Dea ex Machina
»So, ihr zwei Güggel«, sagte Chantal, »wie geht’s euch denn?« Petis Frau kam nur selten an den Stamm. Der sei Buebezüüg, fand sie. Aber weil man letztes Mal etwas aneinandergeraten war und vor allem weil sie Chäschpi noch eine schöne Weihnacht wünschen wollte, setzte sie sich hin und bestellte ein Glas Rosé.
»Ein bisschen überarbeitet wie immer vor Weihnachten«, erwiderte Chäschpi. Seine Augenringe sprachen Bände. »Und selber?« – »Oh, wieder besser«, sagte sie und lachte. »Was war denn?«, schwante Chäschpi schon Schlimmes. »Wir hatten nur einen Krach wegen dem Weihnachtswunsch der Kinder«, sagte sie. »Sie wollten Meerschweinchen.«
»Und das kommt nicht infrage. Von mir aus können sie Mäuse haben oder Hamster. Aber keine Meersäuli«, stellte Peti klar. »Erstens darf man die nicht mehr einzeln halten. Und zweitens: Weißt du, wie schnell es geht, bis ein angeblich kastrierter Meersäulibock schwanger wird? Da hast du dann ’s Gschänk.« Chäschpi nickte. Meerschweinchenkamen bei ihm auch grad nach Röteln und Mumps. »Und was macht ihr jetzt?« – »Wir kaufen eine Katze«, sagte der Elektriker, »ein Hamster frisst nur Kabel durch, wenn er mal entwischt.«
»Warst du deshalb so empfindlich letzte Woche?«, fragte Chäschpi seinen Freund. »Was heißt da empfindlich? Deine linke Bande wollte die Konkordanz aufkünden! Und dann secklest du mir auch noch davon«, sagte Peti. »So en himmeltruurige Seich«, ereiferte sich Chäschpi. »Dass du dermaßen aufs Parteigeschwätz hereinfällst, enttäuscht mich also. Was wollt ihr eigentlich? Das Parlament hat SVP gewählt. Es wollte den Maurer nicht, das ist das gute Recht des Parlaments, aber es hat SVP gewählt.«
»Aber doch nur, um die Partei zu spalten! Das ist alles, was ihr wollt, weil ihr Angst habt vor dem Volk!«, wurde Peti laut. »Ich sag dir jetzt mal öppis«, fing Chäschpi Feuer. »Es ist einfach so, dass die SVP jammern muss. Der Blocher hofft immer noch, wenn er nur lang genug litte für die Schweiz, dann würde er zum Erlöser und dürfte beim Krippenspiel den Heiland geben!«
»Ja, und dann dein Leuenberger Leichenbitter…«, sagte Peti, wurde aber unterbrochen. Chantal lachte laut, schlug die angewinkelten Arme wie Flügel und machte: »Goock, go-go-go-goock.«
Chäschpi mochte Chantal. Sie war eine herzensgute, bodenständige Praktikerin. Trotzdem war er froh, dass sie nicht zu oft an den Stamm kam. Politisch total desinteressiert. »Wo bleibt eigentlich Franz?«, wechselte er das Thema. »Den haben sie heute operiert«, sagte Chantal. »Aber der wollte das doch nicht?« Peti schaute verdutzt drein. »Ich habe mit seinem Chef geredet«, sagte Chantal, »damit der Lappi vor lauter Angst nicht noch zum Chrüppel wird.« Sie machte eine Pause. »Das hätte euch zwei Chläusen auch mal in den Sinn kommen können.« Silvano Cerutti
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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