Was für den Hindu das Bad im Ganges, für den Muselmann die Hadsch und für den treuen Katholiken die Audienz beim Papst, das ist für den kunstfrommen deutschen Bildungsbürger die Wallfahrt nach Weimar. Der Mythos des thüringischen Residenzstädtchens, das zu Goethes Zeit keine viertausend Einwohner zählte, ist ungebrochen, ja nach 1989 durch allerlei "Kunstfeste" neu befeuert worden. Weihmar – der Schinkel-Deutsche sprichts mit h – steht praktisch für alles: für die Klassik (Wieland, Herder, Goethe, Schiller) wie für die Moderne (Nietzsche, van de Velde, das Bauhaus), für die freiheitlichen (Weimarer Republik) wie für die finstersten Kapitel (Buchenwald) der deutschen Geschichte. Einer, der besonders emsig an Weimars Nimbus mitgesponnen hat, ist der Fotokünstler Louis Held.

Held, 1851 in eine Berliner Kaufmannsfamilie geboren, früh eltern-, doch nicht mittellos, hatte bereits 1876 sein erstes Atelier im schlesischen Liegnitz gegründet. Sechs Jahre später zieht er mit seiner Frau nach Weimar. Goethes Enkel Walter öffnet ihm die Tür zum Haus am Frauenplan, Held wird der Hoffotograf der Klassiker. Seine stimmungsschweren Ansichten aus Goethes und Schillers Welt, bald als Postkarten vertrieben, empfehlen ihn auch dem regierenden Hause. Von 1888 an firmiert er als "Großherzoglicher Hof-Photograph", ein Privilegium, das Held jedoch 1905 jäh verliert, als seine (hochpietätvolle) Aufnahme von der Aufbahrung einer Prinzessin in die Zeitung gelangt. Der 29-jährige Großherzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar-Eisenach, bekannt für sein proletenhaftes Naturell, bestellt ihn ein und schlägt ihm ins Gesicht.

Doch diese anachronistische Affäre sollte Helds Ruhm keinen Abbruch tun. Sein Geschäft brummt. Vor allem die Künstler schätzen ihn. Porträts von Franz Liszt – der alte Löwe mit strahlend weißer Mähne im Rudel seiner Jünger – sind der Anfang, als Exklusivfotograf des Architekten und Designers Henry van de Velde wird Held dann zum Chronisten einer neuen Epoche. Der Hamburger Kunstenthusiast Harry Graf Kessler, 1903 zum Leiter des Weimarer Museums bestellt, träumt davon, die Stadt wieder zur Kunstmetropole zu machen, lädt von Rilke bis Rodin, von Hauptmann bis Hofmannsthal alles, was Rang und Namen hat, zur Mitarbeit ein. Sein "Neues Weimar" gehört zu den aufregendsten europäischen Kunstexperimenten der Jahrhundertwende.

Held ist dabei, Held selber erfasst das vitalistische Lebensgefühl der Zeit. Unterstützt von seiner Tochter Ella, die 1918 als erste Frau in Thüringen den Meisterbrief als Fotografin erhält und später das väterliche Atelier fortführt, experimentiert er mit neuen Verfahren. Und mit dem Film: 1912 eröffnet er seine Reform-Lichtspiele. Am 22. August des folgenden Jahres wird hier, zeitgleich mit Berlin, der späterhin so berühmte Student von Prag des deutsch-dänischen Regisseurs Stellan Rye uraufgeführt.

Doch als Louis Held 1927 stirbt, hinterlässt er nicht nur ein Album der klassischen und der modernen Weimar-Kunst, sondern auch ein Panorama des Weimarer Lebens. Immer wieder hat er sich aufgemacht, um den Alltag festzuhalten, Straßen und Marktplätze, den Schlittschuhteich, den Bau der Kanalisation, den ersten Straßenbahnwagen. Der Porträtist Held wird einer der ersten deutschen Fotoreporter. Er lässt uns in die Werkshalle der Erfurter Kunstblumenfabrik blicken, wo manche Weimarerin Arbeit fand, genauso wie in die Garderoben des Weimarer Theaters; er zeigt uns den Aufmarsch einer Radfahrerkompanie wie einen Lastwagen mit Feldarbeiterinnen. Weihmar und Weimar, die große Kunst und das kleine Leben in einer deutschen Residenzstadt der Jahrhundertwende – beide Motive zusammen erst machen den besonderen Reiz seines Werkes aus.

Helds Firma überlebte unter wechselnden Namen bis heute. Ihr Archiv erzählt deutsche Geschichte wie kaum ein Museum. Jetzt hat der Leipziger Lehmstedt Verlag nach einem Vierteljahrhundert erstmals wieder eine Auswahl der besten Aufnahmen Helds herausgebracht – nicht nur für Weimar-Pilger der Fotoband des Jahres! Benedikt Erenz