Literaturverfilmung

Der Untergang der Buddenbrooks

Heinrich Breloers Film hält sich sklavisch an Thomas Manns berühmten Roman – und verrät ihn am Ende doch

Thomas Manns Buddenbrooks haben mit der Finanzkrise nicht so viel zu tun, wie jetzt behauptet wird, da sie in einer Neuverfilmung durch Heinrich Breloer in die Kinos drängen. Aber doch so viel, als es auch in diesem Roman einer Lübecker Kaufmannsfamilie einen Moment der geschäftlichen Enthemmung gibt, die dem Gefühl entsprang, mit der Zeit gehen zu müssen, auch wenn es althergebrachten Ehrbegriffen widerspricht. Es ist der Moment, als der Senator Thomas Buddenbrook die Notlage eines verschuldeten Rittergutsbesitzers ausnutzt und dessen Weizen noch vor der Ernte kauft, »auf dem Halm«, wie der Fachausdruck lautete, also auf jeden Fall weit unter dem erwartbaren Wert.

Thomas wird für diesen Sündenfall streng bestraft, insofern ein Hagel die Ernte vernichtet; seine Spekulation hat sich nicht gelohnt. Warum ließ er sich überhaupt darauf ein? Er hat es getan, weil er rings um sich weit skrupellosere Kaufleute weit erfolgreicher als die Firma Buddenbrook agieren sieht. Die Konkurrenz der neuen Zeit, so dachte er, zwinge ihn auch zu den Geschäftspraktiken einer neuen Zeit. Das ist ein Muster, das wir aus der Globalisierung kennen: Der Wettbewerb erpresst die Aufgabe moralischer Standards.

Wo sind Grünlichs berühmte Favoris geblieben?

Die Buddenbrooks, das ist das große Thema bei Thomas Mann, sind eine absteigende Familie; und ihr Abwehrkampf gegen die Aufsteiger, insbesondere die misstrauisch beäugten Hagenströms, beschleunigt nur ihren Untergang. Ihre Vitalität hat sich erschöpft, sie sind über die Zeiten immer vornehmer, schließlich sogar kunstsinnig geworden, aber gerade dadurch immer schwächer. Ihre Zeit ist abgelaufen; jetzt kommt die Zeit der Parvenus und archaischen Beißer von unten. Am Ende sind die Buddenbrooks ruiniert; und die Hagenströms ziehen in das ehrwürdige Patrizierhaus. Was interessiert Heinrich Breloer daran?

Die Antwort lautet: Nichts. Jedenfalls nichts, das sich den Filmbildern ablesen ließe. Heinrich Breloer hat einen langen, sehr langen Film gemacht, er dauert zweieinhalb Stunden, aber nie zeigt sich ein Moment des Interesses, einer aktuellen Pointe oder auch nur der Anteilnahme für die Untergehenden. Die Kamera schwelgt in Kostümen und Ausstattung, manchmal scheint es fast, der Ausstattungswahn könne und wolle von Untergang nichts wissen, als sei das Morbide gegen die Logik des Dekors.

Aber so ist es nicht; denn nicht einmal für Prunk und Protz nimmt Breloer sich die Zeit. Er will so viel wie möglich und mehr als möglich aus dem Roman erzählen, und das geht auch auf zweieinhalb Stunden, auch wenn man eine Generation kappt und Nebenfiguren eliminiert, nur im Geschwindmarsch. Heinrich Breloer, der große Dokumentarfilmer, verhält sich auch zu der literarischen Vorlage als Dokumentarist: Alles Wesentliche muss vorkommen. Er haspelt die Daten und Begebenheiten herunter wie ein Schüler aus Angst vor dem Lehrer. Vielleicht hat Breloer, der eine bewunderte Fernsehdokumentation über die Familie Thomas Manns drehte, zu viel Respekt vor der Größe des Schriftstellers; jedenfalls fehlt ihm die schöpferische Rücksichtslosigkeit, mit der Martin Scorsese zum Beispiel für seine Edith-Wharton-Verfilmung Age of Innocence die Vorlage auf eine Handvoll großer Szenen zusammenstrich, die er dann jedoch mit seinem epischen Atem füllte.

Das Ergebnis bei Scorsese: der Eindruck romanhafter Weite. Das Ergebnis bei Breloer: Eile, Flüchtigkeit bis zum Lieblosen. Vor allem aber provoziert die streberhafte Treue zum Original erst den Vergleich mit der Vorlage, dem selbst Breloer nicht standhalten kann. Warum, wenn der Regisseur keine Zeit hat, erfindet er einen Beischlaf, den es im Original nicht gibt? Warum, wenn schon die Kostüme sklavisch nachgebildet werden, zeigt der betrügerische Kaufmann Grünlich nur unauffällige Koteletten und nicht jene, im Roman mokant ausgemalten Favoris, wie man den langen, aufgebürsteten Backenbart nannte?

Der Schaden, den Eile und Nacherzählungswahn anrichten, ist groß. Breloer muss sich ein wesentliches Stilelement Thomas Manns versagen: die stereotypen Wiederholungen. Es gibt einen berühmten Satz, den Christian, Thomas Buddenbrooks untüchtiger Bruder, gerne vorzubringen pflegt, und zwar immer schon, noch vor seinem traurigen Ende: »Ich kann es nun nicht mehr.« Dieser Satz, damit er als Untergangsmelodie des Romans erkannt wird, muss allerdings wiederholt werden, und dass Breloer dies versäumt, lässt wirklich fragen, wie viel er verstanden hat oder zu verstehen bereit war. Jedenfalls nichts von dem paradoxen Darwinismus bei Thomas Manns, der darin besteht, dass der Stärkere zwar siegt, aber nicht der Bessere ist. Bei Thomas Mann setzt sich immer das Niedrige gegen das Höhere durch.

Warum will Heinrich Breloer davon nichts wissen? Vielleicht fürchtet er die politische Botschaft; das würde jedenfalls zwei große Eigenmächtigkeiten erklären, die er sich trotz allem leisten zu müssen glaubt. Er lässt Tony Buddenbrook gegen den Roman, der sie hochmütig und klassenstolz zeigt, heimlich den Parvenu Hagenström lieben, er schummelt also in die Handlung den schalen Trost, dass die höheren Klassen sich doch auch zu den niederen hingezogen fühlen. Die Buddenbrooks fühlen sich aber zu den niederen Klassen nicht hingezogen; mit Ausnahme Christians, der dort ein höheres Mitgefühl erwartet, das allerdings grausam enttäuscht wird. Die Halbweltdame Aline Puhvogel, die er gegen den Willen der Familie geheiratet hat, sperrt ihn in die Irrenanstalt. Auch das darf bei Breloer nicht sein; bei ihm ist es die Familie, die Christian einsperrt. Kurzum: Wo es gegen die Unterschichten geht, hört die Werktreue auf.

Der Spott der Menge ist der Preis der Höherentwicklung

Bei Breloer bleibt von Thomas Manns Geschichtspessimismus nichts als Nostalgie nach einer schönen alten Zeit, die wunderbarerweise schon den Keim zu unseren modernen Gerechtigkeitsvorstellungen in sich birgt. Er kann mit Fremdheit nicht umgehen; das erklärt auch seine Besetzungspolitik. Armin Mueller-Stahl und Iris Berben als Konsul und Konsulin Buddenbrook, Jessica Schwarz als Tony – nun gut, es ist wohl so, dass ein gewisses Maß an Prominenz nötig ist, um ein Großprojekt populär und finanzierbar zu machen.

Fatal ist jedoch die Besetzung des Hanno Buddenbrook, des zarten Hochbegabten, mit dem die Familie erlischt. Ruben Ortlieb ist ein aufgeschwemmtes, nur mit Mühe als männlich identifizierbares Wesen, dem man kein Talent, nur die Heulsuse zutraut. Thomas Mann will mit Hanno zeigen: Schwäche und der Spott der Menge sind der Preis der Höherentwicklung – Breloer dagegen, indem er Hanno physiognomisch denunziert, inszeniert gerade das niedrige Gelächter der Menge. So endet dieser streberhafte Film, der so tut, als wolle er dem Meister alles recht machen, am Ende doch mit einem robusten Verrat.

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Leser-Kommentare

  1. Ich rate dem Herrn Filmkritiker, sich einmal Gedanken zu machen, zu welchem Zweck er eine sog. Filmkritik schreibt. Er scheint zu meinen, von ihm erwarten seine Kritikerkollegen einen ultimativen Verriss. Was soll das, sich Gedanken zu machen, wie ein Scorsese den Film angepackt hätte? Sicherlich ganz anders, eben weil er Scorsese heißt, er italienische Wurzeln hat - und nicht Heinrich Breloer ist. Nun aber wurde der Roman eines deutschen Schriftstellers von einem deutschen Regisseur filmisch umgesetzt, und das in einem deutschen Stil, so wie ja auch Thomas Mann in deutscher Manier einen riesenlangen Roman verfasst hat. Warum kritisiert er nicht gleich den Thomas Mann für seinen Hunderte Seiten dicken Wälzer? Dem gewöhnlichen Kinobesucher, den Roman gelesen oder auch nicht, hat er nicht gedient. Er hat ihn höchsten vom Filmbesuch abgeschreckt. Hat er vielleicht das als seine Aufgabe angesehen? Ich selbst bin mit mehreren Personen zum Filmbesuch gewesen, darunter ein Software-Entwickler, zwei Ärzte, eine Juristin, eine Sozialpädagogin, und wir alle haben uns bei diesem Film nicht gelangweilt. Dieser Film erzählte eine deprimierende Geschichte von Untergang, wobei das verlustreiche Termingeschäft (Ernte auf dem Halm gekauft) nur einer der Sargnägel war. Er zeigte dies in einer Art und Weise, die beeindruckend war. Es war ein akzeptabler Film.
    Nur kurz noch zur Veriss-Sucht des Filmkritikers: "Fatal ist jedoch die Besetzung des Hanno Buddenbrook, des zarten Hochbegabten, mit dem die Familie erlischt. Ruben Ortlieb ist ein aufgeschwemmtes, nur mit Mühe als männlich identifizierbares Wesen, dem man kein Talent, nur die Heulsuse zutraut." Wie kommt ein Kritiker dazu, zu wissen, wie ein Musiktalent auszusehen hat? Das ist eben die Krankheit der Filmkritiker: sie glauben zu wissen, wie der zu besprechende Film hätte gemacht werden sollen. Zu kurz Gekommene scheint das Fach der Filmkritik anzuziehen.

  2. Warum, fragen wir uns, warum kann Herr Jessen nicht einmal die Namen der Protagonisten richtig schreiben? Warum schreibt er Puhvogel statt Puvogel? Warum übt Jessen auf diese Weise Verrat an Thomas Mann, während er an anderer Stelle darauf beharrt, dass Grünlichs Favoris unbedingt in Breloers Film vorkommen müssten. Will er nicht? Oder kann er nicht?

    So oder ähnlich könnte eine Kritik der Kritik klingen, die sich argumentativ und stilistisch auf Jessens Niveau begibt.
    Zum einen besteht dieses Niveau aus einer Ansammlung von Schmähungen: Breloer halte sich „sklavisch“ „mit streberhafter Treue“ an die Vorlage, er „haspelt“ Daten und Begebenheiten herunter wie „ein Schüler aus Angst vor dem Lehrer“. Jessen glaubt „Desinteresse“, Mangel an „Anteilnahme“ bis hin zur „Lieblosigkeit“ bei Breloer entdecken zu können.

    Zum anderen aber ist Jessens argumentative Decke äußerst dünn:
    Beispiel: Anders als bei Mann werden die Hagenströms in Breloers Film nicht als Emporkömmlinge, sondern als Konkurrenten eingeführt. Tonis verpasste Heirats-Chance – von Breloer hinzuerfunden – ist eine kluge Hinzufügung um ihren Weg zu kennzeichnen, um den Film auf ein überschaubares Personal zu reduzieren (Toni hat dort keine Tochter) und um dem Film die Klammer zu verschaffen, die das Buch so nicht hat: die Konkurrenz der beiden Familien. Man kann – wenn man sich nicht sklavisch an das einmal durch die deutsche Presse laufende Verdikt halten will – durchaus dem Vorgehen von Breloer positive Seiten abgewinnen, ohne gleich den ganzen Film loben zu müssen.
    Weiteres Beispiel: Jessens Behauptung mit der Wahl des Darstellers für den Hanno habe Breloer „einen robusten Verrat“ an Thomas Mann begangen. Wenn man die Passagen nachliest, in denen Mann Hanno charakterisiert, scheint Breloer eher eine Punktlandung mit seiner Besetzung gelungen zu sein. Nicht nur der Vater fragt (wie auch im Film übernommen): „Bist du denn ein kleines Mädchen?“, sondern der Erzähler selbst stellt bei Hanno wiederholt „Arme…schmal und weich wie die eines Mädchens“ fest, mit denen er sich nicht der Nachstellungen der Hagenström-Jungen erwehren konnte. Insgesamt ist Hanno in seiner ganzen Schwächlichkeit (ewig krank, wasserscheu, zu keiner Turnübung zu bewegen, schlecht in der Schule) fast eine Karikatur, die so Gott sei Dank von Breloer nicht in den Film aufgenommen wurde. Wie überhaupt, aus gutem Grunde meine ich, vermieden wurde die teilweise grotesken Überzeichnungen, die einen großen Lesespaß darstellen, in den Film zu übernehmen. Besonders deutlich wird dies bei Christian. Was im Buch noch als subjektive Wahrnehmung der Beteiligten oder des Erzählers erscheinen kann, wird im Film zur Objektivität, die unglaubwürdig wirkt. Deshalb musste auch Grünlich davor bewahrt werden in Lächerlichkeit abzurutschen. Die Favoris hätten eben diese Grenzüberschreitung bedeutet. Weiß Jessen von solchen Unterschied zwischen Film und Roman nichts oder will er nichts davon wissen? (um in seinem Jargon zu sprechen)
    Schließlich noch – eine Reihe von Ungereimtheiten hier nicht weiter betrachtend – zu der kryptischen Bemerkung von Jessen über Breloer: „Er kann mit Fremdheit nicht umgehen; das erklärt auch seine Besetzungspolitik. Armin Mueller-Stahl und Iris Berben als Konsul und Konsulin Buddenbrook, Jessica Schwarz als Tony.“ Kritisches Geraune ohne erkennbaren Sinn. So wie mir der ganze Artikel erscheint. Warum Jessen einen Film, der m.E. klug, aber nicht genial, konventionell, aber nicht verstaubt, handwerklich gut, aber nicht perfekt ist, nicht angemessen würdigen kann, bleibt mir ein Rätsel.
    R. Wedekind

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  • Von Jens Jessen
  • Datum 23.12.2008 - 11:33 Uhr
  • Serie Audio
  • Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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  • Schlagworte Film | Literaturverfilmung | Kino
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