Türkei Wo bleibt das Kapital?
Die Krise erfasst die Türken – und die beginnen, am Westen zu zweifeln

© ATTA KENARE/AFP/Getty Images
Kunden vor einem Kaufhaus in Istanbul. Die Krise erreicht die Türken, das Kapital aus dem Ausland wird knapp
Ein warmer Herbstmorgen im großen Basar von Istanbul. Alles ist ruhig. An kleinen Tischen in den Gassen des bunten Labyrinths sitzen die Händler, wiegen ihre Teegläser in der Hand und warten ab, was der Tag so bringt.
Um elf Uhr wird es am Mahmut-Pasa-Tor plötzlich lebendig. Erst sind es nur zwanzig, dann dreißig, schließlich etwa vierzig Männer, die in Jacken und Mützen vor den Wechselstuben in Stellung gehen. Der Lärmpegel steigt. »Der Dollar fällt!«, schreien die Händler in ihre Telefone. Jeder hält zwei oder sogar mehrere altmodische schwere Handys zwischen den gespreizten Fingern, nimmt Aufträge entgegen, kauft, stößt schwächelnde Währungen ab, schreit die Kurse in die Gasse hinaus.
An der alten Istanbuler Devisenbörse ist bis heute der Puls der Türkei zu spüren. Hier wurde die türkische Lira in Millionenhöhen verkauft, als 2001 die Banken in der Krise wankten, hier weiß man immer, wie gut es dem Land gerade geht. Die Händler handeln hier Devisengeschäfte für Firmenkunden aus, die die heimische Währung in Dollar, Euro und Gold tauschen wollen oder umgekehrt. Einer erinnert an die Bankenkrise 2001. Ein Älterer fragt sich, wem man seither in der Volkswirtschaft wirklich noch vertrauen könne. Ein Dritter wiegelt ab, immerhin seien in der Türkei jetzt keine Banken zusammengebrochen. Nur der Kurs der Lira sei im Herbst kräftig gefallen: Kapital von außen wird knapp, Importe werden teurer. »Wenn das Volk zu viel konsumiert, geht es unter«, philosophiert ein weiterer Händler im dicken Parka.

Kunden vor einem Kaufhaus in Istanbul. Die Krise erreicht die Türken, das Kapital aus dem Ausland wird knapp
Die Männer beweisen einen guten Sinn für den Zustand der Türkei. Vielleicht einen besseren als Tayyip Erdoğan, ihr 54-jähriger Regierungschef. Der wollte in diesem Herbst die Krise nicht sehen, wähnte die Türkei in Sicherheit, weil sie die eigene Bankenkrise zu Beginn des Jahrzehnts mit viel Geld vom Internationalen Währungsfonds (IWF) überwunden hatte. Die türkischen Kreditinstitute hatten sich auch nicht ins Abenteuer mit US-Schrottpapieren gestürzt und müssen bisher nicht mit staatlichen Milliarden gestützt werden. Über 80 Prozent ihrer Darlehen sind durch die Einlagen der Kunden gedeckt, die Banken stehen unter strenger Aufsicht.
Die türkische Lira hat gegenüber dem Dollar ein Drittel ihres Wertes verloren
Trotzdem zieht die Weltwirtschaftskrise auch die Türkei in Mitleidenschaft. Im November sind die Ausfuhren um 22,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gefallen. Das ist gefährlich. Ähnlich wie Deutschland lebt das Land von seinen wettbewerbsfähigen Waren, die es in die ganze Welt exportiert. Anders als die Bundesrepublik ist es aber auch abhängig vom Import ausländischen Kapitals, das den Wirtschaftsaufschwung der vergangenen sechs Jahre getragen hat.
Deshalb schwankt die türkische Lira nun wie ein Fähnchen im Wind und hat gegenüber dem Dollar über ein Drittel ihres Wertes verloren. Kapital von außen ist knapp geworden, die Türkei verhandelt mit dem Internationalen Währungsfonds zäh über einen Rahmen für neue Kredite. Derweil brechen vielen Exporteuren nach Europa, dem bisherigen Hauptabsatzmarkt, die Geschäfte weg. Und so drängt sich in der Krise immer stärker die Frage auf, ob sich die Wirtschaft im von der EU ohnehin enttäuschten Land nun verstärkt nach Osten und Süden wendet.

Kunden vor einem Kaufhaus in Istanbul. Die Krise erreicht die Türken, das Kapital aus dem Ausland wird knapp
Anfang November tagte das World Economic Forum in Istanbul und versuchte, eine Brücke von Europa nach Zentralasien zu schlagen. Gespannt wartete man auf das Krisenstatement des türkischen Premiers. Vor den versammelten Europäern, Arabern, Türken, Afghanen, Kasachen warb Erdoğan für sein Land als Drehscheibe zwischen den Kontinenten. Das Wort »Krise« tauchte in seiner Rede erst ganz am Ende auf. Und irgendwie sah er die Türkei nicht richtig betroffen. Stattdessen: »Wir wollen helfen, die Region weiter blühen zu lassen.« Erdoğan blickt auf gute Jahre zurück. In seiner Amtszeit – und mithilfe des IWF-Programms – wuchs die Wirtschaft der Türkei kräftig. Nun ist das Programm ausgelaufen, und Erdoğan dachte, er könnte vor den wichtigen Regionalwahlen im März 2009 ohne unpopuläre Auflagen regieren.
»Das Geschäft ist stabil – auf türkische Art«
Der Ernst der Lage drängt sich hier nicht gerade auf – auf der sonnendurchfluteten Bosporus-Terrasse eines Fischrestaurants im Istanbuler Szenestadtteil Kurucesme. Murat Gülkan hat die Krawatte zu Hause gelassen, er startet gerade seine eigene Anlagefirma. Doch so locker der Ex-Bankmanager wirkt, so besorgt ist er: Die ersten türkischen Textilfabriken melden Bankrott an, bei den großen Autofabriken und ihren Zulieferern brechen die Aufträge ein. Über zehntausend Arbeiter haben sie in den vergangenen Wochen entlassen. Der Geschäftsklimaindex ist auf dem niedrigsten Stand seit der Krise 2001. Gülkan drängt darauf, dass die Regierung ihre »Hausaufgaben« macht. »Das türkische Wachstum ist durch ausländisches Kapital finanziert worden«, sagt er, und das bleibe nun weg. »Jetzt muss Ankara gegensteuern, die öffentlichen Ausgaben erhöhen und dafür neue Kredite aufnehmen.« Ein neues Abkommen mit dem Währungsfonds sei überfällig. Die Lira könne dabei ruhig weicher werden, das helfe den gebeutelten Exporteuren.
»Der Erfolg der Vergangenheit kann jetzt schnell zunichte gemacht werden«, warnt Gülkan.
Stimmt, doch die Türkei hat als stabilisierendes Element noch ihre Familienunternehmer. Einer residiert unweit vom Fischrestaurant. Um zu Ishak Alaton zu gelangen, muss man vom Bosporus eine steile Anhöhe hinaufgehen. Hier sieht es aus wie in einer Botschaft. Tatsächlich ist Alaton auch Konsul, aber vor allem leitet er von hier aus seit fünf Jahrzehnten seine eigene Firmengruppe und nebenher einen renommierten Thinktank.
Alaton ist türkischer Jude und als solcher nicht gerade der Prototyp des hiesigen Konzernherrn. Und doch ist seine Firmengruppe Alarko typisch für die Wirtschaftsstruktur des Landes. Viele führende Unternehmen sind wie das seine familiengeführte Mischkonzerne. Alarko besteht aus über zwanzig Firmen, baut Flughäfen in Georgien, importiert Fische aus Norwegen, baut Villen und Bürohochhäuser, betreibt eine Luxus-Feriensiedlung an der Mittelmeerküste. Alles, was sich rechnet. »Natürlich, einiges davon läuft jetzt schlechter in der Krise«, sagt Alaton, »aber mit den Problemen kommen zwangsläufig auch Chancen.« Seine Kraftwerke, die Energieerzeugung mit Wasserkraft und Kohle, liefen glänzend. Lächelnd schaut er von seinem Balkon auf die große Bosporus-Brücke nach Asien gleich gegenüber.
Noch nie hat Ishak Alaton eine Firma abgewickelt, ein Geschäft geschlossen. Als es mit seiner Idee einer großen Fischzucht im Schwarzen Meer nichts wurde, hat er die verzweifelten Arbeiter nicht etwa nach Hause geschickt, sondern eine Firma aufgebaut, die norwegischen Lachs in die Region importiert. Die Verteilung des Familienkapitals auf viele Geschäftsfelder wurde an den Kapitalmärkten lange verachtet. In der Krise macht sie sich nun bezahlt. »Das Geschäft ist stabil«, sagt er, »auf türkische Art.«
Alaton kauft Firmen, um sie zu behalten, genauso wie die anderen großen türkischen Unternehmerfamilien, deren Kapitalismusmodell im Land hohen Respekt genießt – und der Türkei ein wenig Unabhängigkeit von Rezessionen oder Einbrüchen an den internationalen Kapitalmärkten garantiert. Ach ja, sagt Alaton irgendwann fast beiläufig, seine Gruppe sei schuldenfrei und habe umgerechnet 320 Millionen Dollar in der Kasse. Das sei wichtig, jetzt wo die Banken Kredite kündigten und die Zinsen stiegen.
Ishak Alaton hält die Krise in gewisser Weise sogar für »notwendig«. Viele Politiker ärgern sich über seine Analyse und Kritik. Denn er schimpft ganz offen: »Wir brauchen nach der Phase der Schamlosigkeit eine Ernüchterung.« Einerseits. Andererseits fürchtet der 81-Jährige, dass sich die Türkei von ihrem Weg hin zu einer EU-Mitgliedschaft abbringen lassen könnte – und kämpft mit seinem Thinktank Tesev genau dagegen. Der Regierung fehle ein guter Plan für schlechte Zeiten wie diese. Das Land habe nun drei wirtschaftlich gute Jahre ohne Reformen überstanden; die politischen Lager hätten sich im Stillstand eingerichtet. »Doch jetzt müsse die Regierung die richtigen Entscheidungen treffen.« Und richtig, das heißt bei Alaton vor allem, die Wirtschaft und das Land weiter zu öffnen nach Europa.
Auf dem World Economic Forum in Istanbul zweifelten viele an dieser Richtung. Und manche Gäste aus anderen Regionen machten auch konkrete Angebote. Ibrahim Dabdoub, Vorsitzender der kuwaitischen Nationalbank, zeigt eine Begeisterung für die türkische Wirtschaft, die vielen Europäern fehlt, weil sie sich mit dem ewigen Zwiespalt plagen, ob denn die Türkei wirklich zu Europa gehöre. Dabdoub hält die Arme weit offen: »Vom Arabischen Golf aus gesehen, kann die Türkei eine sehr wichtige Rolle spielen.« Der Einfluss der Amerikaner sinke, das ermögliche der Türkei eine »Führungsrolle«. Die Nationalbank von Kuwait wolle am Bosporus investieren, andere Golfländer auch. »Es ist ein Land, das uns kulturell nahe ist, ein Land von muslimischen Brüdern.«
Manche Türken hörten die Botschaft gern. Ali Koc, auffallend gut gekleideter Chef der Informationstechnik-Firmen der mächtigen Koc-Gruppe, verströmt auf Podien eine Mischung aus Dünkel und Eleganz. Doch hier hebt der 41-Jährige das Wort von Dabdoub bereitwillig auf: »In der Vergangenheit haben wir uns natürlich nach Westen orientiert. Heute haben wir ungleich mehr Wahlmöglichkeiten.« Die gewönnen vor allem an Bedeutung, wenn Brüssel die Tür nicht weiter für die Türkei öffne. Im Publikum Szenenapplaus, nickende Köpfe. Kein Wunder, die Gäste kommen großteils aus der Region. Aus den Vereinigten Staaten ist so gut wie niemand zum Forum gekommen. Hochrangige EU-Politiker haben abgesagt.
Sei’s drum. Koc malt die andere Möglichkeit aus, er sieht die Türkei als führende Wirtschaftsmacht einer Region vom Mittelmeer bis in die Berge Zentralasiens. Auch dafür sei sein Land wie gemacht. Es besitze anders als die östlichen Nachbarländer zwar kaum natürliche Ressourcen, dafür aber viel Erfahrung in der industriellen Fertigung. Die Investitionen aus der Region hätten sich in den vergangenen Jahren vervielfacht.
Wenn du uns nicht willst, Europa, dein Pech – das ist die Botschaft. Gerade jetzt, wo der Westen schwächelt. Die Türkei, sagt Koc, trüge Bestandteile verschiedenster Kulturen in sich. »Wir haben Zugang zu 1,2 Milliarden Menschen.« Ob das Land in der Krise wirklich davon profitieren kann, ist offen. Aber die Suche nach neuen Zielen hat Koc bestens beschrieben.
- Datum 28.07.2009 - 17:19 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.12.2008 Nr. 52
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Bestätigt, dass die Türkei sich von Westen abwendet.
Als 1964 die westlichen Länder die Türkei davon abhielten, den vom Erzbischof Makarios eingeleiteten Völkermord gegen die Türken von Zypern zu stoppen, sagte der damalige Ministerpräsident Ismet Inönü, der als der zweite Mann der türkischen Republik nach Kemal Ataturk gilt, es würde eine neue Welt aufgebaut, in der Türkei dann ihren Platz nehmen würde. Jetzt wird diese Welt gebaut.
ob aus der Türkei mehr geworden ist, als vom ersten Schritt (Händlerstaat im zentrum dreier Regionen) in den zweiten Schritt (exportierender Industriestaat, aber mit fremder Hilfe wie Investition und knowhow) zu gehen.
Es wird zwar oft behauptet, dass die Türkei inzwischen selbst knowhow entwickelt, aber so richtig zu sehen ist es nicht - im Gegensatz zu China und Indien, woher ständig neue Berichte über Fortschritt dieser Art kommen.
Im Artikel werden Textilfirmen als erste Niedergänge genannt, aber das ist nicht richtig.
Im Textilbereich sind andere Industriestaaten inzwischen längst besser (nicht nur billiger) - vor Allem China.
In diesem Bereich sind Konkurse eben nicht mit "Weltkrise" zu erklären, Textilprodukte aus der Türkei sind schon lange nicht mehr konkurrenzfähig.
Im Elektro - (vor Allem "Weiße Ware") und Elektronikbereich verliert die Türkei ebenso deutlich an Vorsprung, aber auch das schon längere Zeit.
Insgesamt ist der allgemeine Bildungsstand in der Türkei eben doch WEIT hinter allen anderen Staaten der Welt - nicht nur dem von Industriestaaten (Pisaergebnis: Platz 34 von 36).
Fleißig arbeiten können auch Menschen anderswo - allein das reicht nicht.
Insgesamt ist die jetzige Krise eben nicht nur Ausdruck der sehr jungen "Weltwirtschaftskrise" - für die Türkei ist sie weitaus endgültiger.
Und es wird sich eventuell bitter rächen, dass Europa lange (zu lange) auf Investitionen in und Handel mit der Türkei gesetzt hat, statt eher im Südosten der Welt.
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