Türkei Wo bleibt das Kapital?Seite 3/3
Auf dem World Economic Forum in Istanbul zweifelten viele an dieser Richtung. Und manche Gäste aus anderen Regionen machten auch konkrete Angebote. Ibrahim Dabdoub, Vorsitzender der kuwaitischen Nationalbank, zeigt eine Begeisterung für die türkische Wirtschaft, die vielen Europäern fehlt, weil sie sich mit dem ewigen Zwiespalt plagen, ob denn die Türkei wirklich zu Europa gehöre. Dabdoub hält die Arme weit offen: »Vom Arabischen Golf aus gesehen, kann die Türkei eine sehr wichtige Rolle spielen.« Der Einfluss der Amerikaner sinke, das ermögliche der Türkei eine »Führungsrolle«. Die Nationalbank von Kuwait wolle am Bosporus investieren, andere Golfländer auch. »Es ist ein Land, das uns kulturell nahe ist, ein Land von muslimischen Brüdern.«
Manche Türken hörten die Botschaft gern. Ali Koc, auffallend gut gekleideter Chef der Informationstechnik-Firmen der mächtigen Koc-Gruppe, verströmt auf Podien eine Mischung aus Dünkel und Eleganz. Doch hier hebt der 41-Jährige das Wort von Dabdoub bereitwillig auf: »In der Vergangenheit haben wir uns natürlich nach Westen orientiert. Heute haben wir ungleich mehr Wahlmöglichkeiten.« Die gewönnen vor allem an Bedeutung, wenn Brüssel die Tür nicht weiter für die Türkei öffne. Im Publikum Szenenapplaus, nickende Köpfe. Kein Wunder, die Gäste kommen großteils aus der Region. Aus den Vereinigten Staaten ist so gut wie niemand zum Forum gekommen. Hochrangige EU-Politiker haben abgesagt.
Sei’s drum. Koc malt die andere Möglichkeit aus, er sieht die Türkei als führende Wirtschaftsmacht einer Region vom Mittelmeer bis in die Berge Zentralasiens. Auch dafür sei sein Land wie gemacht. Es besitze anders als die östlichen Nachbarländer zwar kaum natürliche Ressourcen, dafür aber viel Erfahrung in der industriellen Fertigung. Die Investitionen aus der Region hätten sich in den vergangenen Jahren vervielfacht.
Wenn du uns nicht willst, Europa, dein Pech – das ist die Botschaft. Gerade jetzt, wo der Westen schwächelt. Die Türkei, sagt Koc, trüge Bestandteile verschiedenster Kulturen in sich. »Wir haben Zugang zu 1,2 Milliarden Menschen.« Ob das Land in der Krise wirklich davon profitieren kann, ist offen. Aber die Suche nach neuen Zielen hat Koc bestens beschrieben.
- Datum 28.07.2009 - 17:19 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.12.2008 Nr. 52
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Bestätigt, dass die Türkei sich von Westen abwendet.
Als 1964 die westlichen Länder die Türkei davon abhielten, den vom Erzbischof Makarios eingeleiteten Völkermord gegen die Türken von Zypern zu stoppen, sagte der damalige Ministerpräsident Ismet Inönü, der als der zweite Mann der türkischen Republik nach Kemal Ataturk gilt, es würde eine neue Welt aufgebaut, in der Türkei dann ihren Platz nehmen würde. Jetzt wird diese Welt gebaut.
ob aus der Türkei mehr geworden ist, als vom ersten Schritt (Händlerstaat im zentrum dreier Regionen) in den zweiten Schritt (exportierender Industriestaat, aber mit fremder Hilfe wie Investition und knowhow) zu gehen.
Es wird zwar oft behauptet, dass die Türkei inzwischen selbst knowhow entwickelt, aber so richtig zu sehen ist es nicht - im Gegensatz zu China und Indien, woher ständig neue Berichte über Fortschritt dieser Art kommen.
Im Artikel werden Textilfirmen als erste Niedergänge genannt, aber das ist nicht richtig.
Im Textilbereich sind andere Industriestaaten inzwischen längst besser (nicht nur billiger) - vor Allem China.
In diesem Bereich sind Konkurse eben nicht mit "Weltkrise" zu erklären, Textilprodukte aus der Türkei sind schon lange nicht mehr konkurrenzfähig.
Im Elektro - (vor Allem "Weiße Ware") und Elektronikbereich verliert die Türkei ebenso deutlich an Vorsprung, aber auch das schon längere Zeit.
Insgesamt ist der allgemeine Bildungsstand in der Türkei eben doch WEIT hinter allen anderen Staaten der Welt - nicht nur dem von Industriestaaten (Pisaergebnis: Platz 34 von 36).
Fleißig arbeiten können auch Menschen anderswo - allein das reicht nicht.
Insgesamt ist die jetzige Krise eben nicht nur Ausdruck der sehr jungen "Weltwirtschaftskrise" - für die Türkei ist sie weitaus endgültiger.
Und es wird sich eventuell bitter rächen, dass Europa lange (zu lange) auf Investitionen in und Handel mit der Türkei gesetzt hat, statt eher im Südosten der Welt.
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