Und es gibt ihn doch
Warum der Weihnachtsmann den Schulfrieden stört
Seitenhieb
Weihnachten ist ja unter anderem auch eine Zeit der Glaubensfragen. Eine Vertretungslehrerin an der Blackshaw-Grundschule in Oldham bei Manchester hat gerade eine davon offenbar falsch beantwortet. Sie leugnete vor versammelter Klasse die Existenz des Weihnachtsmannes beziehungsweise von Santa Claus, wie er in Großbritannien heißt. Das brachte das Weltbild der Siebenjährigen gehörig ins Wanken und deren Eltern sehr auf. »Das ist, als würde man einem Gläubigen sagen, dass Gott nicht existiert«, zürnten sie. Die Direktorin schlug sich auf die Seite von Santa Claus und entließ die Lehrerin.
Dieser Fall wirft wieder einmal Licht auf eine große Merkwürdigkeit: Lehrer werden oft aus Gründen entlassen, die wenig mit ihrem Unterricht zu tun haben. Das gilt weltweit, und man muss dabei nicht einmal Kopftücher anführen. Eine kleine Auslese aus den vermischten Meldungen: In den Arab News aus Saudi-Arabien war vor einiger Zeit die Geschichte eines Lehrers zu lesen, der wegen respektloser Äußerungen über die langen Bärte frommer Muslime und zusätzlicher Hexerei zu 750 Peitschenhieben, verteilt auf drei Wochen, und drei Jahren Haft verurteilt wurde. El Harbi, so der Name des Lehrers, unterrichtete Chemie und trug einen gestutzten Bart. Er ging in Berufung und fand die Gnade König Abdullahs.
Unvergessen auch der Fall von Gillian Gibbons. Die britische Lehrerin unterrichtete Naturkunde in Khartoum, der Hauptstadt des Sudans. Sie wollte, dass ihre Schüler dem Klassenmaskottchen, einem Teddybären, einen Namen geben. Dummerweise einigten sich die Schüler auf Mohammed. Die Ehre des Propheten werde in den Staub getreten, wüteten Eltern und muslimische Geistliche. Die Sache schaukelte sich hoch, Gibbons drohten Peitschenhiebe und eine lange Haftstrafe. Nach Intervention der britischen Regierung durfte sie nach 15 Tagen Haft ausreisen. In einem anderen strenggläubigen Land, den USA, sind es oft die Biologielehrer, die in Schwierigkeiten geraten, weil ihre Lehrinhalte nicht so recht mit der christlichen Schöpfungsgeschichte zusammengehen wollen. Auch aus Bayern gibt es merkwürdige Meldungen. Dort wurde heuer eine Grundschullehrerin zwangsversetzt. Begründung: Zu schülerfreundlich, vergibt zu gute Noten, das stört den Schulfrieden.
Auf die Nachricht, dass ein Lehrer entlassen wurde, weil sein Unterricht zu schlecht war, müssen die Schüler auf Erden wohl noch ein Weilchen warten. Oder an den Weihnachtsmann schreiben. Vielleicht kann der was regeln. Arnfrid SChenk
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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