Platte meines Lebens (34)In Schnettlers Fleischerei

Unser Autor ist sich sicher, dass er ohne Tocotronics Album "Digital ist besser" ein anderer geworden wäre. Die Band hat ihm gezeigt, wie Form und Inhalt zusammenhängen von Thomas Pletzinger

Ich habe das heute noch: In den entscheidenden Momenten spielt Musik, und wenn sie nicht spielt, dann kommt es mir so vor, als hörte ich sie trotzdem. Das ist vielleicht das Ergebnis einer unmusikalischen Kindheit mit musikalischen Nachbarn. Oder Ergebnis einer Kindheit mit Filmen und Soundtracks. Oder einer Kindheit in Hagen in Westfalen.

Man stelle sich diese schrumpfende Stadt zwischen Schwerindustrie und Henry van de Veldes Jugendstil vor, zwischen schönstem Wald und schlimmster Stadtplanung, popmusikalisch hängen dort Nena und Extrabreit über allem. In dieser Stadt also wir: ein paar Neunzehnjährige mit langen Haaren und Holzfällerhemden, das Abitur gerade erledigt, Zivildienst drei viertel vorbei, tagsüber Spaziergänge mit der einbeinigen Frau Ploenes und Spiegeleier für den zittrigen Herrn Schmidde (Körner für Rommel, Schmiddes Wellensittich).

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Abends tranken wir Dosenbier und hörten Blumfelds L’état et moi, in respektvoller und rätselnder Starre vor Distelmeyers Linksintellekt. Ich schrieb kryptische Gedichte auf Englisch, um mir selbst nicht auf die Schliche kommen zu müssen. Ich malte mit Abtönfarben bunte Porträts von Aschenbechern und Obst (ich wollte mich an irgendeiner Kunsthochschule bewerben).

Wir wiederentdeckten die Ironie, wir bastelten komische Postkarten mit sympathischen Monstern und paradiesischen Orten, um damit schöne Mädchen von uns zu überzeugen. Wir diskutierten: Entwicklungshilfe in Brasilien, Studium, irgendwas mit Medien oder besser mit den Händen, eine Kunstschnitzerlehre in Tirol? Wir hatten die unbestimmte Ahnung, dass wir sehr bald sehr unbedingt sehr weit von hier wegmussten, sonst würde die Zukunft eine absolute und insgesamte Katastrophe werden.

Die Entscheidung fiel im Hinterzimmer der Fleischerei Schnettler. Es war Mitternacht, es regnete. Mein Freund Tobias und ich saßen in seinem Jugendzimmer, im Fernseher lief Viva, ich hatte meinen letzten Tag Zivildienst gehabt, sämtliche Bewerbungsfristen liefen ab, wir hatten die Entscheidung monatelang aufgeschoben. Der Zufall musste uns raushauen!

Wir sahen Musikvideos und beschlossen, in genau die Stadt zu ziehen, aus der die nächste deutsche Band kam. Wir schworen es, wir warteten: Viva spielte irgendein Post-Seattle-Zeug, dann Blur oder Henry Rollins. Schließlich kündigte der Moderator Tocotronic an, es lief Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk, Jungs in alten Werbe-T-Shirts im Regen in Eimsbüttel. Also rauf nach Hamburg!

Am nächsten Morgen bestellten wir das Vorlesungsverzeichnis der Uni Hamburg (Spontanentscheid: Amerikanistik), und ich kaufte Digital ist besser bei "Elpi" in der Hagener Fußgängerzone. Ich bin mir recht sicher, dass ich ohne diese Platte und ohne diese Band jemand völlig anderer geworden wäre. Ich wäre 1996 nicht nach Hamburg gekommen, ich hätte keine deutschsprachigen Gedichte geschrieben, jetzt wohl auch keinen Roman.

Diese Platte und Tocotronic insgesamt haben mir gezeigt: Man muss klare und einfache Worte versuchen, Form und Inhalt können zusammengehören, Leben und Kunst ebenfalls (auch wenn das später komisch aussieht). Ich höre diese erste Tocotronic-Platte heute noch gerne.

Tocotronic: Digital ist besser (1995), Lado/Indigo

Thomas Pletzinger ist Schriftsteller. Sein Debütroman "Bestattung eines Hundes" ist bei KiWi erschienen

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