Familie "Wir sind alle Gorillas"

Oswalt Kolle wurde berühmt als Vorkämpfer der sexuellen Befreiung. Mit seinem Enkel Maarten spricht er über Verliebtsein und Alpha-Männer

Oswalt Kolle: Maarten, als kleiner Junge hast du mal zu mir gesagt: "Ich weiß jetzt, wer der Weihnachtsmann ist. Das kannst nur du sein. Weil du der einzige Mensch auf der Welt bist, der wirklich weiß, was ich mir wünsche."

Maarten Kolle: Du hast mir wirklich immer tolle Geschenke gemacht. Einmal gab es einen Billardtisch für Kinder, dann ein echtes Luftgewehr, mit dem wir hinter unserem Jagdhaus in Deventer auf Schießscheiben geschossen haben.

O. Kolle: Ich habe dir das Schießen beigebracht!

M. Kolle: Ja. Dass es das Wichtigste ist, ruhig zu bleiben. Man muss gut stehen, die Atmung kontrollieren, sein Ziel fixieren und abdrücken.

O. Kolle: Du bist schon als kleiner Junge mit uns auf die Jagd gegangen. Als du drei Jahre alt warst, habe ich dich auf den Hochsitz gehievt.

M. Kolle: Ich erinnere mich nur daran, dass es eigentlich immer kalt war.

O. Kolle: Bei der Kleinwildjagd hast du sogar mit den anderen Kindern im Dickicht getobt, damit die Fasane herauskamen.

M. Kolle: Wirklich? Die Tiere haben mir manchmal leidgetan. Inzwischen macht es mir nichts mehr aus, tote Tiere auszunehmen.

O. Kolle: Du hast eben schon früh begriffen, dass man lebende Tiere nicht essen kann. Du bist nicht so ein Heuchler wie manche Fleischesser, die sich über die Jäger beschweren: "Aber die süßen kleinen Bambis!" Die sehen das Fleisch nur noch in Zellophan verpackt im Supermarkt.

M. Kolle: Schade, dass du nicht mehr mitkommst auf die Jagd.

O. Kolle: Ach, wenn man nicht mehr so gut laufen kann, macht es keine Freude mehr. Laufen habe ich dir übrigens auch beigebracht, weißt du das eigentlich? Dafür ist mir dein Vater Till ewig dankbar. Jeden Tag sind wir in den Park gegangen. Du wolltest, dass ich dich trage und im Wagen schiebe. Das war aber bei mir nicht drin. Und irgendwann mochtest du gar nicht mehr aufhören zu laufen.

M. Kolle: Vielleicht gehe ich deswegen noch heute so gern wandern.

O. Kolle: An Weihnachten haben wir oft lange Wanderungen gemacht.

M. Kolle: Dabei haben wir uns unterhalten, wie jetzt. Über alles, was so anlag.

O. Kolle: Plappermaus und Plappermaus! Mir war das immer wichtig: frei miteinander zu reden. Schon deinen Vater habe ich freiheitlich, nichtautoritär erzogen – nicht zu verwechseln mit antiautoritärer Erziehung. Denn was die 68er wollten, das war absolute Scheiße, das waren Experimente an Kindern. Es ist wichtig, Kindern schon früh deutlich zu machen, dass es Argumente gibt – aber auch Verbote, die man gut begründen muss. Ich streite mich immer wieder mit Leuten, die behaupten, dass ein Klaps auf den Po nicht schadet. Wo führt das hin? In Holland werden über 100 Kinder im Jahr totgeschlagen.

M. Kolle: Opa, ich bitte dich! In unserer Familie gibt es keine Gewalt. Ich glaube, ich bin ganz gut erzogen worden.

O. Kolle: Du hast eine fantastische Erziehung genossen.

M. Kolle: Ja, aber trotzdem streite ich mich mit Mama und Papa ab und zu. Zum Beispiel darüber, wie lange ich abends ausgehen darf. Diesen Sommer in Florenz …

O. Kolle: … ui, da hast du dich verliebt …

M. Kolle: … in Florenz habe ich meine Freiheit genossen. Da war ich zum ersten Mal ohne Mama und Papa unterwegs, zwei Wochen lang. Zuerst war es etwas seltsam, ganz alleine in einer fremden Stadt zu sein. Aber dann war es einfach perfekt. Ich habe jede Menge Leute kennengelernt …

O. Kolle: … ein Mädchen!

M. Kolle: Ja, auch ein Mädchen.

O. Kolle: Um deine Aufklärung muss ich mir ja keine Sorgen machen.

M. Kolle: Ich bin irgendwie schleichend aufgeklärt worden, an ein besonderes Gespräch kann ich mich nicht erinnern. Und deine Filme hab ich ja nie gesehen. Bis jetzt hatte ich noch keine Zeit.

O. Kolle: Schau mal hier ins Regal, da liegen sie alle. Du musst sie dir nur nehmen.

M. Kolle: Ja, mal sehen. Ich habe ein Fernsehporträt über dich gesehen, in dem ihr alle nackt zu sehen wart. Du und Oma und Papa. Alle nackt.

O. Kolle: Das war am Strand auf Sylt. Nacktsein war vollkommen selbstverständlich. Aber dann habe ich mich auch wieder angezogen. Piekfein mit Anzug und Schlips hab ich mich vor die Kamera gesetzt und gesagt: Wir sprechen jetzt über Sexualität, ein schwieriges Thema. Ich habe mich nie mit dem nackten Arsch auf den Tisch des Bürgermeisters gesetzt, so wie die 68er. Wenn man eine Gesellschaft verändern will, kostet das Mühe und Arbeit. Mit Schockeffekten kommst du nicht weit.

M. Kolle: Okay.

O. Kolle: Man muss auch mal Kompromisse machen. Aber ich kann es eben nicht haben, wenn mir jemand anderes sagt, wie ich zu leben habe. Die Freiheit ist kostbar, Maarten. Als ich so alt war wie du, war ich noch kurz Soldat. Bis die Amerikaner uns befreit haben, das werde ich nie vergessen. Wir würden wahrscheinlich heute sonst immer noch in einer Diktatur leben. Nachdem der Krieg vorbei war, hatte ich das Gefühl: Jetzt beginnt die große Freiheit.

M. Kolle: Wir haben vergangene Woche deine alte Musik gehört.

O. Kolle: Glenn Miller war das. Die Amerikaner brachten den Jazz mit, das war die passende Musik für einen Neuanfang. Meine Stadt Frankfurt lag in Schutt und Asche. Es gab keine Regierung mehr, alle Organisationen waren zerschlagen. Nur die katholische Kirche hatte überlebt, dann kam Adenauer und schränkte unsere neue Freiheit gleich wieder ein.

M. Kolle: Ich kann mit der katholischen Kirche auch nichts anfangen.

O. Kolle: Wirklich nicht? Früher hattest du doch eine Kinderfreundin, mit der du immer in die Kirche gegangen bist. Sogar hingekniet hast du dich!

M. Kolle: Aber nur, weil es in der Kirche so aufregend war. Ich bin wirklich nicht religiös. Wie sollte ich? Bei uns an der Freien Schule gibt es ja gar keinen Religionsunterricht. Gut, dass in Holland Kirche und Staat so streng voneinander getrennt sind.

O. Kolle: In Deutschland muss der Kirchenfürst seinen Ministerpräsidenten nur anrufen, dann spurt der. Da lebe ich doch lieber in einem Land mit Königin. Wenn die sich einmischt, ist das nett, wird aber nicht ernst genommen. Ich bin wirklich mit Leib und Seele Holländer. Und du?

M. Kolle: Ich bin Amsterdamer.

O. Kolle: Amsterdam ist die freie Stadt, die freie Republik.

M. Kolle: Hier kannst du tun und lassen, was du willst. Wir integrieren Marokkaner, Chinesen …

O. Kolle: Trotzdem, Maarten, musst du lernen, für die Freiheit zu kämpfen. Es wird immer wieder Menschen geben, die versuchen, unsere Freiheit zu beschneiden. Zum Beispiel die Imame, mit denen es sich unsere Regierung nicht verscherzen will.

M. Kolle: Man sollte Muslime trotzdem tolerieren. Sie haben das Recht, ihre Religion zu leben.

O. Kolle: Von mir aus sollen sie ihre Moscheen bauen, aber unsere Werte, um die wir so lange gerungen haben, dürfen sie uns nicht rauben. Rosa Luxemburg sagte: Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden. Das gilt auch für die sexuelle Freiheit.

M. Kolle: Natürlich, dein Lieblingsthema. Meines ist ja Musik. Ich habe über 10.000 Titel auf meinem iPod.

O. Kolle: Und manchmal änderst du innerhalb von drei Tagen deine Meinung. Wie hieß die Band, die du gerade noch mochtest und jetzt nicht mehr?

M. Kolle: Coldplay. Ich mag Hip-Hop lieber: Jay-Z, N.E.R.D., Ice Cube. Man ändert halt mal seine Meinung. Aber in dieser Familie ist das echt schwer. Du und Papa, ihr seid echte Gorillas, Alphatiere, Menschen, die wirklich etwas zu sagen haben. Es ist nicht leicht mit euch. Wenn einer von euch beiden in den Raum kommt, ist der sofort voll. Weißt du, wenn ich mit meinen Freunden zusammen bin, bin ich so ähnlich, aber wenn ihr dabei seid, bin ich nur eine kleine Nummer.

O. Kolle: Ich weiß, was du meinst. Mein Vater war auch ein Gorilla. Ich konnte mich erst von ihm lösen, als er aus dem Krieg zurückkam. Da war ich schon 20.

M. Kolle: Wir sind alle Gorillas. Aber ich will akzeptiert werden, deshalb muss ich euch vom Thron stoßen. Das muss so sein.

O. Kolle: Dein kleiner Bruder unterwirft sich dir wie einem höherrangigen Tier. Als Opa finde ich das herrlich zu beobachten. Ach, wir haben eine wahnsinnig tolle Familie.

M. Kolle: Wir sind ganz schön verrückt.

O. Kolle: Mit deiner Oma habe ich mich anfangs viel gestritten, als wir uns kennenlernten. Dann erkannten wir, dass wir die Sexualität viel zu ernst nehmen. Bis ans Ende unseres Lebens, nahmen wir uns vor, würden wir uns immer alles erzählen. Jeder kann sich mal verlieben.

M. Kolle: Das scheint funktioniert zu haben.

O. Kolle: Wie wir zusammen gelebt haben, war es gut. Ich war sehr traurig, als sie vor acht Jahren starb. Wenn ich höre, wie Männer schlecht über ihre Frauen reden, würde ich sie am liebsten anbrüllen: Sie sind untreu! Es gibt sogar Frauen, die so über ihre Männer reden. Aber es ist gut, dass Frauen sich endlich entwickeln und frei sind.

M. Kolle: Bei mir in der Klasse habe ich manchmal den Eindruck, dass die Mädchen vorgezogen werden. Das nervt ein bisschen.

O. Kolle: Maarten, Toleranz!

Das Gespräch führte Esther Kogelboom

Oswalt Kolle, 80, wurde durch Aufklärungsfilme wie "Deine Frau, das unbekannte Wesen" Ende der sechziger Jahre europaweit bekannt. Er lebt heute mit seiner Freundin in Amsterdam. Kürzlich erschien seine Autobiografie "Ich bin so frei: Mein Leben".

Maarten Kolle ist 15 Jahre alt und besucht das Vossius Gymnasium in Amsterdam. Er interessiert sich sehr für Musik, zurzeit insbesondere für Hip-Hop, und ist stolz auf die 10.000 Songs auf seinem iPod.

 
Leser-Kommentare
  1. Ich mag Diskussionen zwischen den verschiedenen Generationen. Beide können etwas voneinander lernen wenn sie nur öfter miteinander reden!

    Schade allerdings, dass hier mehr auf die Familienzugehörigkeit des jungen Protagonisten als auf seine bisherigen Leistungen geachtet wurde. Es gibt viele junge Talente, die vielleicht nicht das Glück hatten in einer "wahnsinnig tollen Familie" aufgewachsen zu sein aber aufgrund ihrer persönlichen Leistung in jungen Jahren mehr zu erzählen haben.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
  • Kommentare 1
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Familie
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service