Immobilien Gesucht: Schlechte Steuerzahler
An der Zürcher Goldküste explodieren die Immobilienpreise. Der Mittelstand muss wegziehen, das Dorfleben verarmt
Eine Fahrt in der S-Bahn Nummer 7 dem rechten Ufer des Zürichsees entlang ist eine Fahrt durch paradiesische Gefilde – trotz winterlichem Hudelwetter. 79, 77, 82, 80, 82, 95, 93, 82. Schneetreiben über dem bleiernen See. Im Abteil nebenan tauschen sich Mütter über den Musikunterricht ihrer Sprösslinge aus. Am Bahnhof Erlenbach mahnen Bibelfromme auf einer Plakatwand zur gottesfürchtigen Bescheidenheit: »Ohne Visionen wird ein Volk zügellos.« Doch, wie gesagt, hier ist der Garten Eden, hier frohlockt man ob der Seesicht und der unvergleichlich niedrigen Werte: 79, 77, 82, 80, 82, 95, 93, 82.
Trotz dieser Steuerfüße rumort es in den Kommunen am See. In den Leserbriefspalten der Regionalzeitungen beschweren sich Einwohner über die rege Bautätigkeit und die exorbitant hohen Wohnungspreise. Unerschwinglich sei das Mieten oder der Erwerb von Wohnraum für Leute mit Durchschnittseinkommen. Besonders im oberen Seebecken, dessen Gemeinden bis vor einigen Jahren dörflich geprägt waren, reiben sich viele verwundert bis entsetzt die Augen angesichts all der Neubauten, etwa der weiß getünchten Terrassensiedlungen, deren Form die optimale Ausnutzung der Bauziffern mit dem Streben nach maximaler Seesicht vereint.
Ursache des Baubooms in Gemeinden wie Stäfa, deren Bevölkerung innert zehn Jahren um über 22 Prozent auf knapp 14000 Personen anwuchs, ist der Ausbau des S-Bahn-Netzes. Damit wurde die »größte Rebgemeinde des Kantons« für gut verdienende Pendler attraktiv. 25 Minuten dauert heute die Fahrt ins Stadtzentrum.
Viele gut Betuchte seien in die Gemeinde gezogen, sagt der Stäfner Finanzvorstand Alfred Rechsteiner. Der tiefe Steuerfuß sei dabei kein beabsichtigtes Lockmittel gewesen; er sieht keinen Wettbewerb unter den Seegemeinden. »Es hat sich einfach viel Geld in den Kassen angesammelt. Wir sind hinsichtlich Steuerertrag in eine neue Liga aufgestiegen.« In Meilen, wo seit langem ein Steuerfuß von 82 Prozent gilt, glaubt Gemeindepräsident Hans Isler nicht, dass die tiefen Steuern hauptverantwortlich für die extrem gestiegene Nachfrage nach Bauland seien: »Am anderen Seeufer, im ›goldenen Dreieck‹, in Wollerau oder Freienbach, zahlen sie viel weniger Steuern als hier.« Für Heinz Montanari vom Gemeindeamt des Kantons Zürich sind es ebenfalls mehrere Faktoren wie die gute Anbindung, die Flughafennähe und die Seelage, welche die Nachfrage nach Goldküsten-Immobilien begünstigten. Die Steuern seien aber sehr wichtig, sagt er.
Zum finanziellen Vorteil gesellt sich nun aber ein gravierender gesellschaftspolitischer Nachteil. »Ob in den Vereinen oder an politischen Versammlungen, die Beteiligung nimmt stetig ab«, hat der Stäfner Säckelmeister Rechsteiner beobachtet. Es sei ein Politisieren ohne Opposition; was durchaus seine angenehmen Seiten habe. Allein wenn kommunalpolitische Geschäfte Partikularinteressen tangierten, sei mit umso heftigerem Widerstand zu rechnen. Viele Entscheidungen, gerade im Baubereich, werden juristisch angefochten – ein Indiz für die hohe Juristen-Dichte in der Region und die finanzielle Potenz der Rekurrenten.
»Bezahlbares Wohnen für den Mittelstand ist gefragt!« Der dies fordert, ist kein Genosse, sondern der Meilemer SVP-Lokalpolitker Roberto Martullo, Schwiegersohn von Altbundesrat Christoph Blocher. »Leute müssen teilweise wegziehen, wenn sie in eine kleinere Wohnung ziehen wollen. Die Jungen können sich keine Wohnung im Ort leisten«, klagt er. Die zwei bis vier Millionen Franken für eine Eigentumswohnung hat nicht jeder parat. Deshalb beauftragte Martullos Partei, welche um ihre Wählerschichten fürchtet, die Gemeinde mit der Suche nach einer geeigneten Parzelle zur Realisierung eines genossenschaftlichen Wohnbauprojekts für Mittelständler. Auch für Gemeindepräsident Isler ist die Verteuerung eine unheilvolle Entwicklung: »Wenn wir die Mittelschicht verlieren, stehen wir vor großen Problemen. Denn Mitglieder für die Feuerwehr finden Sie nicht unter den Bankern.« Das traditionelle schweizerische Milizsystem sei gefährdet, die Alternative wäre eine kostenintensive Professionalisierung in vielen Bereichen des Gemeindelebens. Martullos Idee hält Isler für einen Tropfen auf den heißen Stein. Denn auf die Baupolitik können Gemeinden nur beschränkt Einfluss nehmen. Die größten Grundbesitzer sind Private – manche Kommune veräußerte einst ihr Land, um den Steuerfuß tief zu halten.
Der Widerstand ist allgegenwärtig: Bei sozialen Wohnprojekten mischt sich die gängige Kritik aus der Nachbarschaft – »Mir wird die Aussicht verbaut!« – umgehend mit der Furcht vor dem Sozialabstieg. Im Vordergrund steht zumeist die Angst, die eigene Liegenschaft könnte durch weniger wohlhabende Neuzuzügler abgewertet werden, und Stimmen werden laut, die eine »Gefährdung des sozialen Friedens« befürchten. Beim geplanten Ausbau einer Genossenschaftssiedlung in Feldmeilen nahmen die Reaktionen jüngst bizarre Züge an. Das sei, hörte man, der erste Schritt zur Verslumung.
- Datum 23.12.2008 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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