Barmherzigkeit Sterne vom Himmel holen
Warum die altmodische Tugend der Barmherzigkeit wieder so gut in die Zeit passt
»Manche freilich«, so beginnt ein Gedicht Hugo von Hofmannsthals, »müssen drunten sterben, / wo die schweren Ruder der Schiffe streifen, / andere wohnen bei dem Steuer droben, / kennen Vogelflug und die Länder der Sterne.« Das ist schön gesagt, aber doch von empörender Kälte. Sie widerspricht unserem Gerechtigkeitsgefühl. Auch ohne Hofmannsthal wissen wir, dass es die Sklaven noch immer gibt, die im Bauch der Galeere namens Gesellschaft schwerste Arbeit verrichten, oft ohne angemessenen Lohn, dass viele andere nicht einmal diese Arbeit haben und frei sind im schlimmsten Sinn, frei von Chancen, frei von öffentlichem Respekt. Und es ist ebenfalls wahr, dass einige andere mächtig sind und privilegiert. Sie »wohnen bei dem Steuer droben« und sind den Sternen nah.
So ist es, aber richtig finden wir das (hoffentlich) keineswegs, es verstößt gegen die Ordnung, die wir uns gegeben haben. Gegeben? Wir, das heißt unsere Vorfahren, haben sie bitter erkämpft. Solange es ihn gibt, darf der sozial verfasste Rechtsstaat nicht zulassen, dass »manche drunten sterben«, und schon gar nicht »freilich«. Und je länger es ihn gibt, umso mehr differenziert er die Zuständigkeiten. Für den Kranken ist der Arzt zuständig, für das verwahrloste Kind das Jugendamt, für den Armen die Sozialbehörde. Das ist sehr praktisch und halbwegs effizient. Gemessen an anderen Ländern und anderen Zeiten, funktioniert es ganz gut, führt aber dazu, dass die Bereitwilligkeit zur gegenseitigen Hilfeleistung im selben Maß abnimmt, in dem staatliche Institutionen zur Fürsorge eingerichtet und verpflichtet sind.
Unser Gerechtigkeitsempfinden orientiert sich am Tauschprinzip
Ich habe keinen Anlass, meinem kranken Nachbarn beizustehen, wenn ich weiß, dass die auch von mir finanzierte Pflegeversicherung ihn zu versorgen hat. Ich kann mein Mitleid delegieren an Zuständige. Dafür werden sie bezahlt. Unser Gerechtigkeitsempfinden orientiert sich am Tauschprinzip, und unsere Solidarität erschöpft sich in der Entrichtung dafür vorgesehener Abgaben und Beiträge. Ich gebe, damit mir gegeben wird, und wenn ich bereits gegeben habe, ist meine Pflicht erfüllt. Dieser Gedanke überkommt wohl ab und zu jeden, wenn er auf seinen Steuerbescheid blickt.
Es scheint aber so, als spürten viele Menschen, dass damit nicht alles getan ist. Anders wäre es nicht zu erklären, dass sie den weihnachtlichen Spendenaufrufen so freigebig folgen und sich auch sonst in zahllosen privaten Hilfswerken engagieren. Das Gebot der Nächstenliebe versteht sich nicht von selbst, und doch ist es nicht wenigen vertraut. Wahrscheinlich deshalb, weil sie sich daran erinnern, dass sie einst, als sie klein und schutzlos waren, die Zuwendung ihrer Eltern erfahren haben – eine im rationalen Sinn grundlose, denn Eltern lieben ihre Kinder (wenn sie es tun) nicht deshalb, weil sie in ihnen Beitragszahler ihrer Rente erblicken.
Nächstenliebe hat keinen externen Grund, sie ist nicht verrechenbar und doppelter Buchführung nicht zugänglich. Nichts anderes ist im Kern die christliche Botschaft, und wer sie genau liest, sieht die schiere Provokation. Sie wird deutlich im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, das Matthäus (20) erzählt. Da ist die Rede von einem Hausvater, der mehrmals am Tag ausgeht, um Arbeiter für seinen Weinberg zu suchen. Allen verspricht er einen Groschen als Tageslohn. Am Ende, als es ans Auszahlen geht, beschweren sich diejenigen, die in der Mittagshitze arbeiten mussten, darüber, dass sie denselben Lohn erhalten wie die anderen, die erst am Nachmittag kamen. Der Hausvater jedoch sagt zum Beschwerdeführer: »Nimm, was dein ist, und geh! Siehst du mich darum so scheel an, weil ich gütig bin? Also werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.«
Diese Geschichte ist im konfessionellen Streit um die Rechtfertigungslehre oft herangezogen worden. Es geht hier darum, ob der Mensch durch gute Taten im Diesseits seine Chancen im Jenseits verbessern kann. Zunächst aber bedeutet das Gleichnis nur, dass die christliche Ethik kein Solidarsystem ist, das auf dem Prinzip verrechenbarer Gegenseitigkeit beruht. Das gänzlich Andere, das hier gemeint ist, gipfelt im Begriff der Barmherzigkeit. In den biblischen Erzählungen ist oft davon die Rede, am gewaltigsten wieder bei Matthäus (25), wo es heißt, dass Jesus am Ende aller Tage kommen werde, um die Unbarmherzigen von den Barmherzigen zu trennen. Zu diesen sagt er: »Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt. Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich bekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.«
Man muss kein gläubiger Christ sein, um die utopische Radikalität dieser Forderung zu erkennen. Und leider ist es wahr, dass die Christen ihr selten genug gerecht wurden und werden. Wahr ist aber auch, dass in ihr der Kern eines liebend-solidarischen Handelns liegt, das eben nicht dem Gesetz der Gegenseitigkeit folgt. Ich soll den Hungernden nicht deshalb speisen, weil ich hoffe, er werde es mir irgendwann zurückzahlen, sondern einzig deshalb, weil er hungert. Barmherzigkeit ist die grundlose, nicht proportionale Zuwendung.
So bestechend der Gedanke auch sein mag, so kollidiert er doch mit dem Regelwerk sozialen Umgangs, das uns mit guten Gründen davon abrät, zudringlich oder herablassend oder gar peinlich zu werden. Von diesem Konflikt handelt der Parzival des Wolfram von Eschenbach. Als sein Held, mehr durch Glück als Verstand, die Gralsburg endlich findet, begegnet er dem todkranken König Anfortas, der sichtlich unter großen Schmerzen leidet. Parzival jedoch, der tumbe Tor, ist durch die Schule ritterlicher Erziehung gegangen, wo er gelernt hat, nicht vorlaut und ungefragt dazwischenzureden. Die Etikette verlangt Distanz und Diskretion. Also versäumt er die Mitleidsfrage und verspielt den Gral.
Die Frage, die er hätte stellen müssen, um die Leiden des Königs und seiner ganzen Gefolgschaft zu beenden, die Frage, die ihm glücklicherweise am Ende über die Lippen kommt, ist sehr einfach und sehr schwierig: »oeheim, waz wirret dir?« – auf Neuhochdeutsch etwa: »Onkel, was fehlt dir?« Schwierig ist die Frage, weil sie eine Grenze überschreitet, die zwischen zwei Personen eigenen Rechts und eigener Würde. Und einfach ist sie, weil sie unmittelbarer Intuition folgt: Da leidet jemand ganz furchtbar, nichts läge näher, als ihm zu helfen. Das wäre dann Barmherzigkeit.
In manchen Augenblicken muss man die Mitleidsfrage stellen
Dass das Wort Barmherzigkeit so altmodisch klingt, hat auch mit dem zu tun, was man Etikette oder Haltung nennen kann. Man darf das in einer Zeit, da beides kaum noch eine Bedeutung hat, nicht gering schätzen. Auf der einen Seite gibt es die sozialen Ingenieure und die psychotechnisch versierten Helfer, die den Weg der Caritas völlig professionell beschreiten, nicht selten ungeachtet der Würde ihrer Klienten. Wer es immer nur mit Kranken, Schwachen und Gescheiterten zu tun hat, der muss stark sein, um nicht überheblich zu werden.
Auf der anderen Seite gibt es die Mehrzahl derer, die im sozialen Zusammenhang auf Abstand achten. Das ist, in einer Gesellschaft wachsender Zudringlichkeit und Bevormundung, einerseits vollkommen verständlich. Es ist andererseits, angesichts der Tatsache, dass viele freilich drunten sterben, unbarmherzig. In manchen Augenblicken, das spürt jeder, muss man die Mitleidsfrage stellen und danach handeln. Das kann kein Sozialstaat ersetzen (auch nicht die unsichtbare Hand), es ist die Wurzel der christlichen Ethik, die Mitte aller Tugenden.
Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio
- Datum 23.12.2008 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
- Kommentare 5
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Was auch immer, Frohe Weihnachten allerseits und schöne, gesunde Feiertage ohne allzu besch.... Nachrichten.
Menschlichkeit hat nichts mit Mode zu tun, sie ist Teil des gesunden Menschens.
politischen Zionisten Israels.
Da wird Land gerafft, da wird die indigene Bevölkerung vertrieben aus den besetzten Gebieten und die wenigen, die sich noch wehren, werden als "Terroristen" verunglimpft.
Und das heutige Deutschland, Rechtsnachfolger eines ebenso unbarmherzigen Regimes, schaut entweder weg oder schwadroniert durch seine Vertreterin vor der Knesset "uneingeschränkte Unterstützung" des deutschen Volkes.
Die tiefe Scham einiger informierter Deutscher über diesen ekelhaften "Ausrutscher" einer A. Merkel hat auch etwas mit Barmherzigkeit zu tun -- ohnmächtige Barmherzigkeit den geknechteten Wehrlosen gegenüber.
Frohe Weihnacht der Scheinheiligkeit in unserem Land!
- - -
"Lieber ständig übermüdet, als ständig überwacht!"
die "indigene Bevölkerung" in dem von Israelis völlig "befreiten" Gazastreifen, deren demokratisch gewählten Anführer gerade Israel zum Dank dafür mal wieder mit Raketen beschießen (gerichtet auf Wohnhäuser mit Kindern wohlgemerkt!)
???
Man muss schon ziemlich pervers sein, um Verständnis für "Weihnachtsbotschaften" dieser Art zu entwickeln............
die "indigene Bevölkerung" in dem von Israelis völlig "befreiten" Gazastreifen, deren demokratisch gewählten Anführer gerade Israel zum Dank dafür mal wieder mit Raketen beschießen (gerichtet auf Wohnhäuser mit Kindern wohlgemerkt!)
???
Man muss schon ziemlich pervers sein, um Verständnis für "Weihnachtsbotschaften" dieser Art zu entwickeln............
die "indigene Bevölkerung" in dem von Israelis völlig "befreiten" Gazastreifen, deren demokratisch gewählten Anführer gerade Israel zum Dank dafür mal wieder mit Raketen beschießen (gerichtet auf Wohnhäuser mit Kindern wohlgemerkt!)
???
Man muss schon ziemlich pervers sein, um Verständnis für "Weihnachtsbotschaften" dieser Art zu entwickeln............
nicht nur in unsere Zeit; und sie passt an jeden Ort.
Sie passt in die Zeit des III.Reiches noch viel besser als in die heutige Zeit.
Sie passt geographisch heute doch so gut nach China, nach Japan, in die USA und nach Teheran, wo Leute immer noch zum Tode verurteilt werden und hingerichtet werden.
Sie passt in die Zeit der Hexenverfolgungen und passt in die Zeit der Inquisition.
Sie passt aber auch zur nächsten Hühnerfarm, wo Wesen unbarmherzig zu Schande kommen.
Wo ich sie aber wirklich sehr vermisse, dass ist in Rom: Wie unbarmherzig muss ein Papst sein, der einerseits die Enzyklika "Deus Caritas est" (Gott ist die barmherzige Liebe) verfasst und andererseits Kondome zum Schutz vor AIDS verteufelt.
Barmherzigkeit wünsche ich von mir und Dir, im Umgang mit jedem Wesen und dies zu jeder Zeit und an jedem Ort.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren