Film Fenster auf!

Das Leinwandepos "Australia" schöpft mit Kulissen, Kostümen und Kameratechnik aus dem Vollen. Doch es fehlen die kleinen, skurrilen Geschichten am Rande.

Eine große Liebe vor kolossaler Landschaft, zwei Stars, ein gigantisches Budget und ein namhafter Regisseur (Moulin Rouge), der sich auf cineastische Überwältigung versteht. Das sind in jeder Hinsicht erfolgversprechende Voraussetzungen. Die Geschichte selbst ist schnell erzählt: Die stolze und zutiefst britische Lady Sarah Ashley (Nicole Kidman) reist nach Australien und versucht die Farm ihres ermordeten Mannes zu retten. Der Cowboy Drover (Hugh Jackman) steht ihr dabei erst unwirsch, dann immer zutraulicher zur Seite. Zusammen setzen sie sich gegen intrigante Rinderbarone durch.

Australia von Baz Luhrmann ist ein Film, der mit Kulissen, Kostümen und Kameratechnik aus dem Vollen schöpfen kann. Dass die Felsformationen des Outbacks mit den wachsenden Gefühlen der Protagonisten in der untergehenden Sonne rot anlaufen, jedes Nutztier genauso gecastet aussieht wie die Wolkenbilder, gehört ebenso zum Konzept wie fliegende Kalenderblätter zur melodramatisch verstreichenden Zeit. Luhrmann will seiner Heimat endlich ein nationales Epos schenken. Ein Vom Winde verweht , eine große Liebesgeschichte, in der sich der Kontinent mit seiner Geschichte versöhnen und an sein nach den Weltkriegen wachsendes Nationalbewusstsein erinnern darf. Natürlich ist so ein Vorhaben wuchtig, kitschig, ein bisschen altmodisch vielleicht. Doch Australia schmeißt derart mit Attraktionen um sich, dass man glaubt, in einer PR-Kampagne für einen Kontinent gelandet zu sein.

Tatsächlich sieht Australia aus wie ein Film aus jenen Hollywoodtagen, in denen der Glanz der Stars sich nicht an der Wirklichkeit zu messen brauchte. Als Krieg und hartes Farmerleben noch kein Grund waren, unfrisiert und mit schwarzen Fingernägeln herumzulaufen. Das, was die Menschen hässlich und grau macht, wälzt man hier auf Nebenfiguren ab, die ihre Resignation in Alkohol auflösen: die Cowboys mit dem kaputten Rücken, die Aborigines mit ihrer zerstörten Kultur. Australia fehlen die kleinen, skurrilen Geschichten des großen amerikanischen Vorbilds, jene Details, die vom Rande her die Pracht der großen Erzählung irritieren und ihre gesellschaftlichen Verflechtungen listig bespiegeln.

Lady Ashleys Geschichte hätte von Abenteuerinnen- und Entdeckerinnenlust handeln können. Doch Nicole Kidman mag noch so hemdsärmelig aufs Pferd steigen. Sie bleibt so fern und edel wie die Porzellantässchen in ihrer Vitrine. Nebenbei sorgt der von ihr adoptierte Aborigine-Junge Nullah für den tränenwarmen Blick auf ein Land, das Kinder wie ihn in Scharen zur Umerziehung verschleppte. Am Ende wünscht man sich, dass irgendjemand die Studiofenster aufreißt, um einen echten dreckigen Sandsturm über die adrette Wüstenwahlfamilie hinwegfegen zu lassen. 

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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