Gummistiefel

Tillmann Prüfer fragt: Kann Kautschuk wirklich schön sein?

Wenn man bislang einen Menschen in Gummistiefeln sah, wusste man: Hier bewegt sich jemand nicht im öffentlichen Raum, zumindest in seiner eigenen Wahrnehmung. Hier muss jemand Rüben vom Acker holen oder Würmer aus dem Watt oder sonst etwas Unappetitliches. Dass sich daran etwas ändern würde, hätte man sich denken können – spätestens als sich Kate Moss vor zwei Jahren erstmals beim notorisch verregneten Musikfestival in Glastonbury mit Gummistiefeln der schottischen Marke "Hunter" zeigte. Dann war es eine Weile Mode bei weiblichen Einwohnern des Berliner Stadtteils Mitte, beim Sturz ins nächtliche Clubleben Gummistiefel in bunten Farben zu tragen. Aber in Berlin war es auch schon Mode, mit Verkehrssicherheitswesten auszugehen oder mit Atemschutzmasken.

Mittlerweile gibt es allerdings kaum mehr Zweifel, dass der Gummistiefel das wichtigste Accessoire der nasskalten Jahreszeit ist. Es gibt Modelle von Gucci mit goldenen Schließen, Burberry verziert sie mit Fell oder Schmucknieten, Céline mit Lederbesatz. Mit derlei Gummistiefeln kann man sich getrost auf eine Abendveranstaltung verirren, vorausgesetzt, man kann sich diese noch leisten. Die Stiefel kosten nämlich bis zu 500 Euro.

Höchstpreise bedeuten noch nicht, dass ein solches Schuhwerk auch schöner macht. Ein Gummi- stiefel verlangt nach schlechtem Wetter, nach Matsch und Unbill, sonst wirkt er deplatziert. Im Regen stehen gelassen, sieht kaum ein Mensch begehrenswert aus. Und so war der Gummistiefel auch nicht gemeint. Die Grundform geht auf den sogenannten Wellington Boot zurück. Diesen schmalen, schlichten Stiefel ließ der gleichnamige Feldherr für seine Einsätze auf dem Schlachtfeld entwickeln. Er ist also dafür gemacht, in Blut zu waten, nicht auf roten Teppichen zu wandeln. Nachdem Napoleon 1815 in der Schlacht von Waterloo geschlagen war, wurde der Wellington Boot zum patriotischen Statement. Erst 50 Jahre später wurde er aus Kautschuk hergestellt.

Auch das muss man sich bewusst machen, wenn man sich in solchen Schuhen zeigt: Sie stehen für den Niedergang Frankreichs. Wem das politisch zu brisant ist, der sollte einfach warten, bis demnächst Verkehrssicherheitswesten oder Atemschutzmasken zu Luxus-Accessoires werden.

Sind teurer als mancher Schuh aus Leder, dafür muss man kein Geld für Schuhcreme mehr ausgeben. Gummistiefel von Gucci, circa 220 Euro