Familie "Ich hätte dich gern zum Piloten gemacht"
Wie ist es, einen Volkshelden zum Großvater zu haben? Daniel Krämer spricht mit Sigmund Jähn, dem ersten deutschen Kosmonauten
ZEITmagazin: Herr Krämer, Sie sind 1978 geboren, im gleichen Jahr, in dem Ihr Großvater als erster Deutscher in den Weltraum flog.
Daniel Krämer: Ja, eine Woche vorher.
Sigmund Jähn: Wir waren in der Vorbereitung in Baikonur, als ich informiert wurde. Nach der Landung hat man mir dann sofort ein Foto gezeigt: unser Daniel nach der Geburt.
ZEITmagazin: Sie waren acht Tage im All. Haben Sie da oben an Ihren Enkel gedacht?
Jähn: Och nö, da gab es erst mal andere Geschichten. Er hat ja auch nicht an mich gedacht. (lacht) Es gab so viele beeindruckende Erlebnisse. Den Enkel musste man ja erst noch kennenlernen.
ZEITmagazin: Spielte das Thema Weltraum bei Ihnen zu Hause eine Rolle?
Jähn: Ich habe mich euch Kindern nicht aufgedrängt, oder? Die meisten Enkel haben die Neuigkeit mit dem Raumfahrer aus dem Kindergarten mitgebracht.
Krämer: Stimmt. Wenn wir uns sehen, geht es meist um andere Themen.
ZEITmagazin: In der DDR wurde Ihr Großvater auf Briefmarken geehrt, in Schulen standen Büsten – waren Sie stolz, einen Volkshelden als Opa zu haben?
Krämer: Es war ein besonderes Gefühl, es hat mich schon stolz gemacht. Auch wenn stolz komisch klingt, weil ich selbst ja nichts geleistet habe.
Jähn: Das unterstreiche ich. Stolz, das Wort gibt es bei uns eigentlich nicht.
ZEITmagazin: Wollten Sie auch mal Kosmonaut werden?
Krämer: Ich fürchte, an dem Punkt hat die Prägung nicht ausgereicht. (lacht)
Jähn: Na, komm! Als die Esa dieses Jahr Ausbildungsplätze zum Kosmonauten ausgeschrieben hat, dachte ich zuerst, das interessiert keinen meiner Enkel. Dann hab ich dir doch mal das Ausschreibungsmaterial gegeben. Am Ende wolltest du dich bewerben, aber es war schon zu spät.
Krämer: Das Interesse ist vorhanden, aber als Diplomkaufmann habe ich da kaum eine Chance.
Jähn: Einen Aufsatz über den Weltraum hast du mal geschrieben, in der 6. Klasse, der war hervorragend, erstaunlich für das Alter. Den habe ich heute noch. Ich hätte dich ja gern zum Piloten gemacht.
ZEITmagazin: Und, was wurde daraus?
Krämer: Die Sehkraft hat leider nicht gereicht. Aber jetzt bin ich trotzdem bei der Fliegerei gelandet, als Logistiker bei der Luftwaffe.
ZEITmagazin: Wie oft sehen Sie sich?
Krämer: Normalerweise alle zwei bis drei Wochen. Momentan seltener, weil ich im Saarland wohne. Das Schöne ist: Ich muss ihn nicht sehen, aber kann ihn sehen. Das ist beim Großvater toll, da gibt es diese Freiwilligkeit, anders als bei den Eltern. Trotzdem: Zu meinem Großvater zu kommen, das ist wie nach Hause kommen.
Jähn: Er hält sich dann nicht lange auf, sondern geht in den Garten und sägt mit Verstand an den Bäumen rum. Ohne groß zu fragen. Wir beide müssen nicht viel reden. Da gibt es ein Band, das man nicht immer wieder flicken muss.
Krämer: Es geht bei uns mehr ums Machen.
Jähn: Das kann bei uns auch heißen, einfach mal im Vogtland klar Schiff zu machen, in unserer Datsche. Erst neulich haben Kinder und Enkel die Hütte gestrichen. Dabei kann man wunderbar nachdenken. Und mit Daniel kann ich mich schon lange von Mann zu Mann unterhalten.
ZEITmagazin:Worüber reden Sie?
Jähn: Das Handwerkliche, die Hütte im Vogtland, Bäume. Inzwischen sag ich nicht mehr: Jetzt machste das so und so, sondern frag ihn: Was denkste, wie machen wir das?
Krämer: Wir haben die gemeinsame Liebe zur Natur. Er hat mich früh zum Jagen mitgenommen.
Jähn: Wir haben eine kleine Baumsammlung angelegt, daran haben wir beide Freude. Aus Sibirien haben wir ein paar kleine Kiefern mitgebracht.
ZEITmagazin: Was haben Sie in Sibirien gemacht?
Jähn: Ich wurde in den neunziger Jahren zu einer Expedition in die ewenkische Taiga eingeladen. In Sibirien sind Daniel und ich gewandert, haben gezeltet. Sich dort aussetzen zu lassen ist was Besonderes.
ZEITmagazin: Liegt das Fernweh bei Ihnen in der Familie?
Krämer: Interesse am Fremden würde ich sagen, am Unbekannten.
Jähn: Auch Neugier. Ich kann mich erinnern, wie ich als 18-Jähriger am Dresdner Hauptbahnhof stand, gerade Soldat geworden, zum ersten Mal weg von meinem Dorf. Da fuhr ein Zug nach Prag ein, und ich dachte: Da will ich mal hin. Für die junge Generation ist das kein Thema mehr, die fliegen mal eben nach Australien. Die Maßstäbe haben sich verschoben, aber das Wesen der Sache ist geblieben.
Krämer: Auf jeden Fall. Mein Bruder ist gerade für ein Jahr in Australien. Während der Schulzeit war ich in Amerika, während des Studiums in Israel.
Jähn: Er war immer schon wissensdurstig. Kam nach der 10. Klasse zurück aus Amerika und sagte: Großvater, wenn du mir jetzt noch einen Crashkurs in Russisch organisieren könntest, das wäre nicht schlecht. Dann war er acht Wochen in Moskau.
ZEITmagazin: Herr Jähn, wie stark hat der Weltraum Ihr Leben beeinflusst?
Krämer: Den ganzen Vormittag ist er damit beschäftigt, die Post von Fans zu beantworten. Er hält Vorträge, ist jedes Jahr in Russland und pflegt die Kontakte zu anderen Kosmonauten.
Jähn: Gerade war ich in Chemnitz bei der Technischen Universität eingeladen. Die löchern einen mit Fragen. Wie ist die Schwerelosigkeit? Wie sieht die Erde aus? Aber diesen Schatz, den man im Kopf hat, kann man nur unscharf vermitteln. Alle 90 Minuten ein Sonnenaufgang. Das verändert einen.
ZEITmagazin: Als Kosmonaut durften Sie schon zu DDR-Zeiten zu Konferenzen ins Ausland fliegen. Wollten Sie damals auch raus aus diesem eingemauerten Land?
Jähn: Nein, ich mache da keine Ausflüchte. Ich war gern ein Kind der DDR, bin dort gefördert worden, und wir konnten ja reisen: nach Ungarn, Rumänien, Bulgarien. Dank meines Berufes hatte ich Privilegien. Aber es kommt auf die Betrachtungsweise an. Natürlich ist es schöner, dass die Mauer weg ist.
ZEITmagazin: Als die Mauer fiel, war Ihr Enkel 11. Sie selbst waren da gerade mit dem westdeutschen Raumfahrer Ulf Merbold in Saudi-Arabien.
Jähn: Ja, das war ganz verrückt! Ich kam am Abend ins Hotel. Ihr glaubt gar nicht, was los ist, sagte der Reinhard Furrer zur Begrüßung, die sitzen da in Berlin auf der Mauer und saufen Sekt.
ZEITmagazin: Welche Rolle spielte der Mauerfall für Sie?
Krämer: Der Mauerfall hat mir viele Möglichkeiten eröffnet. Meine Reisen nach Amerika…
Jähn: Andererseits sehe ich diese Krise heute. Dieses Konsumdenken, das gab es in der DDR nicht. Heute heißt es ja: Kauf es und schmeiß es weg. Vernichte die begrenzten Reichtümer der Erde. Ist die maßlose Gier von Managern, die das Tausendfache eines tüchtigen Arbeiters verdienen, nicht beängstigend? Kann man überhaupt so viel leisten? Aber das sieht mein Enkel ganz anders. (lacht)
Krämer: Ich hab Betriebswirtschaft studiert, und vor diesem Hintergrund… – na ja.
ZEITmagazin: Streiten Sie darüber?
Jähn: Ja, da verstehen wir uns nicht. Da ist der Großvater in alter Weise erzogen.
Krämer: Wenn wir merken, wir kommen nicht auf einen Nenner, dann brechen wir das ab.
Jähn: Er weiß nicht, wer Marx ist. Und ich kenne diese kapitalistischen Wirtschaftsgelehrten nicht.
Krämer: Wir haben einfach unterschiedliche Meinungen. Aber ich hab auch nicht den Ehrgeiz, ihn vom Gegenteil zu überzeugen.
ZEITmagazin: In dem Film Good Bye Lenin wird Ihr Großvater zum Staatsoberhaupt der DDR ernannt…
Krämer: …und am Ende wird er Taxifahrer. Ich fand das, als ich im Kino saß, ziemlich seltsam. Hinterher hab ich mir gedacht, das ist eben Fiktion, die Freiheit des Künstlers.
Jähn: Damals hat mich der Regisseur gebeten, die Rolle selbst zu spielen. Ich habe dankend abgelehnt, manches sollte man ruhen lassen. Nach der Wende habe ich als Erstes diese Büste von mir vor in Treptow entfernen lassen. Mit Gagarins Kopf hatten sie dort schon Fußball gespielt.
ZEITmagazin: Was möchten Sie Ihren Enkeln mitgeben?
Jähn: Es ist gut, Schwierigkeiten gehabt zu haben.
Krämer: Disziplin ist ihm wichtig. Es sich nicht zu leicht machen.
Jähn: Als Dreijährige wurden meine Enkel alle im kalten Bottich gebadet.
Krämer: Später friert man dann wenigstens nicht mehr. (lacht)
Jähn: Man sollte es nicht immer nur bequem haben. Wenn du immer in Watte gepackt wirst – wo soll denn der Drang herkommen, was aus dir zu machen? Mein Großvater war ein einfacher Mann, der ein paar Ziegen hatte, meine Eltern mussten beide arbeiten. Der Raumflug ist mir nicht in den Schoß gefallen. Man muss sich Ziele setzen. Ich mache es heute noch im Kleinen. Vor meinem Haus ist der See, jeden Tag um sechs mache ich meinen Sprung da rein, ob ich Lust habe oder nicht.
ZEITmagazin: Herr Krämer, was haben Sie von Ihrem Großvater gelernt?
Krämer: Das, was man macht, sollte man richtig machen. Seine Einsatzbereitschaft hat mich geprägt. Wenn mein Opa nicht als Flugzeugführer positiv aufgefallen wäre, wäre er nicht unter den Kandidaten gewesen. Das ist eine Gemeinsamkeit zwischen uns: alles so gut wie möglich zu machen und sich auf spätere Chancen vorzubereiten. Bereit zu sein, zu investieren, sich nicht treiben zu lassen. Ich habe mich immer an ihm gemessen.
Das Gespräch führte Anita Blasberg
Sigmund Jähn, 72, lebt in Strausberg. Der gelernte Buchdrucker wurde nach seinem Wehrdienst Jagdflieger bei den Luftstreitkräften der DDR. 1978 flog er mit einer russischen Rakete als erster Deutscher in den Weltraum.
Daniel Krämer, 30, wurde in Bad Saarow geboren. Er studierte Betriebswirtschaft an der Bundeswehr-Akademie in Hamburg. Heute arbeitet er in Köln als Logistiker bei der Luftwaffe der Bundeswehr.
- Datum 23.12.2008 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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