedoch seinen Preis: Es kommt zur Trennung zwischen Elementen, die in die symbolische Ordnung aufgenommen werden, und solchen, die aus ihr ausgeschlossen sind. Ein Beispiel: Der moderne Nationalstaat beruht auf der Unterscheidung zwischen Bevölkerung und Staatsvolk, zwischen Einwohnern und Bürgern. Die durch staatsbürgerliche Rechte definierte Menge der Bürger ist dabei stets kleiner als die undefinierte Menge der tatsächlich vorhandenen Einwohner. Die den Staat begründenden Theorien weigern sich allerdings, diesen Mechanismus der Ausschließung anzuerkennen.

Wir sollen uns erschüttern lassen und der Erschütterung treu sein

Aber das Sein und die symbolische Ordnung sind nicht alles, was es gibt. Es kommt vor, dass aus dem Bereich dessen, was aus ihr ausgeschlossen wurde, völlig unberechenbar ein Element auftaucht und die symbolische Ordnung daran erinnert, dass ihr Anspruch, das Ganze zu repräsentieren, pure Ideologie ist. Dieses Auftauchen des Unberechenbaren nennt Badiou »Ereignis«. Als am 14. Juli 1789 die Pariser Bevölkerung die Bastille stürmte, fand so ein Ereignis statt. Der theologische Begriff für dieses Unerwartete, das aus der vorhandenen objektiven Situation nicht ableitbar ist, lautet: Wunder. Um solch ein Wunder zu begreifen, bedarf es eines Denkens, das nicht mehr Denken des Seins, sondern Denken des Ereignisses ist. Der Prototyp eines solchen Denkens ist für Alain Badiou der heilige Paulus.

Das Ereignis, von dem Paulus erschüttert wird, ist die Kreuzigung und die Auferstehung Christi. Sie wird für ihn zum Ausgangspunkt einer neuen Theorie der Subjektivität und eines neuen Konzepts von sozialer Gemeinschaft. In seinem 1997 veröffentlichten Buch Paulus – Die Begründung des Universalismus (diaphanes Verlag) entwickelt Badiou anhand der paulinischen Briefe seine Theorie des Ereignisses, des Subjekts, der Wahrheit und der Universalität. Badiou unterscheidet zwischen Individualität und Subjektivität. Ein Individuum ist ein Mensch mit genau definierbaren Eigenschaften. Das neue christliche Subjekt dagegen, als das Paulus nach seinem Bekehrungserlebnis auftritt, ist ein Mensch ohne Eigenschaften. Es hat einen Prozess der Entleerung durchgemacht, mit seinem bisherigen Leben gebrochen, um »in Christus« ein neues Leben zu beginnen: »Ist also einer in Christus, ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen; siehe, ein Neues ist geworden« (2 Kor. 5, 17).

Und genau dieser voraussetzungslose neue Anfang fasziniert Badiou. Paulus liefert damit das Gegenmodell zur heutigen multikulturellen Identitätspolitik, bei der es darum geht, dass ein Individuum oder eine Gruppe das in ihnen angelegte Potenzial verwirklichen sollen. Diese Identitätspolitik nagelt einen auf das fest, was man immer schon ist. Das paulinische Subjekt dagegen wird, indem es sich vom Christusereignis berühren lässt, offen für eine neue, noch nicht vorhandene Identität. Subjekt sein heißt für Badiou, sich von einem Ereignis erschüttern zu lassen und dieser Erschütterung dann die Treue zu halten.