Medien Kassandra kommt

Wie im Internet zwielichtige Propheten zu Volkshelden werden

Wundersam sind die Wege zum Ruhm. Ein südkoreanischer Blogger, der unter dem erheiternd alteuropäischen Decknamen »Minerva« seine Kommentare im Internet schreibt, ist zu einer nationalen Berühmtheit geworden, seit er im Juli voraussagte, die amerikanische Kreditkrise werde in Kürze auf die koreanische Wirtschaft übergreifen. Und wie geschrieben, so geschehen. »Minerva« ist in der Gegenwelt des Netzes zu einer entscheidenden Autorität emporgestiegen. Die Regierung tobt, seit er des Weiteren prophezeit hat, der koreanische Börsenindex werde sich in Kürze halbieren. Aber das Publikum vertraut und huldigt ihm. Wer hätte gedacht, dass es noch einmal möglich sein würde, ausgerechnet im Genre der Kassandra, der ungeliebten Unheilsbotin, zu einem geliebten Star zu werden?

Nun sind unheilvolle Zeiten natürlich traditionell gute Zeiten für schwarze Propheten. Auch heißt es, dass Koreaner gemeinhin besonders misstrauisch gegenüber der Regierung und offiziellen Verlautbarungen seien; da wird ihnen die inoffizielle Welt des Internets mit ihren kaum regulierten, spontanen, privaten und anarchisch ins Kraut schießenden Meinungsäußerungen vertrauenswürdiger sein. Aber andererseits – wie viele schwarze Prophetien für die Zukunft des Kapitalismus im Allgemeinen und die Kapitalmarktentwicklungen im Besonderen sind nicht seit Langem überall, in Bibliotheken wie im Netz, bekannt und verfügbar? Warum machte nun »Minerva«, warum machten nicht die Klassiker Marx und Engels Karriere?

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Ein Gran Zufall ist immer dabei. Es reicht nicht, im Netz zu schreiben oder die passenden Texte vorrätig zu halten; man muss auch entdeckt und gelesen werden. Es ist, um in der humanistischen Vorstellungswelt des Bloggers zu bleiben, alles eine Frage dessen, was die Griechen den Kairos, den rechten Augenblick, nannten. Aber gerade dieser macht die Prophetien des Koreaners auch so banal, zumindest naheliegend. Wo eine weltweite Epidemie herrscht, ist die Voraussage einer Ansteckung nicht eben originell.

Manches spricht dafür, dass es nicht der Inhalt, sondern das Medium war, das der Prophetie ihre Durchschlagskraft verlieh. Es ist wohl so, dass dem Internet noch immer jene jugendlich verjüngende Kraft zueignet, selbst längst Bekanntes, trivial Naheliegendes in den schimmernden Glanz des eben neu Geborenen zu tauchen. Im Internet, so scheint es, artikulieren sich nicht die saturierten Experten, die schon die Wirtschaftskrise von 1929 gesehen haben, sondern jene, deren Blick zum ersten Mal auf die Bescherung fällt. Mit Rudyard Kipling gesagt: »Der Schakal kam August zur Welt, / September hat’s geregnet, / Sprach er: Dass soviel Regen fällt, / Ist mir noch nie begegnet.«

Aber wahrscheinlich hat, wer unter dem Label der Minerva (vulgo Göttin der Weisheit) auftritt, schon recht viel gesehen. Es sind die Internetnutzer, die unter dem Eindruck der Weltwirtschaftsstürme sich die Äuglein reiben und dankbar sind, dass ihnen einer das Wetter deutet. Die Optimisten haben ihren Kredit verspielt. Kassandra, übernehmen Sie!

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Leser-Kommentare
    • iDog
    • 17.12.2008 um 21:42 Uhr

    ist man, wie viele der regelmaeßigen leser hier wissen, vor allem von herrn joffe gewohnt. dass es jetzt mal der herr jessen ist, erstaunt da doch etwas, zumal er sich hier ueber das medium hermacht, das er gerade benutz.

    man fragt sich durch diesen wiederspruch erstaunt, was will uns der "kultur"-kommentator hier erklaeren. sind es sybillische weisheiten, welche nach altem muster und ohne unterhaltungswert enttarnen, oder macht er sich tatsaechlich ueber den umstand lustig, dass in internet medien auch mal etwas angeboten wird, was einer partikulaeren wahrnehmung ohne "goettlichen" segen des zentralorgans seinen weg zur masse der rezipienten fand zu einem zeitpunkt, da sich die betroffenen inhalte fuerdie grossmedien noch unter der presseschweigepflicht der "marktgesetze" befanden?

    ich frage mich warum herr jessen nicht ueber Nouriel Roubini herzieht, der hat immerhin schon vor 2-3 jahren gewust , was uns heute allen als unanzweifelbar klar erscheint, ist jetzt auch ein gefeierter star der "kasandra" szene , aber auch der grossmedien ( siehe ZEIT artikel zu roubini) und vor allem der oekonomie, obwohl der nicht nur im internet , sondern auch in TV interviews und im hoersaal einer uni seine beobachtungen und wahrnehmungen zur kommenden krise laut verkuendet hat und soge begruenden konnte. der wurde schon sehr lange der schwarzseherei bezichtigt, auch von der zeit.

    unter diesem gesichtpunkt blamiert sich hier herr jessen, den ich sonst meist recht unterhaltend fand, komplett. einerseits ist natuerlich der besagt blogger "minerva" als ein lokales phaenomen anzusehen, denn es gibt diese art von bloggern natuerlich in jedem land - auch in der BRD , der EU - en masse, aber vielleicht gibt es in suedkorea eben nur einen einzelnen, was den relativen erfolg erklaerlich machen wuerde. andererseits ist die arrogante haltung des autors gegenueber den "Internetnutzer, die unter dem Eindruck der Weltwirtschaftsstürme sich die Äuglein reiben und dankbar sind, dass ihnen einer das Wetter deutet" ja thematisch gar nicht relevant, wusste oder wollte doch im juli noch keiner etwas von "Weltwirtschaftsstürmen" im winter wissen, also entweder als plumpe provo zu deuten, denn fuer dumm wiederum kann man jessen aus erfahrung nicht halten, oder als rundum publikumsbeschimpfung einer undurchsichtigen jessen-one-man show anzusehen. was hat herr jessen davon seine leser derart zu vergraezen und zu blindfischen zu erklaeren, weil diese nicht durch den verfehlten bildungsauftrag von staat und medien verstehen was an den finanzmaerkten losgebrochen ist? er tut gerade so, als seine wir alle und er besonders selber roubini. oder beansprucht er den kasandratitel eigentlich und insgeheim fuer sich und seinesgleichen ? kann ja nicht sein bei dem informationsloch auf seiten der ZEIT.

    wird hier vielleicht gerade das kind mit dem bade ausgeshuettet und wir erleben einen verzweifelten letzten versuch den grossmedien mit "goettlichem" guetesiegel - ja der sermom wird moeglicherweise auch noch gedruckt - die letzte oelung zu verabreichen, bevor wir armen "Internetnutzer" uns alle vor lachen "die Äuglein reiben", zusammenbrechen und endgueltig abschwoeren bei den immer laecherlicher werdenden interpretationen einesgesellschaftlichen und wirtschaftlichen untergangsscenarioes, das natuerlich die "hofbereichterstattung" nicht wirklichkeitsgetreu eroertern kann, denn wer liesst oder sogar beschreibt schon gern seinen eigenen untergang?

    wir haben herzhaft gelacht her jessen, aber diesmal ueber sie, und ein bisschen schadenfruede war auch mit dabei.

  1. Die Koreaner trauen ihrer Regierung nicht. Der Regierung nicht zu trauen ist vernünftig, in jedem Land der Welt und für jedes Volk der Welt.

    In Deutschland traut die Regierung den fünf Professoren des Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung nicht mehr. "...Diese so genannten Weisen ... [produzieren] ... vor allem viel heiße Luft ...“, so Peter Struck. Er habe Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) darum vorgeschlagen, den Sachverständigenrat abzuschaffen.

    Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Klaus Zimmermann, traut sich selbst nicht mehr und seinen Kollegen auch nicht. Er hält es für sinnvoll, dass die vielen nationalen und internationalen volkswirtschaftlichen Institutionen ihre Wirtschaftsprognosen aussetzen sollten. Ökonomen würden zur Zeit alle verwirren, wenn sie ständig neue Zahlen in die Welt setzen. Man könnte sich vorstellen, eine zeitlang keine Prognosen vorzulegen.

    Mit der Einsicht "Ich weiß, dass ich nicht weiß", haben nun also auch die Volkswirte den Gipfel der Erkenntnis erreicht, wenn man denn Sokrates vertraut, was einem in der Praxis aber nicht viel weiterhilft.

    Wem kann man heute also überhaupt noch trauen? Vielleicht doch Minerva?

    Vielleicht Max Otte! In Deutschland z. B. wurde die Krise bereits im Jahre 2006 von dem Wirtschaftsprofessor in seinem Buch Der Crash kommt für das Intervall zwischen Ende 2007 und 2010 prognostiziert.

  2. Also, ich habe diesen Zusammenbruch der Finanzsysteme auch vor ca. 1,5 Jahren in diversen Foren "vorausgesagt". Das war aber keine Kunst, denn spätestens da konnte man in unseren Medien schon über die gefährliche Blase bei den amerikanischen Imobilien- und Hypothekengeschäften nachlesen. Auch wurde damals schon vor den großen Knall gewarnt.

    Ich verstehe nur überhaupt nicht, warum jeder und besonders unsere Politiker sich dann so überrascht gaben, als es endlich so weit war.

  3. 1. Kassandra war die Wahrsagerin, der zwar vergönnt war in die Zukunft zu sehen, die aber mit dem Fluch belegt war, daß ihr niemand glauben sollte. Siehe die Zerstörung Trojas

    2. Die Finanzkrise kann nicht so offensichtlich gewesen sein. Sonst hätten nicht Millionen Anleger diese großen Verluste erlitten.

    Es ist halt im Feuilleton wie beim Fußballspiel. Beim Länderspiel fühlt sich jeder Zuschauer als Nationaltrainer. Den Elfmeter hätte jeder Zuschauer locker leicht versenkt.

    Am Finanzmarkt fühlt sich jeder, der die Zahl seiner Finger kennt, als Anlageexperte. Die hohe Kunst des Zählens wird wohlweislich nicht angenommen. Allzuviele haben die Zahl der Finger auswendiggelernt.

  4. Ob eine Finanzkrise ausbricht oder ein Vulkan in Costa Rica oder eine Syphilisepidemie im Vatikan, Zufall oder Glück vorausgesetzt, wird man im Internet immer einen finden, der's vorhergesagt hat. Und von den Zehntausenden, die sich was völlig anderes gedacht haben, redet niemand.

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    Alles, was gesagt werden kann, kann klar gesagt werden -
    Ludwig Wittgenstein

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  • Serie Audio
  • Quelle DIE ZEIT, 17.12.2008 Nr. 52
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