Atelierbesuch "Auch wir sind gemeint"

Der Maler Norbert Bisky war in Mumbai zur Zeit der Anschläge. Die Eindrücke, die er dort sammelte, will er in seinem Werk verarbeiten

Er ist jetzt wieder in seinem Atelier in Berlin, doch etwas ist anders als vor seiner Reise. »Ich habe zwei Dinge begriffen«, sagt Norbert Bisky. Erstens: »Die Wirklichkeit ist stärker als jedes Kunstwerk.« Zweitens: »Es gibt keine fremden Konflikte. Egal, wo es knallt auf der Welt, auch wir sind gemeint.« Während der Anschläge auf das Taj-Hotel war Bisky in Mumbai, um eine Ausstellung zu eröffnen. Seine Galerie lag direkt hinter dem belagerten Hotel. Und was folgt für ihn aus diesen Erkenntnissen? »Wenn ich das jetzt schon sagen könnte, würde ich Leitartikel schreiben«, sagt er. Seine Aufgabe sei es aber, »interessante Bilder« zu malen. »Das ist schwierig genug.«

Bisky steht in farbverschmierten Jeans in der Küche seines Ateliers und gießt Tee auf. In der Spüle stapelt sich Geschirr. Im Hinterhof trinken Obdachlose Bier. In wenigen Stunden wird einen Stock höher ein Billardsalon öffnen. Das Atelier liegt in einem dieser Berliner Gewerbehöfe, in denen niemand wissen will, was die Nachbarn so machen. Viele Künstler sollen hier arbeiten, keiner hat ein Schild an der Tür.

Picasso hatte es gut, sagt Norbert Bisky. Der konnte bis mittags schlafen, und wenn er gegen 16 Uhr im Atelier auftauchte, war es immer noch hell. Picasso lebte am Mittelmeer. In Berlin dagegen, wo die Sonne am Nachmittag knapp wird, müsse man schon gegen Mittag mit dem Malen anfangen, und im Winter gehe es auch dann nicht ohne künstliches Licht. Für die grauen Tage hat sich Bisky in einer Zoohandlung Tageslichtbirnen besorgt. Angeblich verfälschen sie Farben nicht so stark. Farben sind ganz besonders wichtig für diesen Maler, der vor acht Jahren mit aquarellhellen, überbelichtet wirkenden Ölbildern blonder Jünglinge bekannt wurde.

Bisky gießt den Tee ab und führt in den Arbeitsbereich, zwei riesige Räume nach Nordosten. Im hinteren lehnen Bisky-typische Riesenformate, in Noppenfolie gewickelt. Die werden nach Israel verschifft. Im größeren Raum stehen noch nicht fertige oder noch nicht trockene Leinwände: Herkules mit abgerissenen Beinen, vor schwarzblauem Himmel ins Nichts fallend; bildschöne Buben, rosafarbenes Blut kotzend; Halbstarke, um eine brennende Laube tanzend. Bisky zeigt eine Welt, in der Gewalt selbstverständlich ist. Sie hat nichts Schockierendes mehr, kommt oft sogar schön daher. Dass seine Arbeiten in Haifa im Rahmen einer großen Ausstellung über die »Ästhetik der Gewalt« gezeigt werden, passt also.

Der Enddreißiger, dessen Gesichtszüge immer schärfer zu werden scheinen, mag es nicht, wenn man ihn als Gesellschaftskritiker darstellt. Die hübschen Blondköpfe, die ihm zu Beginn seiner Karriere so viel Ruhm und so viel Ärger eintrugen, seien vor allem eine Trotzreaktion gewesen. Als Sohn des linken Politikers Lothar Bisky und einziger Student aus der früheren DDR fühlte er sich an der Universität der Künste in Berlin noch Mitte der neunziger Jahre in eine Außenseiterrolle gedrängt. »Wenn ihr den Ossi wollt, dann kriegt ihr ihn«, dachte er sich und begann, eher im Scherz, Bilder im Stil des sozialistischen Realismus zu malen. Der Kunstmarkt reagierte begeistert: Bisky-Bilder erzielten Preise von mehreren Zehntausend Mark. Kritiker warfen ihm vor, die DDR zu verherrlichen oder sogar mit faschistischer Ästhetik zu kokettieren. Je öfter er gefragt wurde, wann das mit den blonden Jungs denn aufhöre, desto reizvoller fand er es, weiterzumachen. »Es war wie ein Job.«

Als er genug davon hatte, machte er sich in Brasilien auf die Suche nach neuen Farben und Motiven. »Ich glaube nicht, dass ich mich noch einmal zur DDR äußern werde«, sagt er. Er sei »vollkommen in der Gegenwart angekommen«. Alles, was er sehe, im Museum, in der Werbung, auf der Straße, könne in einem Bild auftauchen. Wie sein Lehrer Georg Baselitz geht Bisky davon aus, dass Bilder vor allem aus Bildern entstehen, die der Maler abgespeichert hat. Irgendwann wird auch das, was er in Indien erlebt hat, auf seinen Bildern auftauchen: die Angst, aber auch die warmen Farben des Subkontinents und diese bitterarme, abgemagerte Frau, die sehr lange auf sein Sandwich starrte, das er dann nicht mehr aufessen mochte.

Auf den Arbeiten allerdings, die bald in Haifa zu sehen sein werden, scheint er Abschied von der Gegenständlichkeit zu nehmen. Seine Figuren verlieren die Konturen, mischen sich mit dunklem Hintergrund zu einem unheilvollen Brei. »Vielleicht werde ich irgendwann abstrakt.« Vielleicht auch nicht.

Es ist spät geworden. Oben im Billardsalon werden erste Queues auf den Boden gestampft, Kugeln rollen. Ein schönes Geräusch, die Frage ist, wie lange Bisky es noch hören wird. Neulich standen Männer in langen Mänteln im Hof und sahen an der verrußten Fassade hinauf. Bisky hörte einen der Investoren sagen: »This will all be windows.« Er fand das eher lustig als bedrohlich. Wer in der DDR aufgewachsen sei, habe früher als andere gelernt, dass nichts für die Ewigkeit sei.

Norbert Bisky, geboren 1970 in Leipzig, studierte an der Universität der Künste in Berlin. Bekannt wurde er mit großformatigen Ölgemälden im Stil des sozialistischen Realismus. Seine Arbeiten hängen im Museum of Modern Art in New York und im Museum Ludwig in Köln. Seine Ausstellung cloud cuckoo land ist noch bis Ende des Jahres in der Galerie Mirchandani + Steinruecke in Mumbai zu sehen. Bisky lebt und malt in Berlin.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Schlagworte Kunst | Malerei
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service