Politik Das Jahr der Spielchen

In der Schweizer Politik treiben Linke, Rechte und Bundesrat Ränkespiele. Das tut dem Land nicht gut. Weiß die Schweiz noch, was sie will?

Schon am Vorabend der Bundesratswahl herrschte in der Bellevue-Bar in Bern eine Stimmung wie vor Heiligabend. Mit glänzenden Äuglein und roten Bäcklein standen die Parlamentarier zwischen den Medienschaffenden herum. Die eine Hand hielt das Cüpli, die andere zuckte der Aufregung hinterher. »Der Ueli machts, du wirst sehen!« – »Wir haben noch den Walter in petto!« Es war laut, und es war so, als könnten sie das Morgen gar nicht erwarten. Sie gingen spät ins Bett, die Kinder.

Am nächsten Tag wählten sie um Schlag 10 Uhr mit hauchdünnem Vorsprung Ueli Maurer in den Bundesrat. Sein Parteikollege, der von der Ratslinken wider den eigenen Willen portierte Bauernpräsident Hansjörg Walter, lag um eine Stimme dahinter (und sagt heute jedem, dass sein Schlafanzug infolge Gewissensprüfung ganz schön nass war in der Nacht vor der Wahl). »Das beste Parlament der Welt«, so sprach der aus dem Amt genommene Bundesrat Samuel Schmid, hatte entschieden. Oder auch nicht.

Die Art und Weise der Wahl Maurers hat den Zustand der hiesigen Politik zur Kenntlichkeit entstellt: Das Parlament, diese zerstrittene Spielgruppe, treibt seine Späßchen, um seine Verunsicherung über die eigene Macht zu vertuschen. Wenn die Ratslinke sich durch einen Ueli Maurer derart bedroht sieht, dass sie einen wählen will, der gar nicht gewählt werden will, wenn sie solch unwürdige Spielchen spielt, ist ihr das Urvertrauen in die ausgleichende Kraft der Schweizer Demokratie abhandengekommen.

Und die Rechte spielt unter der scheinbaren Führung eines lustigen Buben namens Toni Brunner noch munterer mit. Die SVP hat mit der Zweierkandidatur ein peinliches »Buebetrickli« lanciert, das nur zeigte, wie angeschlagen auch sie ist. Und kurz nach der Wahl winkte diese Partei das einst so heftig bekämpfte Rüstungsprogramm einfach durch. Damit war enthüllt, dass es der Partei nie um die Sache, sondern nur darum gegangen war, den zuständigen Bundesrat Schmid sturmreif zu schießen. Meint da jemand von den angeblich so Strammen, sie seien noch glaubwürdig? Und währenddessen pilgert der halbe Bundesrat nach Brüssel und betreibt, mittels scheibchenweiser Zugeständnisse in der Steuerpolitik, aktive Europapolitik.

Ja, es war das Jahr der Spielchen, der Intrigen, der Unehrlichkeiten. Die Schweizer Politik spielt nicht mehr mit offenen Karten, und das Publikum, das sich einst als Volk begriff, schaut belustigt bis fassungslos zu. Dass das Land munter in eine tiefe Rezession schlittert, scheint dagegen in Bundesbern niemanden richtig zu kümmern. Manchmal möchte man während der Politikshow Arena an den Bildschirm klopfen und fragen: »Ist da wirklich wer?«

Was dieses Land bräuchte, wären Politiker, die offen sagen, was sie und wie sie es wollen – aber dazu müsste man zuerst mal wissen, was man denn will. Soll die Schweiz in die EU? Oder soll sie es nicht? Ist der bilaterale Weg auf Dauer gangbar? Oder bringt er uns in eine unnötige Abhängigkeit, von der wir nur wenig haben? Diese brennenden Fragen werden einfach nicht diskutiert. Nein, man wartet die nächste Abstimmung ab; am 8. Februar wird man nolens volens die Ausdehnung der Personenfreizügigkeit auf Bulgarien und Rumänien annehmen.

Es gäbe einen ganzen Berg von Sachfragen, die man mal diskutieren müsste: Wie soll die Schweiz mit Steuerungerechtigkeiten im eigenen Land umgehen? Wie lange will der Staat noch Millionen in die Strukturerhaltung der Randregionen stecken? Wie lange soll der Schweizer arbeiten?

Die Politik muss aufhören zu spielen. Sie muss gestalten. Sonst entscheidet die Sachlage, also die globale Finanzkrise, anstelle der Politik. Und dann können die Politiker das machen, was sie trotz aller Sonntagsreden derzeit am besten beherrschen: der Realität hinterherrennen.

 
Leser-Kommentare
  1. "Nein zum Freipass für Allee".

    Mit diesem Slogan will das "Komitee gegen die Ausdehnung der Personenfreizügigkeit auf Rumänien und Bulgarien" (www.personenfreizuegigkei...) die Schweizerinnen und Schweizer zu einem NEIN am 08.02.2009 bewegen.

    Zeitungsanzeigen dieser Initiative, meistens in Lokalzeitungen platziert sind gross und nicht zu übersehen, stehen ganz normal neben Stellenangebote und weiteren ganz normalen Lokalzeitungsinserate. Solche kostenlose Presseblätter werden meisten von der älteren, bürgerlichen Bevölkerung der Schweiz gelesen.

    Diese und ähnliche politische Erscheinungen in der Schweiz geizen offensichtlich nicht mit Geld um ihre Initiativen gegen die Personenfreizügigkeit für Bulgarien und Rumänien voranzutreiben, doch sehr kreativ sind sie dabei nicht, weil man bei dem Thema eben nicht sehr kreativ sein kann. Weil man mit Klischeeparolen arbeitet, die sich auf ein Paar bekannte Behauptungen begrenzen, deren Ziel ist den Menschen in der Schweiz Angst einzujagen. Ich frage mich, ob solche Initiativen von dummen Menschen geführt werden, oder von solchen, die meinen das Volk, der demokratisch und freidenkende Bürger sei dumm und ungebildet. Was wahr ist, lasse ich hier ausser Acht.

    Die Propaganda verbreitet Aussagen wie, dass die Ausdehnung der Personenfreizügigkeit auf Bulgarien und Rumänien zu mehr Arbeitslosigkeit, zu tieferen Löhnen, zu leeren Arbeitslosen Kassen, zu ruinierten Sozialwerken, zu mehr Kriminalität, zur Päckli-Politik führen würde. Mit einem NEIN soll ausserdem das schweizer Volk zeigen, dass es sich von der EU nicht erpressen lässt.

    Als Nicht-Schweizerin und als EU-Bürgerin bin ich auf den Tag der Abstimmung gespannt. Bis dahin werde ich mich jeden Tag fragen, wie viel Schweizerinnen und Schweizer tatsächlich daran glauben, dass die Schweiz nach dem 08. Februar von Bulgaren und Rumänen überflutet wird und sie eine richtige Gefahr fürs Land und Leute darstellen. Feindbilder gehen durch das Land. Diese Bilder beschreiben Menschen, die arm und im schlimsten Fall Zigeuner sind, die nur darauf warten in die Schweiz zu kommen und die Arbeitsplätze der Schweizer weg zu nehmen, kriminell zu werden oder sonst was.

    Dass auch danach der Zugang von Arbeitskräften aus Bulgarien und Rumänien zu dem Schweizer Arbeitsmarkt streng reguliert wird, bleibt ungesagt. Ausserdem genauso wie in die EU, werden wenn überhaupt, nur gut ausgebildete und qualifizierte Arbeitskräfte kommen, die eben eine Chance auf dem Arbeitsmarkt aufgrund ihr Können und Wissen haben. Was bringt uns alle ganze Länder oder Völker als Feindbilder darzustellen?

    Ich befürchte, dass viele Schweizer sich die Entscheidung leicht machen und mit einem "NEIN" abstimmen werden. Sind Menschen, die nicht eigenständig denken können und zu sehr an dem System angepasst in Krisenzeiten nicht anfälliger für derart Parolen und Propaganda? Oder vielleicht nicht nur in Krisenzeiten.

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  • Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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