Bücher zum Trost

Können Bücher trösten?

Hilft die Kultur bei großen Krisen, sollte man die Bibel gelesen haben, mit welchem Buch beeindruckt ein Mann eine Frau? Mit Michael Krüger, Verleger, Autor und Weltendeuter, sprachen Hanns-Bruno Kammertöns und Stephan Lebert

Wir sind zu Michael Krüger nach München gefahren, um zu erkunden, ob die Kultur im Grunde nicht doch das wirksamste Heilmittel gegen jede Krise ist. Krüger, vor wenigen Tagen 65 Jahre alt geworden, ist die vielleicht eindrucksvollste Verlegerpersönlichkeit der Republik, abseits aller Konzerne. Ein Verleger der alten Schule, der selber Bücher schreibt. Zu seinen Autoren gehören Salman Rushdie, Philip Roth, Umberto Eco und neuerdings auch Roberto Saviano und Barack Obama. Sein Carl Hanser Verlag residiert im Stadtteil Bogenhausen. Eine ruhige Seitenstraße, ein Haus im Bauhausstil. Es ist ein regnerischer Tag, im Autoradio sind auch heute schlechte Nachrichten zu hören, wieder wurde ein Milliardär an der Wall Street als Schwindler enttarnt, die Zeitungen melden, dass jeder vierte Deutsche keine Bücher mehr lesen möchte. Krügers Büro befindet sich im ersten Stock des Verlagshauses. Seine Sekretärin ist eine energische, strenge Frau. Sie bittet, noch einen Moment zu warten. Der Chef telefoniert.

DIE ZEIT: Stören wir?

Michael Krüger: Nein, kommen Sie herein. Ich habe gerade mit Milan Kundera telefoniert, der Mann ist tief getroffen. Gott sei Dank hat die ZEIT ihn verteidigt.

ZEIT: Dem weltberühmten Autor Kundera wird vorgeworfen, er habe vor bald fünf Jahrzehnten einen Freund bespitzelt. Für den tschechischen Geheimdienst.

Krüger: An dieser Geschichte ist nichts dran, davon bin ich überzeugt. Aber es ist schwer, sich dagegen zu wehren, wenn der Geheimdienst der Gegner ist.

ZEIT: Kundera ist Tscheche, in welcher Sprache unterhalten Sie sich mit ihm?

Krüger: Auf Französisch. Kann ich zwar nicht gut, aber Emigranten haben einen Sinn dafür, wenn man Fehler macht in einer anderen Sprache. Mit Emigranten kann man ja viele Sprachen sprechen. Meine Lieblingsgeschichte in dieser Hinsicht ist mir übrigens mit Andrej Tarkowskij passiert.

ZEIT: Der Russe Tarkowskij als Lieferant heiterer Geschichten? Wir kennen ihn nur als poetischen und womöglich düstersten Regisseur der Filmgeschichte.

Krüger: Ja, Tarkowskij war ein sehr eigentümlicher, schwerblütiger Mann, ein Dostojewskij-Typ. Ich hatte das große Glück, vier Winter hintereinander Gast in der Deutschen Akademie Villa Massimo in Rom zu sein, und dorthin kam Tarkowskij öfter zu Besuch. Er lebte in der Nähe von Rom. Ich habe oft mit ihm in einem Café auf der Piazza Bologna gesessen. Ich konnte kein Russisch, er nahezu kein Italienisch, ich eigentlich auch nicht. Dennoch haben wir über die letzten Dinge des Lebens und des Seins gesprochen, einmal gar über Heidegger. Irgendwann nahm mich der römische Wirt des Cafés zur Seite und fragte: »Sagen Sie, bitte, Signore, in welcher Sprache sprechen Sie miteinander?« Und da antwortete ich: »Na, in Italienisch.« Darauf sagte er mit großen Augen: »Ahh.« Das Gesicht, das der Wirt dabei machte, werde ich mein Leben nicht mehr vergessen. Diese Variante des Italienischen hatte er noch nie gehört.

ZEIT: Sie scheinen wirklich über eine bemerkenswerte Sprachbegabung zu verfügen.

Krüger: Sie übertreiben. Allerdings glaube ich fest daran, dass eine Sprache, wenn man sie ganz nah ranlässt, geradezu osmotisch an sich ranlässt, dass sie dann irgendwie in den Blutkreislauf übergeht. Es gibt Menschen, die so sprachbegabt sind, dass sie sich sofort zurechtfinden. Hans Magnus Enzensberger ist so einer. Der hält sich drei Wochen in Moskau auf und spricht dann Russisch, aber richtig. Unsereiner stammelt. Sie kennen sicher die Anekdote des berühmten Sprachphilosophen Roman Jakobson. Als der gefragt wurde, ob er tatsächlich sechzehn Sprachen spreche, sagte er: Ja, aber alle auf Russisch.

ZEIT: Herr Krüger, der Anlass unseres Gesprächs ist die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise. Sie sind Verleger, kennen Amerika, sind ein Weltendeuter…

Krüger: …es ist eine wirklich schreckliche Krise, ein Weltenbrand. Der Untergang von General Motors ist nur eine Fußnote. Wer New York kennt, der weiß, dass das gesamte Kulturleben der Stadt von Sponsoren abhängig ist. Lehman Brothers war übrigens einer der großen Sponsoren. Gerade eben hat es den Verlag Harcourt erwischt, in dem auch viele europäische Autoren verlegt werden, von Hannah Arendt über Calvino bis zu Grass. Er gehört einem irischen Hedgefonds, der mit ein paar Milliarden in der Kreide steht. Diesen Leuten ist die Lust am Lesen von guten Büchern auf lange Zeit vergangen. Die müssen jetzt lernen, Bilanzen zu lesen. Aber es trifft eben auch das Theater, die Opern, die Museen. Die Sponsoren haben kein Geld mehr, um ihrer Pflicht, der Gesellschaft etwas zurückzugeben, nachzukommen. In unserer nachchristlichen Gesellschaft war das eine Bedingung für Unsterblichkeit, der Name an einem Raum des Museum of Modern Art.

ZEIT: Wir möchten mit Ihnen über die Ursachen der Krise reden und vor allem über Gegenmittel.

Krüger: Im Grunde ist die Krise folgerichtig: Schon seit Jahren erleben wir eine permanente Beschleunigung unserer Lebensverhältnisse, alles wird komplizierter, unverständlicher und irrealer. Keiner fühlt sich mehr auf der Welt zu Hause. Und ich sage das nicht nur, weil ich schon ein gesetzter Herr bin. Wir haben die Kontrolle verloren. Heute wissen wir, dass nicht einmal Herr Ackermann weiß, was das Geld seiner Deutschen Bank so genau treibt. Der Mensch ist dabei, sich selbst abzuschaffen. Dazu gehört auch die ungeheuerliche Kulturlosigkeit, die wir dadurch bemänteln, dass wir alles Kultur nennen: zum Beispiel die Bankenkultur, deren beklagenswertes Ende wir gerade erleben. Ich muss lachen, wenn von der neuen Wissensgesellschaft geredet wird. Die Wahrheit ist doch: Wir sind auf dem besten Weg, total zu verblöden.

ZEIT: Das klingt ziemlich düster. Was könnte das Gegengift sein? Ist die Kultur eine wirksame Waffe gegen Krisen jeder Art?

Krüger: Ich habe vor ein paar Tagen mit dem achtzigjährigen Joachim Kaiser…

ZEIT: …dem großen Feuilletonisten der Süddeutschen Zeitung

Krüger: …darüber geredet, ob Bücher den Menschen trösten können. Ich glaube, große Bücher können die Seele beruhigen. Aber können sie trösten? Ich weiß es nicht.

ZEIT: Will man sich von Literatur nicht anregen lassen? Erfahren, wie man leben soll?

Krüger: Bestimmt. Von den Sorgen und Nöten der Menschen, von ihren Abgründen handelt die Literatur, das hat die Avantgarde vergessen. Ebenso möchte man von ihren Siegen lesen, davon, wie das geht, aufrecht durchs Leben zu gehen, Haltung zu zeigen. Kurz, man möchte die Welt durch Bücher besser verstehen. Novalis sagt: Jeder Mensch ist eine kleine Familie. Sigmund Freud hat das variiert: Jeder Mensch ist eine kleine Gesellschaft. Das heißt, in mir wohnen viele verschiedene Ichs. Und irgendwann im Leben merkt man, dass unser Gemeinwesen nur ein Ich von uns will, das ist die Tragödie. Literatur kann diese Eingleisigkeit korrigieren.

ZEIT: Nur ein Ich, und das soll funktionieren.

Krüger: Aber das tut es oft nicht. Plötzlich erschießt der nette Nachbar seine Frau, aus heiterem Himmel. Ich selbst habe mich immer als einen Kreuzweg begriffen, als ein Durchgangslager. Meine christliche Herkunft, die 68er, die sozialen Vorstellungen später, die Arbeit der Schriftsteller, meiner und anderer Autoren – das alles hat Spuren bei mir hinterlassen. Spuren, die sich in den vergangenen Jahren über die Lektüre vermittelt haben. Wenn Sie mich heute fragen, wer ich sei, kann ich Ihnen nur sagen, wer ich gestern war. Und schon das fällt mir schwer.

ZEIT: Was können Bücher noch? Mit welchen Büchern oder Zitaten aus Büchern beeindruckt ein Mann eine Frau?

Krüger:  Als junger Mensch habe ich es mit surrealistischen Gedichten versucht, habe herrliche unverständliche Texte von Eluard und Char vorgetragen. Das hat bei Frauen überhaupt nicht funktioniert, das war völlig für die Katz. Mit dem Wissen von heute sage ich: Man sollte es mal mit Robert Walser versuchen. Wer Robert Walser mag, vermittelt das Gefühl, ein sehr verletzlicher Mensch zu sein. Das ist immer gut. Aber ich fürchte, moderne Frauen wollen lieber Paulo Coelho lesen.

ZEIT: Max Frisch?

Krüger:  Ist eher ein Autor für Männer. Dazu kommt, wie Frisch mit Ingeborg Bachmann umgegangen ist, das mögen Frauen heutzutage nicht. Da ist Marcel Proust geeigneter, eigentlich alle seine Bücher, aber dafür braucht man viel Zeit.

ZEIT: Benutzen Sie gern Zitate?

Krüger:  Ja, zum Beispiel diesen Satz von Paul Scheerbart: »Charakter ist nur Eigensinn, es lebe die Zigeunerin.« Damit kann man ein Rendezvous befeuern oder ganz vorzüglich Gespräche jeder Art beenden, ein sehr nützliches Zitat. Ebenso wie dieser Satz von Nestroy: »Die Phönizier haben das Geld erfunden, nur leider zu wenig.« Das kann ich immer wieder bei geschäftlichen Verhandlungen gebrauchen, wenn mir Summen etwas zu hoch gegriffen erscheinen.

ZEIT: Erinnern Sie sich noch an das erste Buch, das Sie wirklich beeindruckt hat?

Krüger:  Es gibt viele erste Bücher in meinem Leben, aber mein Lieblingsbuch – im Grunde bis heute – ist Die Flora von Deutschland von August Garcke. Ich war fünf, als ich das Buch zum ersten Mal sah, ich konnte gerade ein bisschen lesen. August Garcke war ein Verwandter meines Großvaters mütterlicherseits, er wurde in Berlin Nachfolger von Adelbert von Chamisso am königlich-preußischen Herbarium. In diesem Buch beschreibt Garcke die mitteleuropäische Pflanzenwelt von der Kurischen Nehrung bis Böhmen. Er war zum Beispiel ein Spezialist für den Ehrenpreis, er beschreibt allein 600 verschiedene Ausformungen dieser Pflanze. Ein großartiges Buch. Gibt es übrigens heute noch.

ZEIT: Und Ihr Großvater?

Krüger:  Ein wunderbarer Mann. Er hatte zwei große Begabungen: Erstens wusste er alles über Kartoffeln, wirklich alles. Als ich klein war, gingen wir zusammen über die Felder, ich musste Kartoffeln ausbuddeln. Wenn man ihn erwischt hätte, wäre es peinlich gewesen, er war ja enteignet worden. Bei so einem Kleinen wie mir ging das. Dann nahm er die Kartoffel und erzählte mir von ihrem Wesen. Für mich war er der Homer der Kartoffel.

ZEIT: Seine zweite Begabung?

Krüger:  Er konnte Vogelstimmen nachmachen. Mit großer Perfektion. Ich habe das später auch versucht und mich vor eine Krähe gesetzt und gekrächzt, aber sie hat mich nicht wirklich verstanden, fürchte ich. Obwohl ich mir einbilde, dass ich unter den Krähen ein paar Freunde habe. Ich habe das Glück, dass an meinem Haus viele Krähen vorbeifliegen. Sie kommen vom Englischen Garten herüber und fliegen in einem großen Bogen über mein Haus hinweg und nehmen dann Kurs auf das ehemalige Grundstück von Thomas Mann. Es gibt einen Ornithologen, Bernd Heinrich, der hat drei Bücher nur über Krähen geschrieben. Krähen sind unglaublich intelligent.

ZEIT: Woran erkennt man die Intelligenz einer Krähe?

Krüger:  In der Straße, wo ich wohne, gibt es persische Nussbäume, die sehr selten sind. In diesen Nüssen finden sich ätherische Öle, denen man eine heilende Wirkung nachsagt. Die meisten Vögel scheitern an der Nuss, können sie wegen der dicken, harten Schale nicht knacken. Was macht die Krähe? Sie zupft sie vom Baum und wirft sie auf die Straße, damit ein Auto drüberfährt. Die Schale ist kaputt, und die Krähe holt sich die Nuss. Der Biologe Reicholf hier in München kann Ihnen tausend solcher Belege liefern, er hat viele Freunde unter den Krähen.

ZEIT: Haben Sie noch andere Lieblingstiere?

Krüger:  Ja, neben dem armen Schaf noch den Feldhasen. Den echten, großen Feldhasen, der vom Aussterben bedroht ist. Ich liebe ihn, allein schon wegen seiner Ohren. Wunderbare Ohren. Nur der Esel hat vergleichbar schöne Ohren. Ich fürchte nur, dass er leider nicht besonders intelligent ist.

Es ist kalt in seinem Büro. Ein Fenster steht offen während des gesamten ersten Gesprächs. Da die einziehende Kälte der Dezemberluft, dort Michael Krüger, der innerlich zu glühen scheint. Der Verleger sieht aus, wie er immer aussieht: Das schüttere Haar ist zersaust, er trägt einen grauen Pullover, teure Schuhe. Jedes Wochenende muss er etwa dreitausend Seiten lesen. Dreitausend, wiederholt er. Schrecklich, eine unvorstellbare Menge. Die ewige Frage: Will er dieses Buch, oder will er es nicht? Was ist es ihm wert? Fragt man ihn nach großen Irrtümern, Fehlentscheidungen, antwortet er: Das sage ich Ihnen nicht. Und erzählt dann wenigstens die Anekdote, dass er sich einmal zwischen Harry Mulisch und Cees Nooteboom entscheiden musste, »zwei holländische Autoren wären nicht gegangen«. Er habe schließlich für Mulisch votiert, einen großen Autor – aber es schmerze ihn bis heute, seinen Freund Nooteboom nicht im Verlag zu haben.

ZEIT: Herr Krüger, was ist die wichtigste Eigenschaft eines Verlegers? Was muss er vor allem können?

Krüger:  Er muss seine Bücher lieben und wissen, welchen Platz sie im Idealfall einnehmen können. Bei jedem Buch muss er vor sich sehen, welche Leser es mögen könnten, welche Art von Leser.

ZEIT: Was ist das Faszinierende am Büchermachen?

Krüger:  Die Langsamkeit. In einer Zeit, die sich sozusagen immer selbst überholt, ist das Büchermachen eine stoisch langsame Angelegenheit geblieben. Der Blogger möchte sofort gelesen werden, der Journalist am nächsten Tag, Briefe per E-Mail kriegen ihre Antwort nach einer Minute, und während ich vom Faxgerät in mein Zimmer gehe, ruft schon der Empfänger an, um Korrekturen durchzugeben. Das alles ist in vierzig Jahren passiert. Diese Beschleunigung ist unerhört. Nur ein Buch braucht seine Zeit, obwohl natürlich die Druckmaschine, auf der ich gelernt habe, jetzt im Museum steht.

ZEIT: Das Buchmachen ist ein sedierender Akt?

Krüger:  Wenn Sie so wollen. Ein Manuskript wird gelesen, dann Korrektur gelesen, man überlegt sich einen passenden Umschlag, man formuliert Klappentexte, Rückseitentexte und möglicherweise eine Bauchbinde. Jeder Schritt ist eine präzise Angelegenheit. Das kann man nicht viel schneller machen, es geht einfach nicht. Vom Schreiben eines Buches natürlich ganz zu schweigen. Diese substanzielle Langsamkeit gefällt mir, sozusagen als Bollwerk gegen das wahnsinnige Tempo um einen herum. Ein Buch ist das Ergebnis eines Wachstumsprozesses. Sie sehen, ich komme vom Land.

ZEIT: Sie sind kein Fan von Geschwindigkeit?

Krüger:  Der Mensch läuft doch nur noch atemlos hinterher. Alles wird schneller und schneller, und nichts bleibt mehr haften. Das führt mich wieder zur Finanzkrise, ich habe das auch jetzt erst verstanden: Wenn ich einen Euro bei der Deutschen Bank einzahle, dann wird angeblich dessen Sicherheit von der Bank garantiert. Was ich nicht weiß, was mir auch niemand sagt: Etwa zehn Cent von diesem Euro bleiben auf dem Konto, der Rest rast durch die Welt. 90 Cent marschieren in irgendwelche Märkte, werden verkauft und wiederverkauft. Mein kleiner Euro rennt um den Globus, und niemand, schon gar nicht ich, hat die Kontrolle darüber. Das ist ein schönes Beispiel, wie sich Prozesse verselbstständigt haben. Wenn noch vor ein paar Monaten jemand gesagt hätte, achtzig Prozent des Geldes, das um die Erde kreist, beruhen nicht auf Produktion, sondern auf Finanzgeschäften, dann hätten die Menschen zu dem Mann gesagt, Sie sind bekloppt. Warum arbeiten wir denn alle? Warum leben wir nicht von den achtzig Prozent?

ZEIT: Okay, wir verstehen die Welt immer weniger.

Krüger:  Auch die üblichen Instrumente der Prognostik sind in diesem Geschwindigkeitsrausch Makulatur geworden. Ich behaupte, dass uns seit 1989 jede Fähigkeit zu einer gewissenhaften Vorhersage der Dinge abhandengekommen ist.

ZEIT: Sie nehmen das Ende des Kalten Krieges als Zeitpunkt?

Krüger:  Ja, da potenzierten sich die großen Verwerfungen. Da begannen die Experten den Überblick zu verlieren. Diese wahnsinnige Beschleunigung gilt ja nicht nur für das Finanzsystem. Überlegen Sie mal, was auf eine einzige Generation in den letzten Jahrzehnten alles eingestürmt ist. Einstieg in die Atomenergie, Ausstieg aus der Atomenergie. Klimakatastrophe, Internet, Digitalisierung, Computer… Und mittendrin der Mensch, bestehend aus Haut und Knochen, ein paar Aminosäuren und ein paar Proteinen und mit seinem alten Bewusstsein, in irgendeiner Weise doch der Held der Geschichte zu sein, der Held, der die Geschicke bestimmt. Man muss schon über ein gewaltiges Selbstbewusstsein verfügen, um das noch behaupten zu können.

ZEIT: Ist es nicht auch wahnsinnig interessant, was da passiert? Kann man es vielleicht auch als Herausforderung oder Abenteuer begreifen?

Krüger:  Ja, natürlich ist das interessant, höchst faszinierend. Die Selbstabschaffung des Menschen ist ein enorm spannender Prozess.

ZEIT: Was meinen Sie mit Selbstabschaffung?

Krüger:  Dass wir nicht trotz, sondern wegen unserer Klugheit nicht mehr Herr im eigenen Hause sind. Wir haben uns verloren.

ZEIT: Fangen wir bei Ihnen an: Wie retten Sie Ihr Ich?

Krüger:  Ich schreibe. Mit wirklich eiserner Disziplin räume ich mir jeden Tag zwei Stunden frei fürs Schreiben, entweder morgens vor der Arbeit oder abends danach. Für mich war das immer sehr wichtig. Wenn man den ganzen Tag mit anderen Textformen zu tun hat, von der Aktennotiz bis zum Roman, habe ich am Ende bei all der Hetze manchmal das Gefühl, jede eigene Sprache verloren zu haben. Da sitze ich dann da und denke, mein Gott, ich habe alles in irgendwelche Kanäle gestopft, meine Ideen, meine Energien, und jetzt bin ich ein leerer Sack. Und dann versuche ich, in dem ganzen Strudel mit meinen bescheidenen Mitteln irgendetwas zu retten von mir. Ich kenne meine Begrenztheit, keine Sorge, aber darum geht es nicht. Ich bin glücklich, wenn etwas gedruckt wird, aber wichtiger ist, dass ich es geschrieben habe.

ZEIT: Mehrere Romane sind von Ihnen erschienen, ebenso zahlreiche Lyrikbände.

Krüger:  Ja, das nehme ich dankbar zur Kenntnis. Aber wichtiger in diesem täglichen Datenstrudel ist die Gewissheit, dass ich mir mit meinem Schreiben eine Insel schaffe, die nur ich betreten kann.

ZEIT: Wie schreiben Sie?

Krüger:  Nur mit der Hand, sozusagen um zu fühlen, dass da noch irgendwas drin ist, eine kleine Reserve, die nur mir gehört. Ich schreibe alles mit der Hand, auch Reden oder Nachrufe. Ich mache mir auch dauernd Notizen, schreibe Gedanken auf, Sätze. Ich habe inzwischen unzählige von solchen Notizbüchern. Manchmal kann ich später was davon brauchen, meistens nicht. Und keiner kann sie lesen, keiner.

Krüger steht auf, holt ein Notizbuch aus dem Regal, blättert und beginnt einzelne Sätze vorzulesen: »Jemand nimmt meinen Mantel vom Haken und verschwindet in der Menge, ein zu kleiner Mann für meinen großen Mantel.« Oder, notiert in New York: »Der Hausdiener, der Fahrstuhlmann trägt mir das Elend auf mein Zimmer.«

ZEIT: Womit belohnen Sie sich, außer mit dem Schreiben?

Krüger:  Mit guten Rotweinen. Allerdings werden sie in meinem Alter zunehmend leichter, denn nach so einem richtig schweren Wein wache ich nach drei Stunden schweißgebadet auf. Aber es gibt ja auch gute leichtere Weine.

ZEIT: Herr Krüger, lassen Sie uns jetzt die Gesellschaft retten. Was müsste geschehen?

Krüger:  Natürlich ist unsere Lebensform nicht zu retten, das weiß inzwischen auch die Kanzlerin. Wir müssen uns mit dem Gedanken vertraut machen, dass wir demnächst vor einer Wand stehen. Aber bis dahin ist natürlich noch viel zu tun. Es muss in den Kindergärten anfangen, in den Schulen, an den Universitäten. Meine Revolution begänne damit, dass wir jedes Spezialstudium mit einem Studium generale begleiten, in dem gelehrt wird, wer wir sind und was wir auf dieser Welt zu tun und zu suchen haben. Dass diese Diskussionen über das große Ganze überhaupt nicht mehr vorkommen, empfinde ich als einen Skandal. Es gibt ein enormes Bedürfnis nach diesen wichtigen Fragen, und wenn wir – nachmetaphysisch trainiert – uns nicht Mühe geben, sie irgendwie halbverbindlich zu beantworten, dann gnade uns Gott. Denn zurzeit lacht man doch nur höhnisch auf, wenn von den großen Werten geredet wird. Neulich diskutierte ich einen Tag lang mit evangelischen Pfarrern über die Frage, warum man auf der Welt ist. Die wollten gar nicht mehr aufhören.

ZEIT: Die wussten auch nicht, wozu sie auf der Welt sind?

Krüger:  Nein, die wussten es auch nicht. Ich spüre überall diese gewaltige Verunsicherung. Und jeder wird damit alleine gelassen.

ZEIT: Was gehört noch zu Ihrer Revolution?

Krüger:  Eine Stunde pro Woche müsste in der Schule Kindern beigebracht werden, wie man schweigt. In einer anderen Stunde müsste die Fähigkeit gelehrt werden, alleine sein zu können. Das ist nämlich auch merkwürdig, alle wollen immer zusammen sein. Dabei kann Alleinsein doch etwas Wunderbares sein. Leser wissen das natürlich. Ich liebe das Bild des kleinen Mädchens, das völlig versunken unter einem Baum sitzt und ein Buch liest, andererseits kriege ich Panik, wenn ich einen Jungen beobachte, wie er mit glasigen Augen sein Computerspiel traktiert. Und vielleicht das Allerwichtigste: Ich würde sofort dieses schreckliche Bachelorstudium wieder abschaffen, diesen Versuch, Menschen zu nützlichen Maschinen zu machen.

ZEIT: Sie kennen die Kritik an den zu langen Studienzeiten in Deutschland?

Krüger:  Die kenne ich. Trotzdem bleibe ich dabei: In sechs Semestern ein Studium abzuschließen und am besten sich während des Studiums schon einen Job zu besorgen, das ist absurd. Nur für das Beispiel Literatur: Wie soll das gehen in sechs Semestern? Proust? Jean Paul? Robert Musil? Wenn Sie zufällig das Pech haben, sich für Musils Mann ohne Eigenschaften zu interessieren, können Sie in der ganzen Studienzeit praktisch nur ein Buch lesen. Wie soll das gehen? Ich kann es Ihnen sagen: Man liest nicht mehr das ganze Buch, sondern allenfalls die Schlüsselszene, in der der Mann erhängt wird. Unglaublich, wie ein Staat durch ein solches Studium dafür sorgt, dass Wissen vernichtet wird.

ZEIT: Es sieht nicht so aus, als könnte Ihre Kritik an diesem Kurzstudiengang etwas bewirken.

Krüger:  Nein. Aber ich empfinde es als eine Schande, dass wir nie einen Bildungssternmarsch der Entrüstung quer durch die Republik zustande gebracht haben. Ausbildung braucht man, um in seinem Beruf voranzukommen, der Rest soll Geschmackssache bleiben. Man sieht an dem sagenhaften Renommee der sogenannten modernen Malerei, fast alles Tinnef, wohin das führt. Wir brauchen mehr Bildung.

Das zweite Gespräch findet in Krügers Wohnhaus statt. Für die fünf Minuten dauernde Fahrt vom Verlag dorthin nimmt Michael Krüger seinen alten, schwarzen Saab, auf dessen sanft verwildertem Rücksitz Hausrat, Klarsichtmappen und ein Ersatzpullover lagern. Seine private Trutzburg wird vorn von einer meterhohen Eibenhecke verdeckt und hinten im Garten von einem zweihundert Jahre alten Ahorn überragt. Bauhausarchitektur auch hier. Hohe, helle Räume – sparsam dekoriert, auf dem Tisch im Esszimmer lediglich ein kleiner Adventskranz. Die Bibliothek befindet sich im ersten Stock, meterhohe Regale mit Zigtausenden von Büchern. Einige stehen vor oder liegen quer, ganz vorne, nahe an seinem Schreibtisch, lehnt ein abgegriffener Kafka-Band. Um auch an die oberen Reihen heranzukommen, hat Krüger eine Art Leiterwagen bauen lassen. Der Aufstieg sei völlig gefahrlos, meint der Hausherr. Denn das Original des Leiterwagens habe er in der Vatikanischen Bibliothek in Rom entdeckt. Noch sei keiner aus der Kurie mit einem solchen Gefährt zu Schaden gekommen.

ZEIT: Können Sie der aktuellen Krise auch irgendetwas Positives abgewinnen? Zeigt sich hier und da plötzlich unvermutete Charakterstärke?

Krüger:  Ich glaube nicht, dass wir durch die Krise eine nachdenkliche Nation werden, ich fürchte eher das Gegenteil. Jetzt beginnt erst die wirkliche Gier. Und zwar eine Gier aus Not. Bisher gab es die Gier aus Überfluss. Mir ist nicht wohl bei der Vorstellung, dass schnell eine Million Menschen arbeitslos werden. Ich fürchte, dass kollektiv die Ellbogen ausgefahren werden, diesmal für den wirtschaftlichen Überlebenskampf. Wir sind auf Krisen nicht vorbereitet. Wenn eine RTL-Gesellschaft der Schlag trifft, werden Kräfte frei, an die ich gar nicht zu denken wage. Ich hoffe nur, dass ich mich irre.

ZEIT: Herr Krüger, wenn wir jetzt mit der Depression fortfahren, müssen wir um die festliche Weihnachtsstimmung unserer Leser fürchten. Welche Lektüre empfehlen Sie zum Fest? Was sollten diejenigen lesen, die sonst nie lesen?

Krüger:  Ich finde, die Leute sollten etwas lesen, was ihnen die Volkswirtschaft erklärt. Wie funktioniert das? Eine solide Einführung in die Volkswirtschaft.

ZEIT: Zu Weihnachten?

Krüger:  Gut. Jetzt im Ernst: Jeder unerprobte Leser sollte testen, ob Literatur ihn berührt, und diesen Test sollte man nur mit den besten Büchern beginnen. Das heißt, fangt an mit Moby Dick von Herman Melville, mit Thomas Mann oder mit Romanen von Joseph Roth. Und jungen Leuten, die sich für Verbrechen interessieren, rate ich zu Schuld und Sühne von Dostojewskij. Das sollen sie lesen, und dann merken sie schnell, ob es funktioniert, ob sie die Welt der Literatur fasziniert. Wenn nicht, sollen sie es lassen. Sich zu zwingen bringt nichts.

ZEIT: Welche Bücher möchten Sie mit auf die Insel nehmen?

Krüger:  Auf jeden Fall ein Handbuch zur Fallenstellerei, auf keinen Fall das Buch Wie man Salat zubereitet. Auch die Bibel könnte nicht schaden. Jeder sollte sie gelesen haben. Vor allem das Alte Testament steckt voller wertvoller Lebensgeschichten.

ZEIT: Was kommt noch mit?

Krüger:  Die Tagebücher von Kafka. Es ist so ein Buch, das spiegelt, wie man sich selber verändert. Allein wenn ich mir die Anstreichungen und Markierungen ansehe, die ich über die Jahre auf den Seiten gemacht habe.

ZEIT: Rilke?

Krüger: Gehört auch dazu. In meiner Insel-Bibliothek stehen vor allem die Tagebücher, die Aufzeichnungsbücher, Lichtenberg, Amiel, Rilke, Renard, Botho Strauß und Peter Handke. Canettis Aufzeichnungen, darin könnte ich jeden Abend lesen, unauslesbar, unausschöpflich. Und jede Menge Gedichtbücher, von Horaz bis Grünbein und Tranströmer, das trainiert das Gedächtnis. Da es auf meiner Insel keinen Fernseher gibt, bevorzuge ich natürlich Bücher voller Ideen. Und meine Frau nimmt eine Geschichte der Architektur mit, damit wir uns ein ordentliches Haus bauen können; auch wenn es die Große Welle dann fortschwemmt – und uns mit dazu.

ZEIT: Haben Sie Mitleid mit Kiepenheuer & Witsch, jenem Verlag, der Charlotte Roches Buch Feuchtgebiete abgelehnt hat, das dann solch ein Megaseller geworden ist?

Krüger:  Nein. Ich halte das für ein blödes Buch, die sollten glücklich sein, dass sie es nicht im Programm haben.

ZEIT: Sie sind Verleger vieler Autoren mit großen Namen. Einer heißt Barack Obama.

Krüger: Ein Buch, das man an den beiden Weihnachtstagen gut schaffen kann. Obama hat es 1995, also lange vor der Kandidatur geschrieben. Es führt in die absolute Unterschicht. Es zeigt einen großen Willen, eine kaputte Familie, schwarz, noch zu einer Zeit geboren, als Schwarze noch nicht einmal in einem Bus sitzen durften mit einem Weißen. Eine Zeit höchstmöglicher sozialer Spannung. Man sieht ihn vor sich, wie er sagt: Das ist meine Mama, das mein Papa, das ist meine Herkunft, das ist mein Versuch gewesen, da irgendwie herauszukommen.

ZEIT: Sie selbst hat Politik nie gereizt?

Krüger:  Ich habe tatsächlich einmal darüber nachgedacht, in die Politik zu gehen – und dies aus einem vollkommen naiven moralischen Grund. Es kann doch nicht wahr sein, fand ich oft, dass die großen Probleme dieser Welt nicht zu lösen sein sollen. Ich empfinde die tiefe Scham meiner Generation, dass nach wie vor Kinder verhungern. Andererseits war mir natürlich klar, dass ein bestimmter Typus von Mensch Politiker wird, jemand, der über Eigenschaften verfügt, die ich nicht habe. Er muss ununterbrochen zu Kompromissen bereit sein, und das wäre ich nicht. Außerdem habe ich nicht den Ehrgeiz, mich täglich im Fernsehen zu bewundern. Meine Frau ist jetzt schon der Meinung, dass ich zu oft den Mund aufmache… Also werde ich bei meinen Büchern bleiben.

ZEIT: Sie erwähnten zu Anfang unseres Gesprächs Ihre Lust, sich gern in für Sie fremden Sprachen zu unterhalten. Zeichnet diese Eigenart den Weltenbummler aus?

Krüger:  Es zeigt wohl eher die Lust, sich auch dann zu verständigen, wenn die richtigen Worte fehlen.

ZEIT: Städte sind manchmal wie Menschen, zu manchen Städten findet man keinen Zugang?

Krüger:  Eine richtige Wahrnehmung.

ZEIT: Paris?

Krüger:  Eine graue, eigentümliche Stadt. Ich habe nie richtig in Paris gelebt. Und je älter man wird, desto geiziger wird man mit der Zeit. Aber ein Jahr in Paris…

ZEIT: Peking?

Krüger:  Ich bin da gewesen, früher, möchte aber nicht wieder hin. Ich war nie in Japan. Manche begeistern sich für Indien, reisen von Stadt zu Stadt. Das reizt mich überhaupt nicht.

ZEIT: New York?

Krüger:  Die letzte Hauptstadt Europas. Wenn ich New York höre, dann denke ich sofort an mein Café Mozart beim Lincoln Center. Ein kleines Café, mit Wiener Stühlen, man sitzt da und trinkt seinen schlechten Kaffee. Man sitzt zusammen mit Autoren und Zeichnern aus aller Welt, es ist eine merkwürdig wunderbare Mischung aus Sprachen und Dialekten im Raum.

ZEIT: Und Sie mittendrin unterhalten sich bestens?

Krüger:  So ist es. Aber wissen Sie, wo ich mich am liebsten aufhalte? Unter dem Bergahorn in meinem Garten! Wahrscheinlich bin ich doch ein verkappter Spießer.

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Leser-Kommentare

  1. Schön, daß sich hin und wieder mal ein paar finden, die sich im Zickzack der vielen ziellosen Dauerläufer zu einem Gespräch zusammensetzen. Man sollte sich dazusetzen, zuhören und etwas verschnaufen.

    ___________________
    Lyriost – Madentiraden

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sprüche die immer gelten ...

    (Ich äussere mich nicht zum Thema, sondern einem typischen Reaktions-Mustern.)

    # Schön, daß sich hin und wieder mal ein paar finden, die sich im Zickzack der vielen ziellosen Dauerläufer zu einem Gespräch zusammensetzen. Man sollte sich dazusetzen, zuhören und etwas verschnaufen.

    Solche Sprüche kann man immer einsetzen.
    Vor allem wenn man Zujubler hat,
    kann man sich als toll empfinden.

    Eine prima Art sich zu allem und jedem äussern zu können.

  2. dass es zu diesem schoenen Gespraech nur ein Kommentar ( von Lyriost ) gegeben hat. Dagegen fanden sich zum Thema Palestina-Israel mal wieder saemtliche Nah-Ost-Forum Spezialisten der Zeit zusammen. Sicher, Kultur verkauft ich nicht so gut wie der Dauerbrenner Plaestina- Israel. Und das schon seit 60 Jahren.

    Gutes neues Jahr dann noch.

  3. Sprüche die immer gelten ...

    (Ich äussere mich nicht zum Thema, sondern einem typischen Reaktions-Mustern.)

    # Schön, daß sich hin und wieder mal ein paar finden, die sich im Zickzack der vielen ziellosen Dauerläufer zu einem Gespräch zusammensetzen. Man sollte sich dazusetzen, zuhören und etwas verschnaufen.

    Solche Sprüche kann man immer einsetzen.
    Vor allem wenn man Zujubler hat,
    kann man sich als toll empfinden.

    Eine prima Art sich zu allem und jedem äussern zu können.

    Antwort auf "Verschnaufen"
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    Bei Inferioritätskomplexen wende man sich an einen Psychologen.

    ___________________
    Lyriost – Madentiraden

  4. Dieses Gespräch zeigt ein weiteres mal sehr gut auf, dass es Menschen gibt, die in ihrem Beruf ein Berufung gefunden haben. Diese Ausdrucksstärke in den Aussagen von Michael Krüger sind bemerkenswert und sollten als wegweisend für eine orientierungslos dahinsiechende Gesellschaft dienen. Das Aufzeigen von Möglichkeiten, gerade mit Hilfe der Literatur oder anderen Kulturtechniken bzw. -instrumenten kann uns gerade in Krisen zu ungeahnten Fahigkeiten und Ideen verhelfen, sich Ausdruck zu verschaffen um nicht unbedingt gegen eine Wand zu fahren. Leider haben wir uns das Klicken und den Knopf, das Nehmen und Konsumieren und nicht das Tätigen und Produzieren als Ziel gesetzt. Jetzt sitzen wir da und wissen nichts mit uns anzufangen da das Ziel ja schon längst erreicht ist.
    Klick...

  5. Auf welche Ereignisse schaut der Konsument? In welchen Gelegenheiten wartet er? Warum verfällt er in Starre? Welche Grenzen setzt ihm der Konsum und welche die Produktivität? Wann handelt er?

    Betrachten wir den täglichen Konsumenten dann läuft er blindlings durch die Straßen, durch die zahlreichen Einkaufshäuser, durch die riesigen Supermärkte. Immer eine Tasche an seiner Seite oder einen Korb vor sich her. Oder er sitzt bzw. steht an diversen Haltestellen, am Bahnhof oder an Bushaltestellen. Am Tresen und an der Kasse. Am längsten vermutlich vor dem Bildschirm.
    Er schaut sich verschiedene Werbeplakate oder auch Werbespots an um gleich zum Konsumenten zu werden. „Kaufen Sie ein!“, „Halt warten Sie!“ schreien sie von den Wänden. In Situationen in denen es nicht weiter geht. An zeitlichen Grenzen im Fernsehen wenn der Film nicht fortläuft, an Stellen wo es nicht weitergeht, an einem Übergang von Stillstand und Bewegung. Und hoffentlich steht der baldige Konsument gerade still.
    Im Fernsehen ist er von schaurigen Nachrichten gefesselt, von Katastrophen, von Ereignissen, die weit von seiner starren Daseinsform entfernt ist. So schaut er halt doch mehr auf das Zerstörerische als auf das Produzierende. Das ist auch eher langweilig und weniger aufregend. Er fühlt sich dann bestimmt auch weniger wert als der Produzent. Geht es ihm gut, im Gegensatz zum beobachten Geschehen, so kann er gerne dableiben wo er gerade ist. Er selbst ist gleichzeitig Zerstörer seiner Selbst und Richter über seinen Nächsten. Hobbys sind leider zu teuer und Lernen kostet Zeit und er ist in Bewegung und benötigt Motivation. Das geht nicht, Produzent!

  6. Bei Inferioritätskomplexen wende man sich an einen Psychologen.

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    Lyriost – Madentiraden

  7. Es ist schön, wieder jemanden zu treffen bzw. von ihm zu lesen, wie man das Leben auch in seiner Langsamkeit genießen kann (Menschen in "Hamsterrädern" erleben wir tagtäglich). Vielleicht ist es aber das gleiche Alter, das einem eine ganz andere Sicht der Wirklichkeit vermittelt. Krügers Erfahrungen mit der italienischen Sprache erinnerten mich an ein Erlebnis in Schweden. Damals arbeitete ich als junger Ingnieur bei einer dänischen Firma in Kopenhagen. Im Rahmen einer Geschäftsreise verhandelte ich mit einem schwedischen Partner und wunderte mich wie gut unsere Kommunikation klappte (obwohl die schwedische Sprache sich grundlegend von der dänischen unterscheidet). Ich äußerte dies und der Schwede sagte: "Wir haben Skandinavisch gesprochen!". Übrigens ist mir später die dänische Sprache nahezu in Fleisch und Blut übergegangen und hat meine Zusammenarbeit mit meinen dänischen Kollegen sehr erleichtert ("Klaus kommt aus dem g r o s s e n Deutschland...!"). Dazu ist zu sagen, dass einer meiner älteren dänischen Ingenieurkollegen, mit denen ich öfters nach Südmerika gereist bin, Widerstandskämpfer im 2. Weltkrieg war. Auf all diesen Reisen, die mich rund um die Welt führten, signalisierte ich immerwieder die Bereitschaft, mich in der Landessprache zu unterhalten, und bekam so einen wirklichen Zugang zu meinen Gesprächspartnern und gewann so auch Freunde.
    Einfach schöne Erinnerungen, über die ich auch in meinen Reiseberichten im INTERNET berichtet habe!

    Herzliche Grüsse aus HILDESHEIM!

    Klaus Metzger

  8. und ich empfinde es auch als tröstlich, daß es diesen großartigen Verleger gibt und dieses Gespräch mit ihm veröffentlicht wurde.

    Krüger hat sich um sehr viele Autoren verdient gemacht, bei ihm werden Oskar Pastior und Felix Philipp Ingold verlegt, um Einige zu nennen.

    Ein großer Verleger mit großen Autoren.

    Den Zeitungsartikel habe ich aufgehoben. Solch eine Bücherwand mit Treppenleiter wünsche ich jedem Leser.

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