DIE ZEIT: Keine soziologische These ist so berühmt geworden wie Max Webers Behauptung, dass der Protestantismus den Kapitalismus zur vollen Entfaltung gebracht habe. Ihre Studie trägt den Titel: Lag Weber falsch? Was bezweifeln Sie?

Ludger Wößmann: Weber beginnt mit der Beobachtung, dass protestantische Gegenden wirtschaftlich fortgeschrittener waren. Wir hatten die Idee, dass es dafür eine andere Erklärung geben könnte als eine spezifische protestantische Ethik. Nämlich die, dass Protestanten gebildeter waren.

ZEIT: Wie kommen Sie darauf?

Wößmann: Jeder weiß, dass Luther die Bibel ins Deutsche übersetzt hat. Weniger bekannt ist, dass er sich auch in vielen Predigten für den Bau von Schulen eingesetzt hat. In seinem Verständnis von Religion sollte jeder die Bibel, also Gottes Wort, selbst lesen können. Das könnte den – unbeabsichtigten – Nebeneffekt gehabt haben, dass Protestanten aufgrund ihrer besseren Bildung produktiver wurden und damit erfolgreicher. Also ganz im Sinne einer ökonomischen Betrachtung, die Bildung als lohnende Investition in Humankapital ansieht.

ZEIT: Können Sie diese Wirkung beweisen?

Wößmann: Wir wollten das testen, was Weber Ende des 19. Jahrhunderts vor sich gesehen hat. Mein Kollege Sascha Becker und ich hatten das Glück, kaum beachtete Daten für die 450 preußischen Landkreise um 1870 zu finden. In einigen der von uns genutzten Archivbände waren die Seitenbögen noch nicht einmal aufgeschnitten. All diese Daten haben wir digitalisiert, und in der Tat: Die protestantischen Kreise waren wirtschaftlich fortgeschrittener.

ZEIT: Womit Sie Weber zunächst bestätigen.

Wößmann: Absolut. Das war schon ein spannender Befund, denn die jüngere Forschung hat diesen Grundzusammenhang eher bezweifelt. Weber hatte natürlich noch keinen PC auf dem Schreibtisch. Unsere Analysen können ihn an dieser Stelle heute vollkommen belegen. Dann kommt aber eben der zweite Schritt.

ZEIT: Der Bildungsvorsprung der Protestanten.

Wößmann: Und auch da sehen wir deutlich: Protestantische Landkreise hatten eine höhere Alphabetisierungsquote – im Durchschnitt sage und schreibe zehn Prozentpunkte mehr.