Schlauer Esel

»Kein Esel wird störrisch geboren«, sagt der 72-jährige Ewald Isenbügel, ehemaliger Cheftierarzt des Zürcher Zoos. »Gewiss, wenn Sie lange genug auf ihn einprügeln, dann bleibt ein Esel einfach stehen. Aber eigentlich liegt das nicht in seiner Natur.« Isenbügel hat 1968 die Abteilung für Zoo-, Heim- und Wildtiere der Universität Zürich gegründet und bis zu seiner Emeritierung 2001 geleitet. Noch heute kommt der Pferdenarr täglich in sein Büro beim Zoo.

Kein anderes Tier hat einen derart heterogenen Ruf wie der Esel. Im Christentum ist er eindeutig positiv belegt. Zwar wird er in der Weihnachtsgeschichte gar nicht erwähnt, aber beispielsweise ist Jesus laut den Evangelien auf einer Eselin in Jerusalem eingeritten. Im Volksmund hingegen ist der Esel dreierlei: stur, faul und dumm.

Das ist nur schon deshalb unfair, weil er für den Menschen eine ungeheure Bedeutung als Arbeitstier hatte. Da er billiger und ausdauernder ist als das Pferd, sei der Esel seit je das »Lasttier des kleinen Mannes« gewesen, sagt Isenbügel. Diese Rolle spiele er etwa in Afrika noch heute. Leider ist sein Los immer noch das gleiche wie im Mittelalter. »Er wird misshandelt und ausgenutzt«, sagt Isenbügel. »In Kairo lebt mancher Esel von Zeitungspapier.« Zum Dank nennen wir ihn dann auch noch stur, wenn er einmal nicht so will wie sein Meister.

Auch die angebliche Faul- und Dummheit des Esels existiert nur aus menschlicher Perspektive. »Esel sind situationsintelligent«, sagt Isenbügel. »Wenn es darum geht, wo man Futter findet, wie man eine Türe aufmacht oder wie man sich das Leben etwas einfacher macht, ist der Esel dem Pferd überlegen. Das bereitet seinem Besitzer nicht immer Vergnügen. Aber für mich ist es ein Zeichen von Intelligenz.«

Ausgerechnet ein heute fast vergessenes Klischee über den Esel ist aber wahr: jenes von der starken Sexualität. »Das Treiben vor der Paarung ist außerordentlich intensiv«, sagt Isenbügel. Das sei bei der Maultierzucht ein Problem: »Die Pferdestute lässt sich nicht so lange treiben, und dann verliert der Eselshengst die Lust.« In der berühmten Zucht von König Hassan II. von Marokko wendet man deshalb einen Trick an: »Man lässt den Esel eine halbe Stunde mit einer Eselsstute sich tummeln, und dann nimmt man im entscheidenden Moment die Eselsstute weg und lässt die Pferdestute zu, dann wird sie gedeckt.«

Besonders bei Wildeseln geht die Sexualität auch mit Aggressivität einher, was sie zu schwierigen Pfleglingen für Zoos macht. Dennoch ist Isenbügel ein großer Freund und Unterstützer von Zuchtprogrammen, wie sie etwa der Basler Zolli für Somali-Wildesel erfolgreich betreibt. Denn sollte das akut bedrohte Tier in der Freiheit dereinst aussterben, könnte man es womöglich dank der Zoo-Nachzuchten wieder ansiedeln. Dass das funktionieren kann, zeigt der Fall des Przewalski-Pferdes: Einst in freier Wildbahn ausgestorben, leben heute – unter tatkräftiger Beteiligung Isenbügels – wieder Hunderte von Wildpferden in der Mongolei. Mathias Plüss

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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