Weihnachten Das schenk ich mir

Jedes Jahr zum Weihnachtsfest flieht Karin Ceballos Betancur gedanklich ins Bermudadreieck

Es gibt vermutlich nur einen einzigen Ort auf der Welt, an dem sich Heiligabend aushalten lässt. Dieser Ort wird im Süden vom puertoricanischen San Juan, im Westen von Miami und im Norden von den Bermudainseln bei 32 Grad nördlicher Breite begrenzt. Wer am Morgen des 24. Dezembers ins Zentrum des Bermudadreiecks aufbricht, der hat es geschafft. Er muss keine Freude über einen Drogerieduft heucheln, nach dem er schon seit Jahren nicht mehr riechen möchte, keine Ausführungen zur fachgerechten Verwendung eben ausgepackter Teekannenausgusstropfenstopper über sich ergehen lassen und sich auch nicht für zu lang gestrickte Pulloverärmel rechtfertigen. Kein Familienstreit, keine Tränen, keine Plätzchen und keine Gans. Irgendwann im Laufe eines endlos blauen Nachmittags auf dem Meer würde es einfach »Fump« machen, und man wäre – verschwunden.

Schon landschaftlich spricht einiges für einen ausgedehnten Aufenthalt im Bermudadreieck: karibisches Klima, badewannenwarmes Wasser und bunte Fische zum Anschauen, falls es mal langweilig wird. Bedauerlich ist zwar, dass die Schenkel des Dreiecks das schönste Land der Welt, die Insel Kuba, knapp verfehlen. Dafür bietet das Areal mit rund sechshunderttausend Quadratkilometern genug Raum für 5,41 Kubas – eine himmlische Verheißung.

Wäre es nicht genug, die Feiertage in den Tropen auszusitzen, fernab von Glühweinschwaden und Schneematsch? Ganz entschieden: Nein. All jene geschundenen Seelen, die in entlegenen Weltgegenden Zuflucht suchen, auch sie werden eingeholt: von Tannenzweigen aus Plastik, von Weihnachtsmännern, die Wattepads auf den Schultern tragen und mit ihren Schlittenkufen im heißen Asphalt versinken. Erst mit dem Eintritt ins Bermudadreieck hat man jedwede Form der lästigen Brauchtumspflege hinter sich gelassen. Jedenfalls darf bis zum Beweis des Gegenteils davon ausgegangen werden.

Leider wissen wir zu wenig über die genaue Beschaffenheit des Verschwindens im Bermudadreieck, den Zustand des Nicht-Seins. Reiten die Verschollenen auf Wolken über die Wellen? Gleicht ihr Ritt eher dem Schweben, Gleiten oder Fliegen? Begegnen sie einander unterwegs? Wird bei diesen Begegnungen geredet, oder winkt man nur aus höflicher Ferne? Sind sich die Verschollenen über ihren Zustand überhaupt im Klaren?

Auf Antworten kann man wohl lange warten, die Quellenlage ist naturgemäß dürftig. »Flug 19«, der berühmteste Fall von Verschwinden, ereignete sich im Jahr 1945 und wird etwa so erzählt: Fünf amerikanische Bomber brachen vom Marinestützpunkt Fort Lauderdale in Florida zu einem Übungsflug auf. Unterwegs meldete die Staffel Probleme mit den Kompassen. Der in der Nähe befindliche Flugausbilder Leutnant Robert Cox funkte der Besatzung: »Ich fliege nach Süden und treffe Sie dort.« Der Kommandeur der Staffel, Leutnant Charles Taylor, gab zurück: »Ich weiß jetzt, wo ich bin. Ich bin auf 700 Metern Höhe. Folgen Sie mir nicht nach.« Es war der letzte Funkspruch von Flug 19.

Über den Verbleib von Bombern und Besatzung ist seitdem viel spekuliert worden. Zu wenig Beachtung wurde dabei aber dem Umstand geschenkt, dass die Maschine an einem 5. Dezember, in der Adventszeit also, verschwand.

War auf dem Marinestützpunkt von Fort Lauderdale eine Weihnachtsfeier geplant? Ging ein Teil des Funkverkehrs verloren, und lautete die Coxsche Ankündigung tatsächlich vollständig: »Ich fliege nach Süden und treffe Sie dort, um fürs Krippenspiel zu proben«? Sprach Taylor mutig aus, was wir nur denken, wenn uns der leidige Verwandtenbesuch von der Christmette nach Hause hinterherschlurft: »Folgen Sie mir nicht nach«?

Wir würden Taylors letztem Wunsch gerne entsprechen, wären wir nicht selbst auf der Suche nach dem ultimativen Refugium. Vielleicht ist im Bermudadreieck noch eine Wolke frei. Oh, frohes Fest! Wir versprechen auch, nicht zu singen.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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