Religion Glaubensbekenntnis

Alfred Dorfer glaubt zu wissen, dass Glaube nicht jeden Berg versetzen kann

»Glauben heißt nichts wissen«, sagt der Volksmund. Gemäß dieser alten Weisheit vermehrt sich das Heer der Gläubigen unentwegt. Zuwachs bekommt diese größte Glaubensgemeinschaft der Welt von ideologisch überraschender Seite. So glaubt etwa unser neuer Kanzler fest daran, die Kraft des Optimismus könne Wunder gegen die Rezession wirken. Eine Veränderung bestehender Strukturen nimmt der glaubensfeste Mann allerdings nicht in den Kanon seines Katechismus auf. Auch der neue Finanzminister glaubt an sich und an seinen Staatssekretär. Diese Zweifaltigkeit verzichtet einfältig auf Kompetenz und vertraut darauf, ein gütiges Schicksal werde ihr hilfsbereite Sektionschefs in ihrem Ministerium bescheren. Wider schlechteres Wissen die Zuversicht zu bewahren scheint ein Gebot moderner Politik zu sein. Das beweist auch der Heilsbringer Barack Obama in den USA. Viele glaubten, schon in seiner Hautfarbe ein himmlisches Zeichen der Erlösung erkennen zu können. Das erinnert an die ursprünglichen Bewohner des Landes. Sie verehrten einst die spanischen Eindringlinge als gottähnliche Wesen, da deren Haut unterschiedlich pigmentiert war – der Rest ist bekannt. In diesen Glaubenswelten muss ein Wissender Sektierer sein. Gerne würde man auch in Österreich einige Mitglieder dieser Sekte antreffen. Es dürfte sich jedoch um eine Geheimloge handeln, die das Gelübde der Öffentlichkeitsscheue abgelegt hat. Bleibt Sokrates, der nur wusste, dass er nichts weiß. Zumindest diese Einsicht könnte man von der Weltreligion der Gutgläubigen erwarten. Glaube ich.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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    • Schlagworte Glaube | Religion
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