Breitwandgitarren
pop
Dann wickelten sie den Song in Rückkopplungen und legten ihn in lärmenden Furor. Wie ein himmlisches Heer gingen die Breitwandgitarren hernieder, und es war eine große Freude, die Verstärker bis zum Anschlag aufzudrehen. Wie ein Wunder erschien es ihnen bloß, dass das, was einmal Krach war, sich unter ihren Händen zur Eufonie wandelte.
Das schottische Quartett Glasvegas, unlängst auf dem Titel des britischen Pop-Zentralorgans NME zur »best new band in Britain« gekürt, verbindet auf ihrem Debütalbum, das im Januar bei uns auf den Markt kommt, die harmonieseligen Melodien der Doo-Wop-Groups aus den Sechzigern mit den dreckig gemeinten Cinemascope-Gitarren der achtziger Jahre. Niemandem sonst gelingt es, den Wall of Sound eines Phil Spector mit den quälenden Feedbackorgien von The Jesus And Mary Chain zu verschmelzen. Wenn sie für ihre Videoclips in schwarzem Leder und mit Teddyboy-Frisuren vor den grauen Backsteinwänden von Mietskasernen posieren, erfüllen Glasvegas mit großer Eleganz das Versprechen ihres Namens: Sie bilden die Schnittmenge aus dem Glamour von Las Vegas und der Working-Class-Identität ihrer Heimat Glasgow. Deren sozialer Zustand spiegelt sich auch in den Texten von Sänger, Songschreiber und Exfußballprofi James Allan, der in Geraldine von überlasteten Sozialarbeiterinnen berichtet und in Daddy’s Gone abwesende Väter beklagt. Aus dieser tristen Gegenwart schlagen Glasvegas den Bogen in die vermeintlich gute alte Zeit. Ein Wunder, dass Wehmut so heftig klingen kann. Thomas Winkler
Glasvegas: Glasvegas (SonyBMG)
Foto: Steve Gulick
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren