Auf dem Frankfurt Christmas Market zeigt sich das englische Birmingham von seiner deutschesten Seite. Es gibt Glühwein und Lebkuchen, Holzspielzeug, Holzbrettchen, Strick- und Filzmützen, Räuchermännchen und einen metallenen Toilettenpapierhalter für stolze 39 britische Pfund. Die Stände, die Händler, die Waren – alles kommt auf dem Seeweg aus Deutschland, auch das Personal. Man spricht deutsch.

Vor elf Jahren schenkte Frankfurt am Main seiner britischen Partnerstadt Birmingham erstmals einen "echt deutschen" Weihnachtsmarkt. Die Veranstaltung war so erfolgreich, dass sie in den folgenden Jahren wiederholt und schließlich zur Regel wurde. Mit 90 Buden ist Birmingham heute der "größte deutsche Weihnachtsmarkt außerhalb Deutschlands und Österreichs", wie die Tourismus + Congress GmbH (TCF) der Stadt Frankfurt feststellt.

Mittlerweile organisiert sie deutsche Weihnachtsmärkte in Manchester, Leeds, Nottingham und dem schottischen Edinburgh. In der Hauptstadt London hat sich im Schatten des Riesenrads London Eye ein Ableger des Kölner Weihnachtsmarkts in Stellung gebracht. Über zwei Millionen Besucher sollen es dieses Jahr in Birmingham werden, eine Million in Edinburgh, bis zu einer halben Million anderswo. Schon werden erste Touristen "vom Kontinent" gesichtet, die auf organisierten Busreisen das Weihnachtsgefühl in England suchen.

In Birmingham haben sich die Händler auf die Kundschaft eingestellt. Am Bratwurststand gibt es der Einfachheit halber red oder white sausage, geräucherte und ungeräucherte Wurst. Ein Stand mit dem Musikfans vertraut klingenden Namen Kraftwerk verkauft handgefertigte Anstecker und verspricht: "100 % natural". Die Lebkuchenherzen sagen sowohl: "Ich liebe Dich" als auch, landestypisch reserviert, "For the best friend". Fragt man die Händler nach dem Unterschied zur Kundschaft in Deutschland, fallen ihre Antworten ganz einhellig aus: "Hier sagen die Leute Danke und Bitte."

Selbst wenn die Briten seit Jahrzehnten zu Weihnachtsmärkten nach Deutschland reisen und sie in den Fremdenverkehrsstatistiken im Dezember gleich hinter den Amerikanern kommen: Dass die German Gemütlichkeit in England so einschlagen würde, war nicht unbedingt vorauszusehen, erst recht nicht in Birmingham. Die Metropole, die mit Umland 2,2 Millionen Einwohner zählt, ist Großbritanniens größte Einwandererstadt, der Anteil nicht weißer Bürger liegt bei einem Drittel. Die Hälfte der Grundschüler sind Kinder dunkelhäutiger Briten oder von Immigranten aus Pakistan, Indien und Bangladesch, der Karibik, Afrika und China. 59 Prozent der Birminghamer bezeichnen sich als Christen, 14 Prozent als Muslime, etwa drei als Prozent Sikhs und zwei Prozent als Hindus.

"Der Markt sorgt einfach für dieses weihnachtliche Gefühl", sagt Usha Parmar, die sich am Nachmittag mit ihrem Bekannten Sukder Kumar auf einen Becher mulled wine getroffen hat, "es ist kein Ersatz für irgendetwas, sondern eine schöne Ergänzung". – "Und der Glühwein hier ist gut, besser als der, den ich neulich in München getrunken habe", sagt Kumar. Zu beobachten sei auch, dass "hier wirklich alle Arten von Leuten herkommen". – "Es duftet so angenehm", meint Dave Boddison, dessen Begleiterin eine weiße Kapuzenjacke mit der Aufschrift "Golddigga" trägt, "und es gibt mal andere Dinge zu kaufen."

"So etwas hat es vorher hier überhaupt nicht gegeben", erklärt Kurt Stroscher, Chef-Organisator der TCF: Der Alkoholausschank unter freiem Himmel, "sich im Winter auf offenen Plätzen gesellig treffen zu können, das ist eine völlig neue Erfahrung für die Briten". Tatsächlich ist im Land von Charles Dickens, dessen Geschichte A Christmas Carol bei der Veröffentlichung 1843 das Fest in England überhaupt erst wiederbelebte, die Weihnachtstradition schwach ausgebildet. "Es gibt keine stille, heilige Nacht am 24.Dezember. Die ist eher ein Vorwand, um in den Pub zu gehen", sagt die deutschstämmige Unterhaus-Abgeordnete Gisela Stuart von der Labour-Partei, deren Wahlkreis in Birmingham liegt.