Lange Zeit war Kurt Gutekunst ein Mann für gute Nachrichten. Einer, der selbst dann von »großen Chancen« sprach, wenn ein Betrieb in seiner Region schließen musste – und dem die Menschen das sogar glaubten. Noch im Oktober trat der Bereichsleiter der Arbeitsagentur von Ravensburg bei einer Papierfirma auf, die nach hundert meist erfolgreichen Jahren vor der Pleite stand. »Wenn ein Arbeitsloser montags zu uns kommt, hat er am Dienstag oder Mittwoch ein Vorstellungsgespräch und am Ende der Woche einen Job«, rief er 350 Arbeitern bei einer Betriebsversammlung zu. »Hier bei uns gibt es praktisch Vollbeschäftigung.«

Zwei Zahlen, erzählt Gutekunst, reichten bei solchen Terminen für gute Stimmung: erstens die Arbeitslosenquote, die in den vergangenen Jahren meistens knapp über zwei Prozent lag. Zweitens die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit: 115 Tage, nicht einmal vier Monate. Nur ein einziges echtes Problem gab es zuletzt für die Agentur, die sich um die Beschäftigung nördlich des Bodensees kümmert: zu wenig vermittelbare gute Leute.

Das wird 2009 anders sein. Dann gibt es vermutlich viel zu viele. Und wer seinen Job noch hat, wird Freunde oder Verwandte kennen, die Stellen verlieren oder die Arbeitslosigkeit fürchten. Die Angst vor dem Absturz kommt zurück.

Im kommenden Jahr wird die nächste Etappe des weltweiten ökonomischen Niedergangs Deutschland erreichen: Erst war es eine Bankenkrise, dann begann die Wirtschaftskrise, die Fabriken stillstehen lässt. Nun kommt die Arbeitsmarktkrise – und sie beginnt in einem Moment, in dem es in Deutschland so viele Berufstätige gibt wie nie zuvor: 40,5 Millionen meldete das Statistische Bundesamt noch Mitte November. Arbeitslosigkeit – das war zuletzt ein Problem von relativ wenigen. »Wie das mit der Kurzarbeit genau geht, das mussten wir jetzt erst wieder lernen«, berichtet der Jobvermittler Gutekunst, in dessen Agentur sich nun mehr Firmen melden, weil sie ihre Beschäftigten nicht auslasten können. Plötzlich klingt vieles merkwürdig überholt, woran Arbeitsmarktpolitiker bis vor Kurzem glaubten: »Wir wollen Vollbeschäftigung«, verkündete Olaf Scholz, der Bundesarbeitsminister, im Herbst. »Wir wollen unseren Anteil am Aufschwung«, erklärten Zehntausende Metallarbeiter in Warnstreiks. »Wir wollen keine prekären Jobs, sondern gute Arbeit«, forderte Michael Sommer, Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes, zum 1. Mai. Viel ist 2008 zum Thema Arbeit gesagt worden. Immer ging es um die Aussicht auf etwas Besseres: mehr Jobs, mehr Geld, mehr Lebensqualität.

In der ersten Ölkrise versechsfachte sich die Zahl der Arbeitslosen

2009 wird die Arbeitsmarktdebatte einen anderen Klang bekommen. Es geht nicht mehr um große Erwartungen und Hoffnungen, sondern um die alte, hässliche Angst um Jobs. Wie viele Stellen wird die Krise zerstören? Wie kann die Politik verhindern, dass die Massenarbeitslosigkeit sich wieder wie eine Epidemie im Land ausbreitet?

Die schlimmste Rezession, die Deutschland bisher erlebt hat, traf die Republik 1975 mit der Ölkrise. Nicht nur Autos standen damals still, sondern auch die Bänder in vielen Fabriken. Die Wirtschaft wuchs nicht mehr, sondern schrumpfte um 0,9 Prozent. Die Zahl der Arbeitslosen stieg innerhalb von zwei Jahren auf das Sechsfache. Statt 200.000 standen plötzlich 1,2 Millionen Bundesbürger auf der Straße.