Migranten Behördentürkisch
In Deutschland stammt jeder Vierte aus einer Einwandererfamilie. Doch im öffentlichen Dienst ist der Migrantenanteil gering. Kampagnen sollen das ändern
Deutschland hat es Umut Cantay am Anfang nicht leicht gemacht. Das Erste, was der Junge aus der Türkei vom Land sah, war ein Wohnschiff für Flüchtlinge auf der Elbe im Hamburger Stadtteil Altona. Das Erste, was er spürte, war Wut, als ihn die Behörden wegen seiner schlechten Deutschkenntnisse eine Schulklasse zurückstellten. Aber nun steht er am Rednerpult in der Mehrzweckhalle eines Gymnasiums, zupft die Ärmel seines Nadelstreifenanzugs zurecht und blickt auf die Schüler, die vor ihm sitzen. Er schaut in aufmerksame Gesichter und in müde, auf die Kopftücher einiger Mädchen und sagt: »Ich habe einen weiten Weg zurückgelegt. Lasst euch nicht von Vorurteilen abschrecken. Auch ihr könnt aus euren Fähigkeiten etwas machen!«
Umut Cantay hat bereits einiges geschafft: das Abitur, das Studium zum Diplom-Finanzwirt, den Eintritt ins Berufsleben als Steuerinspektor, die Verbeamtung. Vom Finanzamt, in dem er arbeitet, bekommt er manchmal frei, um vor Schülern Werbung für die Hamburger Verwaltung zu machen. Denn Menschen wie er sind beim öffentlichen Dienst in der ganzen Republik beliebter denn je: Umut Cantay ist jung, begabt und er hat vor allem fremde Wurzeln. »Rund 26 Prozent der Bevölkerung haben einen anderen kulturellen Hintergrund. Das soll sich auch in unserer Verwaltung widerspiegeln«, sagt Volker Bonorden, der Leiter des Hamburger Personalamtes. Allein die Hansestadt will den Anteil der Auszubildenden mit einem Migrationshintergrund bis 2011 auf bis zu 20 Prozent erhöhen, in Köln bringt diesen schon jeder vierte der in diesem Jahr eingestellten Auszubildenden mit.
Die begehrte Zielgruppe soll zur besseren Verständigung zwischen den Behörden und der Bevölkerung beitragen doch sie weiß oft nichts von dieser Perspektive. Manche dieser Jugendlichen orientieren sich an den Berufen der Eltern, die in der Regel keine Beamten sind. Und manche denken, dass man ohne deutschen Pass nicht Polizist werden könne oder in den Amtsstuben kein Kopftuch tragen dürfe. »Die Jugendlichen sehen sich häufig nicht als Angestellte einer deutschen Behörde«, sagt Leyla Özmal, Integrationsbeauftragte der Stadt Duisburg. Etwa weil sie schlechte Erfahrungen mit Beamten gemacht haben oder weil sie wie Umut Cantay die engen Gänge in der Flüchtlingsunterkunft nicht vergessen können. Sie wissen zwar, dass man bei der Verwaltung den Personalausweis abholt, sie ahnen aber nicht, dass sie auch auf der anderen Seite des Schreibtisches sitzen können.
»Die Berufe müssen publik gemacht werden«, sagt Leyla Özmal. Duisburg arbeitet deswegen mit Schulen und Vertretern der verschiedenen Einwanderergruppen zusammen, Köln mit Berufsberatern und Jobcentern. Hamburg inseriert in der Hürriyet und hat die Kampagne »Wir sind Hamburg! Bist du dabei?« gestartet. Koordiniert wird sie vom Zentrum für Aus- und Fortbildung, das Auftritte auf Messen organisiert und zur Aufklärung in die Schulen gern Migranten schickt, die schon in der Verwaltung sitzen. »Es braucht Vorbilder. Menschen, mit denen sich die Jugendlichen identifizieren können«, sagt auch Leyla Özmal.
So erzählt also Umut Cantay seine Geschichte immer wieder, um gleich danach die Vorteile aufzuzählen, die eine Ausbildung im gehobenen Dienst attraktiv machen: Bachelorstudium mit praktischen Einheiten, Gehalt von Anfang an, eine fast 100-prozentige Übernahmechance, ein sicherer Arbeitsplatz, die günstige Privatversicherung, gute Aufstiegsmöglichkeiten und familienfreundliche Arbeitszeiten.
»Das hat auch mich überzeugt«, sagt Terence Lam, der im sechsten Semester Public Management mit Schwerpunkt Wirtschaft studiert, sich in seiner praktischen Phase in der Behörde für Schule und Berufsbildung unter anderem mit dem »Sachgebiet Schulpflichtverletzungen« auseinandergesetzt hat und später in der allgemeinen Verwaltung arbeiten wird. In Singapur aufgewachsen, kam der 27-Jährige nach Deutschland, um hier Abitur zu machen. Er spricht fließend Deutsch und Englisch, ein wenig Mandarin und hat schon eine Lehre als Groß- und Außenhandelskaufmann bei einem Versandhaus abgeschlossen. Dort war er sogar Azubi des Jahres. Vorauswahl? Eignungstest? Vorstellungsgespräch? Für Terence Lam alles kein Problem.
Andere junge Migranten haben es deutlich schwerer, einen Platz zu bekommen. Zwar betonen die Städte, dass es sich positiv auf eine Bewerbung auswirke, wenn man interkulturelle Kompetenzen vorweisen könne etwa weil man mehrere Sprachen spreche, längere Zeit im Ausland gewesen sei oder Erfahrungen aus anderen Kulturkreisen mitbringe. »Bei uns sind allerdings viele aufgrund sprachlicher Defizite durch die Aufnahmeprüfung gefallen«, sagt Leyla Özmal. »Einige haben wir dann gezielt angesprochen und mit ihnen Kurse an der Volkshochschule durchgeführt.«
Auch in Köln haben Bewerber ausländischer Herkunft bei den Testaufgaben zum sprachlichen Verständnis in den vergangenen Jahren schlechtere Ergebnisse erzielt als ihre Mitbewerber. Nun soll es für sie ein »sprachbereinigtes Testergebnis« geben – und die Chance, trotzdem eingestellt zu werden und innerhalb von drei Jahren die Defizite auszugleichen. Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen hätten gezeigt, dass dies bei Menschen mit einer ausgeprägten Lernfähigkeit machbar sei, so die Stadtverwaltung. Zusätzlich wurde im vergangenen Jahr erstmals ein Projekt für Jugendliche mit Migrationshintergrund gestartet, um sie gezielt auf eine Ausbildung bei der Stadt vorzubereiten: Die 22 Teilnehmer durften halbjährige Praktika in den von der Stadt angebotenen Ausbildungsberufen machen, nebenher gingen sie in eine Fortbildungseinrichtung der kommunalen Verwaltung und wurden sprachlich gefördert. 16 Jugendliche bekamen danach einen Ausbildungsvertrag.
Umut Cantay ist heute begeistert von seinem Beruf und stolz darauf, ein Beamter zu sein. Er sagt Sätze wie: »Wir bringen den Staat zum Leben.« Oder: »Was wir tun, dient der Allgemeinheit.« Auch seine Eltern sind angetan. »Für die war das ein sozialer Aufstieg.« In seinem Bekanntenkreis interessieren sich nun viele für eine Ausbildung im öffentlichen Dienst. Seine Cousine hat gerade ein Praktikum beim Finanzamt gemacht, eine andere möchte sich demnächst um eine Ausbildung bei der Verwaltung bewerben. Und Leyla Özmal sagt, dass die Jugendlichen nun das Gefühl hätten, dass sie akzeptiert würden, weil sie etwas bewegen könnten und mittendrin an den Schaltstellen säßen: »Sie sind endlich angekommen.«
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- Datum 23.12.2008 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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@Deutschland hat es Umut Cantay am Anfang nicht leicht gemacht. Das Erste, was der Junge aus der Türkei vom Land sah, war ein Wohnschiff für Flüchtlinge auf der Elbe im Hamburger Stadtteil Altona. Das Erste, was er spürte, war Wut, als ihn die Behörden wegen seiner schlechten Deutschkenntnisse eine Schulklasse zurückstellten.
Also ein Land bzw. eine Schule, die einen türkischstämmigen Schüler wegen mangelnder Deutschkenntnisse, die einen geregelten Unterricht unmöglich machen, ein Jahr zurückstellt, machen es ihm nicht leicht? Auf die Idee, daß das Lernen der deutschen Sprache ein probates Mittel dagegen ist, was natürlich nicht erfolgt, wenn die Eltern ausschließlich Türkisch mit dem Sohn sprechen und keinen Umgang mit deutschen Familien haben, kommt Frau Böhringer nicht.
@Er schaut in aufmerksame Gesichter und in müde, auf die Kopftücher einiger Mädchen und sagt: »Ich habe einen weiten Weg zurückgelegt. Lasst euch nicht von Vorurteilen abschrecken. Auch ihr könnt aus euren Fähigkeiten etwas machen!«
Welche Vorurteile? Daß man ohne Deutschkenntnisse in Deutschland weder in der Schule mitkommt noch einen Beruf erlernen kann? Herr Cantay hat ja offenkundig Deutsch gelernt und einen Beruf ergriffen. Also zeugt das doch wohl davon, daß man als Migrant keinen Vorurteilen ausgesetzt ist, wenn man sich um Sprachkenntnisse, Bildung und Beruf bemüht. Man muß es aber auch wollen. Das eigene Bemühen nimmt weder den Migranten noch den Deutschstämmigen jemand ab.
@Rund 26 Prozent der Bevölkerung haben einen anderen kulturellen Hintergrund.
Das hieße ja, nur noch 74 % hätten einen autochton deutschen Hintergrund. Diese Zahlen klingen aber ganz anders als die Statistiken der Zentrale für Politische Bildung. Welche stimmen denn jetzt?
Abgesehen davon ist es schon erstaunlich, daß im Zusammenhang mit angeblicher Benachteiligung und Vorurteilen immer wieder die türkische Migrantengruppe erwähnt wird. Zur Erinnerung:Wir haben in Deutschland Migranten aus über 100 Herkunftsländern mit dem unterschiedlichsten kulturellen Hintergrund; warum wird ausgerechnet diese diskriminiert? Jedenfalls wenn man den immer wieder vorgebrachten Erklärungsversuchen von offizieller Seite und von Seiten der türkischen Verbände für die schlechten Schulabschlüsse und die hohe Arbeitslosigkeit der Türken in Deutschland Glauben schenkt.
und da gibt es tatsaechlich Leute die glauben so ist das nur in Deutschland??? Die Sprache ist der Schluessel, egal wo die Leute hinziehen,ohne die Sprache zu beherrschen laeuft es nirgendwo.
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