Coaching Immer sachte, Junior!

Ein Verein von Senioren bildet Rentner zu Mediatoren aus. Sie gehen in die Schulen und vermitteln zwischen streitenden Teenagern

Auf Frau Paulis Schreibtisch steht ein Computer, aber den benutzt sie nicht. Die ältere Dame mit der orangefarbenen Hornbrille verwendet für ihre Arbeit lieber einen Karteikasten. Dieser Behälter, kleiner als ein Schuhkarton, ist das Herz von SIS, Seniorpartner in School: einem 2001 gegründeten Verein, der Rentner kostenlos zu Mediatoren ausbildet und sie dann als Streitschlichter in Schulen schickt, mindestens eineinhalb Jahre lang. Ursula Pauli ist eine von zwei Angestellten des Vereins. Auf weißen Karten und in ordentlicher Schreibschrift notiert sie die Adressen der Schulen, auf roten die der Ausbilder, für jeden Senior gibt es eine gelbe Karte.

Der pensionierte Marineoffizier trifft auf ratsuchende Achtklässler

Doch allmählich wird es eng in Frau Paulis Karteikasten: Fast 200 Seniorpartner sind mittlerweile ehrenamtlich an Berliner Schulen im Einsatz (bundesweit sind es noch einmal rund 300), es gibt mehr Bewerbungen als Ausbildungsplätze. Soeben wurde in Sachsen das siebte Länderbüro eröffnet, und die Vereinsgründerin Christiane Richter klingt mit ihren 72 Jahren nicht wie eine Sozialarbeiterin im Ruhestand, sondern eher wie die Geschäftsführerin eines expandierenden Unternehmens, wenn sie sagt: »In fünf Jahren wollen wir SIS in allen Bundesländern aufgebaut haben, und auf Berliner Ebene soll es Seniorpartner in jeder zweiten Schule geben.« Sie will damit zur Verständigung zwischen den Generationen beitragen und verhindern, dass sich Konflikte unter den Schülern hochschaukeln.

Wolfgang Barenberg, 67 Jahre alt, und Gabriele Sonneck, 62, tun ihr Bestes. Das SIS-Team sitzt wie jeden Donnerstag im Filmraum der Georg-von-Giesche-Realschule in Berlin-Schöneberg. Es ist ihr neunter Einsatztag, vor ihnen ein hellblau gestrichener Tisch, auf der anderen Seite zwei Schülerinnen einer achten Klasse. Die beiden Mädchen verpassen den Unterricht, doch sie haben Dringenderes zu besprechen als die Hausaufgaben. Der Lehrer hat sie gehen lassen. »Wir haben gar keinen Streit«, sagt das eine Mädchen erklärend. »Eher ein Problem.« Beide kichern verlegen. »Sie liebt einen Jungen aus der Schule. Er hat Schluss gemacht. Sie stresst ihn voll mit Anrufen. Die beleidigen sich immer so.« Stille. »Das ist aber nicht alles. Sag du!« Und das andere Mädchen sagt kaum hörbar: »Ich ritz mich wegen ihm.« Sie zieht den linken Ärmel ihres gestreiften Wollpullovers nach oben: auf ihrem gesamten Unterarm frische Schnittwunden – Großbuchstaben und Zahlen, feinsäuberlich in die Haut geritzt »mit Rasierklinge, Messer, dann wieder Rasierklinge«. Alle wüssten es, nur der Lehrer nicht. Am Tag zuvor sei ihre Mutter mit ihr zum Desinfizieren im Krankenhaus gewesen. »Warum tust du das?«, fragt Gabriele Sonneck. »Sie denkt, davon geht der Liebeskummer weg«, sagt die Freundin. »Ich weiß es nicht«, antwortet das Mädchen.

Ratlos ist auch Wolfgang Barenberg. In der achtzigstündigen Ausbildung bei SIS hat der pensionierte Marineoffizier zwar gelernt und in Rollenspielen trainiert, wie man zwischen Streithähnen vermittelt: indem man erst einmal beide Seiten anhört und versteht. Die Schüler, die bisher zu ihm und seiner Kollegin kamen, hatten sich gezofft, geprügelt, andere geknechtet, einige Mädchen waren von Mitschülern sexuell belästigt worden. Aber Selbstverletzung? Hier helfen die Regeln der Mediation nicht weiter. Das Team fühlt sich überfordert. »Wir sind Anfänger, wir haben Grenzen«, sagt Barenberg später. »Wir können den Schülern zeigen, dass man einen Streit nicht nur mit Gewalt lösen kann, sondern durch Gespräche. Aber wenn die Probleme tiefer liegen, vermitteln wir ihnen psychologische Betreuung.« Die gibt es übrigens nicht nur für Schüler: Einmal im Monat sprechen die Mediatoren mit professionellen Supervisoren über ihre Erlebnisse.

Zum Mädchen sagt er: »Liebe kann man nicht erzwingen. Aber vielleicht ist dir geholfen, wenn das gegenseitige Schlechtmachen aufhört.« Er schlägt vor, den Jungen nach der fünften Stunde hinzuzubitten. Sie nickt.

Es hat die Schülerin Überwindung gekostet, zu den Mediatoren zu gehen, doch nun ist sie froh, dass sie sich getraut hat. »Die hören zu. Und sie versuchen, dass es einem besser geht«, sagt sie. »Außerdem haben sie viel Lebenserfahrung, das ist auch gut.« Vertrauenslehrer hätten nicht so viel Zeit, ihre Mutter mache sich immer gleich Sorgen, und die Großeltern, mit denen würde sie ja reden – wenn sie bloß in Deutschland wären. Unter den Schülern hat es sich herumgesprochen, dass sich hier jemand für ihre Probleme interessiert, und wenn die Seniorpartner kommen, warten oft mehrere Schüler vor der Tür.

Der Schulleiter wünscht sich, die Senioren würden öfter kommen

»Da sind Probleme im häuslichen Bereich und untereinander, das hatten wir so massiv gar nicht erwartet, als wir den Kontakt zu SIS aufnahmen«, sagt der Schulleiter Bernd Scholkmann. Mit den Mediatoren, die dann an die Giesche-Schule gekommen seien – darunter auch ein ehemaliger Richter –, hätten sie »Glück hoch drei« gehabt. Die Atmosphäre in der Schule sei besser geworden. Schade finde er nur, dass die beiden Teams nur einmal die Woche kämen: »Für Schüler ist es manchmal dringender.« Schulpsychologe Stefan Drewes, Vorsitzender der Sektion Schulpsychologie beim Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen, sieht SIS kritischer. Die Idee des generationenübergreifenden Kontakts sei gut. Er bezweifelt allerdings, dass die Mediationsausbildung dafür ausreiche, die Jugendwelt zu verstehen: »Erkennen die Senioren, was hinter den Problemen steht?«

Das Gespräch mit dem Jungen bringt kein Ergebnis. Er will sich »einfach vertragen« und dass sie Freunde sind. Sie sagt: »Ist mir egal.« Als der Junge den Raum verlassen hat, fragt der Mediator, ob es ihr nun besser gehe. »Eigentlich nicht«, antwortet sie, geht zur Tür, sagt: »Danke«, und: »Schönen Tag noch«, und Barenberg antwortet: »Das wünsche ich dir wirklich auch.« Er wird eine Schulpsychologin um Hilfe bitten. Manchmal können die Seniorpartner nicht schlichten – aber für die Schüler da sein.

 
Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 25.12.2008 um 16:54 Uhr

    Hab die selbst in meiner Schulzeit die noch nicht lang her ist erlebt. Das Problem scheint mir dass fundamentales Menschheitswissen verloren gegangen ist, u.a. die Empathie. Sollte zu denken geben dass es a) bedarf fuer Streitschlichter gibt weil sich viele Kinder absolut nicht mehr selbst bremsen koennen und b) dass es dazu ueberhaupt erst eine Art von Training braucht. Auch hier gilt, was im Elternhaus versaeumt wird kann in der Schule nicht repariert werden. Oft denk ich mir dass ein Elterntraining sinnvoller waere... aber da gaebe es mit Sicherheit sofort die Bedenkentraeger und chronischen Mahner denen auch kein Vergleich mit der deutschen Geschichte zu abwegig ist. Dass viele Eltern ein niedrigschwelliges dementsprechendes Angebot als Hilfe empfinden wuerden, dessen bin ich mir sicher. Bisher ist es so dass ein Hilfesuchender zum Jugendamt oder anderen "Beratungsstellen" muss und da ist die Schwellenangst hoch, es wird als eigenes Versagen empfunden.

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    • lef
    • 28.12.2008 um 20:20 Uhr

    In meiner Praxis als Mediator stellte ich fest, dass man als Beteiligter sich selbst nicht helfen kann - dazu gehört ein/e Dritte/r.
    (Übrigens aus eigener Erfahrung gelernt: Obwohl ich viele Techniken kenne, brauche ich Dritte bei eigenen Problemen))

    Eltern sind nun mal Beteiligte.
    Und - noch schlimmer! - sie sind oft eher zu Zweit gegen ein Kind,
    gerade solche Situationen sind für Kinder das Furchtbarste.

    Auch Lehrer sind zu oft selbst Beteiligte (oft ungewollt natürlich).

    Das Stichwort "Empathie" ist richtig: Genau DAS ist das Schlüsselwort, aber Empathie ist zu oft verloren gegangen und schwer zu lernen.

    Die "Schwellenangst" ist ein Phänomen, das kognitiv überwunden werden kann und sollte.
    Es ist ein Relikt aus der vergangenheit (die Angst vor Fremden, Einbruch in Privatspäre, eingeimpfte Familienabhängigkeit ff)

    Dabei helfen die Mediatoren vor Ort durchaus mit, diese Angst zu überwinden - es ist jammerschade, dass es für so viele Bewerbungen so wenige Ausbildungsplätze gibt und dass diese Idee nichjt weit freudiger aufghenommen wird - es ist eine unglaublich effektive und dabei sogar sehr kostengünstige Lösung für sehr viele Basisprobleme.

    • lef
    • 28.12.2008 um 20:20 Uhr

    In meiner Praxis als Mediator stellte ich fest, dass man als Beteiligter sich selbst nicht helfen kann - dazu gehört ein/e Dritte/r.
    (Übrigens aus eigener Erfahrung gelernt: Obwohl ich viele Techniken kenne, brauche ich Dritte bei eigenen Problemen))

    Eltern sind nun mal Beteiligte.
    Und - noch schlimmer! - sie sind oft eher zu Zweit gegen ein Kind,
    gerade solche Situationen sind für Kinder das Furchtbarste.

    Auch Lehrer sind zu oft selbst Beteiligte (oft ungewollt natürlich).

    Das Stichwort "Empathie" ist richtig: Genau DAS ist das Schlüsselwort, aber Empathie ist zu oft verloren gegangen und schwer zu lernen.

    Die "Schwellenangst" ist ein Phänomen, das kognitiv überwunden werden kann und sollte.
    Es ist ein Relikt aus der vergangenheit (die Angst vor Fremden, Einbruch in Privatspäre, eingeimpfte Familienabhängigkeit ff)

    Dabei helfen die Mediatoren vor Ort durchaus mit, diese Angst zu überwinden - es ist jammerschade, dass es für so viele Bewerbungen so wenige Ausbildungsplätze gibt und dass diese Idee nichjt weit freudiger aufghenommen wird - es ist eine unglaublich effektive und dabei sogar sehr kostengünstige Lösung für sehr viele Basisprobleme.

    • Isaidy
    • 27.12.2008 um 17:26 Uhr

    ein sinnvolles Projekt. Ich stimme mahun zu, dass damit eher die Auswüchse als die Wurzeln des eigentlichen Problems behandelt werden. Gleichgültigkeit und die Unfähigkeit Konflikte selber angemessen zu lösen entstammen dem Elternhaus. Es ist richtig, dass eigentlich dort angesetzt werden müsste. Dennoch kann ich mir gut vorstellen, dass ein Schüler sich von einem Senior ernster genommen fühlt, als wenn er seine Probleme vor einem etwas älteren Mitschüler, so wie sie gemeinhin an Schulen zu Streitschlichtern ausgebildet werden, ausbreiten soll. Ein Senior hat mit Sicherheit auch mehr Vermittlungskompetenz und den unbeteiligten Überblick. Kann mir gut vorstellen, dass sie im Streitfall objektivere Helfer sind, als sogar Eltern es sein können, deren Blick oftmals durch blinde Fürsorge oder Parteinahme geprägt ist.

    • lef
    • 28.12.2008 um 20:20 Uhr

    In meiner Praxis als Mediator stellte ich fest, dass man als Beteiligter sich selbst nicht helfen kann - dazu gehört ein/e Dritte/r.
    (Übrigens aus eigener Erfahrung gelernt: Obwohl ich viele Techniken kenne, brauche ich Dritte bei eigenen Problemen))

    Eltern sind nun mal Beteiligte.
    Und - noch schlimmer! - sie sind oft eher zu Zweit gegen ein Kind,
    gerade solche Situationen sind für Kinder das Furchtbarste.

    Auch Lehrer sind zu oft selbst Beteiligte (oft ungewollt natürlich).

    Das Stichwort "Empathie" ist richtig: Genau DAS ist das Schlüsselwort, aber Empathie ist zu oft verloren gegangen und schwer zu lernen.

    Die "Schwellenangst" ist ein Phänomen, das kognitiv überwunden werden kann und sollte.
    Es ist ein Relikt aus der vergangenheit (die Angst vor Fremden, Einbruch in Privatspäre, eingeimpfte Familienabhängigkeit ff)

    Dabei helfen die Mediatoren vor Ort durchaus mit, diese Angst zu überwinden - es ist jammerschade, dass es für so viele Bewerbungen so wenige Ausbildungsplätze gibt und dass diese Idee nichjt weit freudiger aufghenommen wird - es ist eine unglaublich effektive und dabei sogar sehr kostengünstige Lösung für sehr viele Basisprobleme.

    Antwort auf "Streitschlichter"
  1. aber wie werden die Mediatoren unter ehemaligen Marineoffizieren, Richtern, Beamten, Kauffrauen usw. denn ausgesucht ? Die Probleme der Jugendlichen sind oft derart kompliziert, dass einer, nur um sie zu verstehen, jahrelange Erfahrung im Umgang von Konfliktkindern braucht und auch psychologisch geschult sein muss. Das kann man nicht mal eben im Schnellkursus lernen. Und dann noch dies: 70 - jaehrige haben ein festes Weltbild, ihr Leben laeuft nach strikten Regeln ab, nach dem Motto: "das ist mein Stuhl ", ihre Mission ist beendet. Wie wollen sie denn die Probleme von 15-jaehrigen verstehen , geschweige denn loesen ? Ausserdem werden sie gerade von "diesen Jugendlichen" doch gar nicht fuer voll genommen.

    • lef
    • 01.01.2009 um 17:35 Uhr

    Die, die heute pensioniert oder in Rente sind, sind in den 70er Jahren in den Beruf eingestiegen,
    einer Zeit der großen Veränderungen!
    Und mit DENEN ist der Aufbau der Emergenten Ordnung möglich gewesen, der wir heute unsere so freie Gesellschaft zu verdanken haben.

    Von denen können viele Jugendliche sehr wohl lernen - vor Allem die, die aus archaischen Kulturen stammen, deren Eltern also überhaupt nichts von dem begriffen haben, was in Europa so anders verlaufen ist, als in den Gesellschaften, aus denen die kamen (und die heute noch in archaische Stammeskriege verwickelt und auch deswegen so vollkommen erfolglos bleiben).

    Schlüsselbegriffe unserer Gesellschaft (also der "westlichen", längst aber auch sehr vieler östlicher Gesellschaften) sind Empathie (persönliche und gesellschaftliche), Individualität und (daraus folgend) natürlich Emergente Ordnung.

    Die heute im Ruhestand Lebenden (dank früher Möglichkeit dazu auch noch sehr agilen Menschen!) sind hervorragend dazu qualifiziert, heutigen Jugendlichen zu vermitteln, was wirkliche Friedfertigkeit ist und natürlich:
    Warum die so hoffnungslos erfolglos bleiben, die weder zu Empathie noch zu Individualität fähig sind.
    Dass diese Menschen ihre Qualität erst noch begreifen und die Vermittlung lernen müssen, ist leider auch traurige Tatsache,
    aber immerhind SIND die lernfähig!

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  • Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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  • Schlagworte Schule | Unterricht | Lernen
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