Berliner Schloss Geben Sie Gedankenfreiheit!
Zur Debatte um das Berliner Humboldt-Forum: Der beste Entwurf wurde verhindert – aus Angst vor einem Rechtsstreit
Die erste Fassung von Stella lässt Goethe konfliktfrei enden: Cäcilie, Ehefrau von Fernando, deren gemeinsame Tochter Lucie sowie Stella, Fernandos Geliebte, ziehen trotz aller Schwierigkeiten unter einem Dach zusammen. »Eine Wohnung, ein Bett und ein Grab« ist das Motto des friedlichen Schlusses.
Der Wettbewerb um das Humboldt-Forum auf dem Berliner Schlossplatz stand, die Turbulenzen betreffend, keineswegs hinter Goethes Stück zurück. Gewonnen haben in beiden Fällen die Stellas: einmal die Baronesse, einmal Franco Stella, der Architekt. Verwechslungen da wie dort.
Dass sich die Jury einstimmig auf den italienischen Architekten einigte, spricht zunächst einmal für dessen Entwurf und den Einigungswillen der Jury. Doch wird der aufmerksame Beobachter bemerken, dass die Jury die Preissumme des Wettbewerbs anders verteilte, als in der Auslobung angegeben. Der zweite Platz blieb unbesetzt, und das Geld, das für diesen Platz vorgesehen war, wurde in einen Sonderpreis umgewandelt. Diesen Preis bekamen die jungen Architekten Kuehn Malvezzi aus Berlin. Sie sind die heimlichen Sieger dieses Wettbewerbs.
Denn alles, wirklich alles, was das Programm fordert, ist nicht nur korrekt abgearbeitet, sondern bietet auch eine ganz eigene, frische und unerwartete Antwort auf das lang debattierte und kritisierte Programm. Woran liegt das?
Kuehn Malvezzi haben nicht den Fehler begangen und den Wiederaufbau des Schlosses zum Thema gemacht, vielmehr begreifen sie die geforderten Fassaden als eines von vielen Entwurfsmaterialien. Sie stellen die Fassaden für jeden sichtbar in ihrer tatsächlichen Dicke und Konstruktion dar und formen damit eine Agora, einen großen gedeckten, durch vielfache Öffnungen allseits begehbaren Vorhof. Sie bündeln zudem alle Funktionen an einem Zugang, und zwar anders als Stella ohne Enge oder formale Zwänge. Sie nehmen die Stadtbibliothek in die Mitte ihres Ausstellungsrundganges, der die geforderte Flexibilität bestens erfüllt. Und sie beweisen, dass es durchaus Wege gibt, die scheinbar unzumutbare Aufgabe in eine Form zu bringen, die Zukunft und Vergangenheit lesbar miteinander verbindet.
Sie bauen die alten Fassaden, doch ganz ohne Sentimentalität
Schließlich ist noch eine ganz feine Überlegung zu erwähnen: die Verwendung der Zeit als entwurfsbestimmendes Material. Die Fassaden denken sich die Architekten im ersten Schritt gemauert, ohne »Zierath«. Sukzessive sollen dann über einen längeren Zeitraum hinweg die historischen Schmuckelemente angefügt werden. Womit sie nicht nur eine Analogie zu den Fassaden des Renaissance-Architekten Alberti suchen, sondern gleichzeitig eine bislang übersehene Möglichkeit finden, den zeitlichen Aspekt in das Projekt zu integrieren.
Und noch etwas: Kuehn Malvezzi verleihen den Räumen der zukünftigen Museen und der Bibliothek des Humboldt-Forums eine eigene Identität, und dennoch gelingt es ihnen, die einzelnen Teile, so unterschiedlich sie sind, zu einem idealen Ganzen zu verschmelzen. Ebenso neu ist auch die Typologie des westlichen Bauabschnitts, des großen Eingangshofes mit seiner allseitigen Zugänglichkeit, dem es gelingt, die Frage der wiedererrichteten Fassade ohne Sentimentalität und Schlossromantik zu klären. Diese Arbeit ist der beste Beweis, dass die Ausschreibung, allen Unkenrufe zum Trotz, nicht mit dem Totenglöckchen das Ende moderner Architektur in Deutschland eingeläutet hat.
Dennoch fand dieser Entwurf am Ende keine Mehrheit in der Jury. Das lag vor allem an der Angst vor juristischen Streitigkeiten. Kuehn Malvezzi sind an jenen Rechthabern gescheitert, die im Schwäbischen Düpfelesscheißer heißen und die sofort Klage erheben, wenn ein Konkurrent sich dadurch Vorteile verschafft, dass er die Aufgabe mit einem gewissen Eigenwillen löst.
Eine Kuppel sollten die Architekten vorsehen, so hatte es in den Unterlagen gestanden. Und Kuehn Malvezzi haben ihrem Humboldt-Forum auch tatsächlich eine Kuppel aufgesetzt, nur eben keine Kuppel im klassischen Sinne. Dort wo man die Kalotte erwartet, gleicht ihr Vorschlag vielmehr dem Hängemodell einer Kuppel von Gaudi. Das war offenbar zu viel der Freiheit. Zwar wurde der Jury auf die Frage, was sich der Auslober denn unter einer Kuppel vorstelle, geantwortet, das sollten die Entwurfsverfasser selbst entscheiden. Dennoch blieben die Auslober und Preisrichter lieber bei roter Ampel eine ganze Nacht am Fußgängerüberweg stehen, um einer eventuellen Strafe durch verkehrswidriges Handeln zu entgehen.
Es ist schon sehr verwunderlich: Nur weil Kuehn Malvezzi der Forderung nach einer Kuppel am historischen Ort nicht im traditionellen Sinne nachkamen, werden sie ausgeschlossen. Was aber ist mit anderen Punkten der Ausschreibung, mit der Forderung zum Beispiel, das Haus solle so beschaffen sein, dass es »insbesondere Kindern und Jugendlichen als primärer Zielgruppe einen Zugang zu ethischen Werten, zu Kunst, Geschichte und Wissenschaft sowie zur fremden und zur eigenen Kultur« erschließe? Diese Forderung nach einer Architektur, die nachfolgende Generationen anspricht, ist auch bei noch so altbackenen Entwürfen nicht einklagbar. Wäre sie es, könnten sich Kuehn Malvezzi des ersten Preises sicher sein.
Das Wettbewerbsergebnis muss noch einmal überdacht werden
»Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire!«, lässt Schiller den Marquis von Posa in Don Carlos rufen. Schiller, auf den wir als Vordenker so stolz sind, überredete Goethe zu einer Überarbeitung von Stella. Anstelle des harmonischen Endes schrieb Goethe das Stück um und schuf den bekannten dramatischen Schluss. Da sterben am Ende, wie sich das für ein scharfes Bühnenstück gehört, alle handelnden Personen. Das wünschen wir dem Stück des Humboldt-Forums freilich nicht, wohl aber einen wie Schiller, einen, der das Wettbewerbsergebnis noch einmal kräftig durchwirbelt.
Arno Lederer, 61, war Mitglied im Preisgericht für das Humboldt-Forum. Er ist Mitbegründer des Stuttgarter Architekturbüros Lederer+Ragnarsdóttir+Oei
- Datum 23.12.2008 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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Deutschland versinkt flächendeckend in Häßlichkeit, besonders, seit Industriegebiete überall hingebaut werden müssen, und Landschafts- und Denkmalschutz (wie Naturschutz) nur noch als Hemmnis der globalisierten Profitmaximierungspflicht auftaucht, und die klügsten Architekturkritiker zanken sich jahrelang um ein einzelnes Gebäude.
Als ob es irgendeine über den Platz hinausgehende Bedeutung hätte!
Gerade so, als habe man Deutschland bereits aufgegeben.
erschreckend ist der Versuch unserer "Eliten" aus Politik, Wirtschaft und Kultur die Zukunft mit Bauten aus der Vergangenheit zu garnieren. Die derzeitige Strukturkrise der Wirtschaft ist aus dem selben Mangel an konkreten Utopien entstanden. Während in Abu Dhabi mit Masdat die Stadt der Zukunft entsteht, wird in Berlin fleißig weiter an der Bundeshauptkulisse gebastelt. Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit sind bis heute leider nur Worte geblieben. Armes Deutschland.
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