Jazz Platten zu Sternen

Überall klingen die Glocken, musikalisches Schmalzgebäck liegt in den Regalen. Wer Heiligabend still und feierlich verbringen will, greife zu "Weihnacht" von Quadro Nuevo

Sensible Städter gehen dieser Tage nur noch mit Oropax auf die Straße. Anders ist der Jingle Bells-Terror in den Fußgängerzonen kaum zu ertragen. In den Plattenläden stapeln sich die Aufnahmen mit musikalischem Schmalzgebäck zum Fest, selbst bessere Interpreten der Unterhaltungsmusik lassen unentwegt Glöckchen klingeln, und aus ihrem Himmel schneit es süße Geigen. Wer aller Zuckerwatte für die Ohren entsagen und unterm Baum doch nicht ganz auf weihnachtliche Stimmung aus dem CD-Spieler verzichten will, sollte sich dieses still-feierliche Album des bayerischen Quartetts Quadro Nuevo besorgen. Neben all dem Lametta nimmt diese Weihnachtsplatte sich wie der kunstvoll von Hand gewickelte Strohstern aus, der schon den Baum der Großeltern krönte.

»Erinnerungen an die eigene Kindheit, Klänge der freudigen Erwartung. Quadro Nuevo setzt des Menschen Suche nach Trost, Licht und Liebe musikalisch um«, haben die Musiker mit sanftem Pathos auf die Rückseite ihres Albums Weihnacht geschrieben. Mulo Francel, Robert Wolf, Andreas Hinterseher und Dietmar Lowka sind nicht nur alt genug, heimelige Kindheitserinnerungen an eine Zeit zu bewahren, in der Weihnachten wohl wirklich noch zuerst ein Fest der Stille, des Wunders und der wenige Tage nach der Wintersonnenwende gerade überwundenen allertiefsten Dunkelheit war. Die Musiker stammen auch aus einer Gegend in Deutschland, wo man unterhalb des Musikantenstadl-Radars authentische folkloristische Traditionen pflegt. Offenkundig tief verwurzelt in der Stubnmusi, dem Zwiefachen und allerlei anderen herrlichen Heimtücken alpenländischer Musik, haben die vier seelenvollen Virtuosen ihre Hände und Ohren weit für die Klänge anderer Kulturen geöffnet. Ihre rein akustisch instrumentierten Bearbeitungen von Weihnachtsliedern aus Deutschland, Österreich, England, Frankreich, Italien, Russland, Amerika und Spanien atmen jenen Weltgeist, der sich seiner Herkunft sicher ist.

Ihre Kernkompetenz haben Hinterseher und Lowka in Klarinette beziehungsweise Saxofon, Gitarre, Akkordeon und Kontrabass. Auf diesen rustikalen Klangboden streuen sie Melodien vom Glockenspiel, von Cymbal und Psalter, deren Obertöne glitzern wie frisch gefallener Schnee. Alle vier spielen noch ein knappes Dutzend weitere Instrumente, manche davon sind historisch, andere exotisch.

Über dem Arrangement für Vom Himmel hoch hätten sie ewig gebrütet, steht im hübsch aufgemachten Klappbüchlein zur CD zu lesen. Dann entschieden sie sich für eine ganz kurze, schlichte Version. Quadro Nuevo improvisieren auch; manchmal fangen sie zu swingen an, aber sie lassen alle im Jazz üblichen Muskelspiele. Ihre sehr gemeinschaftlich dargebotene Musik klingt so, als hätten die Hirten in Bethlehem vor Freude über die Geburt Jesu ihre Instrumente ausgewickelt und ein bisschen miteinander gejammt vor der Stalltür unter den Sternen, aber leise, still, still, still, weil das Kindlein schlafen will. Nach Weihnachten werden wir die Platte zum Strohstern legen, bis zum nächsten Jahr. Aber vielleicht auch nicht. Wir hören ja auch My Funny Valentine nicht nur zum Valentinstag.

Quadro Nuevo: Weihnacht (GLM)

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Alben

    Also ich würde vorschlagen:
    Loreena McKennitt - Nights from the Alhambra

    • Anonym
    • 26.12.2008 um 13:13 Uhr

    -Und gute Besserung an Robert Wolf!

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  • Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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  • Schlagworte Musik | Tonträger | Jazz | Musiker | Musikgruppe
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