Enkel und Großeltern "Wir spielten, dass wir Aliens sind"

Den Schriftsteller Benjamin Lebert verbindet mit seiner Großmutter Ursula viel mehr als die gemeinsame Leidenschaft fürs Schreiben

Ursula Lebert: Also, Benni, setz dich her, wir sollen uns darüber unterhalten, worauf es im Leben ankommt.

Benjamin Lebert (nimmt Platz neben seiner Großmutter am Wohnzimmertisch aus grobem Holz): Leichte Kost also.

U. Lebert:Ja. Du fängst an.

B. Lebert: Prima, danke. (lacht) Vorher brauche ich, glaube ich, aber noch einen Espresso. Ich bin heute um fünf Uhr morgens aufgestanden, um hierherzukommen, und sonst könnte es sein, dass ich im Laufe des Gespräches ganz überraschenderweise der Meinung bin, dass Glück und Unglück und auch alles andere im Leben vor allem von einer Tasse Kaffee abhängen.

U. Lebert:In vielen Situationen stimmt das auch. Die Grenzen im Leben scheinen ja immer verwischt zu sein. Wie wenn ein Meer nahtlos in den Himmel übergeht. Und manchmal stellt es das Leben gern so an, dass, wenn man so will, der Grenzpfeiler so was ist wie eine Espressotasse.

B. Lebert:Ja, stimmt. Und an diesem Grenzpfeiler bin ich jetzt angekommen. Warte, bin gleich wieder da.

Benjamin geht in die Küche. Man hört die Kaffeemaschine dröhnen. Kurz darauf kommt er ins Wohnzimmer zurück, eine kleine weiße Tasse in den Fingern, aus der schwacher Dampf aufsteigt. Er setzt sich wieder zu seiner Großmutter, legt den Kopf in den Nacken und kippt seinen Espresso hinunter.

B. Lebert:Es ist auch genau genommen immer ein Fehler, den Dingen in deinem Leben oder den Gegebenheiten eine größere oder kleinere Bedeutung beizumessen. Einen Strich drunter zu ziehen und zu sagen, so ist das. Denn nichts von dem, was dein Leben ausmacht oder in ihm erscheint, besitzt so was wie Endgültigkeit. Etwas Klitzekleines, das du zuerst kaum wahrgenommen hast, das dich vielleicht nur sachte gestreift hat, von dem hängt mit einem Schlag alles ab. Die Entscheidung, wo man sein Wochenende verbringt, eine bestimmte Straßenecke in deiner Stadt, eine Einladung bei Bekannten, die man zuerst nicht ausstehen konnte, was weiß ich. Und man ist nie ganz sicher, wann eine Geschichte zu Ende geht. Ehrlich gesagt, denke ich, dass das Leben keine unserer Geschichten jemals zu Ende erzählt.

U. Lebert(leicht ungeduldig): Trotzdem kannst du mir doch jetzt sagen, was dir im Leben am wichtigsten ist?

B. Lebert:Oma, ich bin doch schon dabei. Also, Jack Kornfield, das ist ein buddhistischer Lehrmeister, hat gesagt, jeder von uns muss in der Zeit, die ihm hier auf Erden gegeben ist, sein eigenes Löwengebrüll verlauten lassen. Mit diesem Satz kann ich sehr viel anfangen. Er sagt für mich aus, dass man immer versuchen soll, mit seiner eigenen, wahren Stimme zu sprechen, und sie bei jedem Sturm, der über einen hereinbricht, im Angesicht eines jeden Ungetüms, das das Leben auf einen loshetzt, erklingen lassen soll. Dass man nicht aufgeben soll. Dass man versucht, die Hindernisse zu überwinden, die einen daran hindern, zu dem Menschen zu werden, der man sein möchte.

U. Lebert: Aber es fällt schwer, nicht aufzugeben, oder?

B. Lebert:Sehr schwer.

U. Lebert: Und was hilft dir dabei? Das Schreiben?

B. Lebert:Das Schreiben, ja. Und alles eben, was meinen Tag ausfüllt. Die vielen, vielen leichten oder auch nicht so leichten Handlungen. Die Begegnungen mit Menschen. Die ja auch alle versuchen, nicht aufzugeben. Allein dieses Wissen hilft einem schon. Jeder schiebt seinen eigenen Sisyphusbrocken. Jeder schiebt einen anderen. Manche kommen in einem Leben nur Zentimeter voran. Andere bewerkstelligen das auf die gleiche lässige Art, wie zum Beispiel Obelix den Hinkelstein auf seinem Rücken trägt. Bei mir ist das aber nicht so. Ich komme mir eher vor wie einer der Römer, der immer vermöbelt wird und dessen Helm ganz verbeult ist.

U. Lebert: Wir müssen uns den Römer als einen glücklichen Menschen vorstellen.

B. Lebert:Ja, ich glaube wirklich, Glück hat etwas damit zu tun, seinen Frieden zu machen mit den großen Herausforderungen. Denn die werden niemals ausbleiben. Aber jetzt sag du mal, was das Wichtigste im Leben ist.

U. Lebert: Ich habe darüber nachgedacht, und mir ist bewusst geworden, dass ich eigentlich immer sehr großen Wert auf Ruhe gelegt habe. Ich war gern mit Menschen zusammen. Ich war mit so vielen Menschen zusammen. Aber dann habe ich immer bald eine Gelegenheit gesucht, mich zurückzuziehen. Abseitszustehen. Nachzudenken. Blicke schweifen zu lassen. Weißt du, vielleicht kann man es so sagen: einen persönlichen, warmen Ort zu haben, von dem aus man das Leben und die Menschen betrachten kann. Einen etwas abgelegenen oder erhöhten, je nachdem. Und meiner Erfahrung nach entwickelt sich so ein Ort automatisch in einem selber, und zwar dann, wenn man alt wird. Und das zu erleben war wunderschön für mich. Ein großer Segen. Und es ging einher mit dem Wunsch nach Ruhe, den ich schon immer empfunden habe. Und jetzt, da ich leider immer krank und bettlägerig bin, kaum etwas mehr allein bewerkstelligen kann, auf die Hilfe anderer angewiesen bin, jeden zweiten Tag zur Dialyse muss und so weiter, spüre ich immerhin sehr diese Ruhe. Und kann sie auch gewissermaßen als Geschenk wertschätzen.

B. Lebert:Das ist wunderbar. Weißt du, ich habe eigentlich immer mehr deine gesellige Seite wahrgenommen. Beim Gänsessen an Sonntagen. Bei unseren Spielturnieren. Du bist mit uns Kindern und einem roten Luftballon durchs Zimmer gejagt. Man durfte den Luftballon nur mit dem Fuß berühren. Und er durfte nicht auf dem Boden landen. Auf Festen sehe ich dich vor mir, Rotwein trinkend, lachend, redegewandt, neugierig, herausfordernd, manchmal auch ein bisschen jähzornig. Und wir beide waren doch Verbündete. Wir haben immer gespielt, dass wir Aliens sind, von zwei verschiedenen Planeten, die sich hier auf der Erde getroffen und angefreundet haben. Und die anderen durften das nicht wissen. Das hat mir immer viel bedeutet. Denn ich bin mir ja tatsächlich immer wie ein Alien vorgekommen. Übrigens auch heute noch. Oma, also eine Frage: Vor die Wahl gestellt, immer zusammen mit Menschen oder immer allein, wofür würdest du dich entscheiden?

U. Lebert(lacht): Ich würde mal so sagen: Das hängt davon ab, mit was für Menschen. Wenn’s rechte Deppen sind, dann lieber allein. Ist doch klar. Aber ich hatte immer das Glück, mit Menschen zusammen zu sein, die ich sehr mochte. Ich habe meine Eltern geliebt und auch meine Geschwister. Ich habe die Zeit mit dem Norbert, deinem Opa, immer als etwas Wunderschönes empfunden, wofür ich auch jetzt noch dankbar bin. Ich kenne das nicht, wovon du immer erzählst, von dir und deinen Freunden, den Leuten in deinem Alter. Dass man sich mit bestimmten Menschen abgibt, nur um durch sie möglicherweise irgendwas zu erreichen, irgendwohin zu kommen oder einfach um nicht allein zu sein. Ganz gleich, was das für Menschen sind, im Grunde genommen. Nirgendwo Halt zu finden. Wenn Momente kamen, in denen ich allein war, habe ich das Alleinsein immer ausgekostet. Ich weiß noch, wie ich in den ersten Nachkriegsjahren in Stuttgart abends immer los bin. Die Luft war frisch und leicht. Alles war verheißungsvoll, und egal, wohin man ging, man schien jetzt nach diesen ganzen fürchterlichen Jahren immer mitten hinein in die Freiheit zu marschieren. Ich weiß noch, dass ich oft allein ins Theater gegangen bin. Und im dunklen Zuschauerraum zwischen den parfümierten Menschen saß und dachte, ich kann, sooft ich will, ins Theater gehen. So gut hab ich’s. Und auch später, als ich nach München ging, um Reporterin zu werden. Mein Kopf schwirrte nur so von Eindrücken, Stimmen, Geschichten. Weißt du, ich habe nie so sehr daran geglaubt, gegen das Leben ankämpfen zu müssen. Ich hatte immer eher das Gefühl, es ist meine Komplizin. Und das ist auch heute noch so.

B. Lebert:Weißt du noch, als du einmal, da war ich vielleicht sieben, für ein Wochenende nach Hamburg gekommen bist, um auf mich aufzupassen? Die Lisa (Benjamins Schwester,Anm. d. Red.) hatte wieder mal eines ihrer Fußballturniere. Und meine Eltern sind mit ihr hingefahren. Ich glaube, das war in Berlin. Es war ein lichtdurchflutetes Wochenende im Mai. Alles blühte und glänzte.

U. Lebert: Und wir sind mit dem Hund spazieren gegangen, und du bist neben mir hergehopst und hast gesagt: Oma, es ist so schön, am Leben zu sein. In den Jahren danach hast du immer nur gesagt: Oma, es ist alles einfach nur scheiße.

B. Lebert:Das stimmt doch gar nicht. Und immerhin war es ja auch ein besonders schönes Wochenende. Eines der schönsten, an die ich zurückdenken kann. Wir haben uns an zwei Tagen ungefähr 23 James-Bond-Filme zusammen angeguckt. Von dem leuchtenden Mai haben wir, um hier mal der Wahrheit die Ehre zu geben, gar nicht so viel mitbekommen.

U. Lebert: Und dann sind die aus Berlin zurückgekommen und waren fürchterlich griesgrämig.

B. Lebert:Vielleicht können wir uns darauf einigen, dass es eine weitere ganz wichtige Sache im Leben ist, jeder Form von Griesgram den Rücken zu kehren.

U. Lebert: Absolut. Magst du noch ein Eis?

B. Lebert:Jetzt ist es eindeutig. Worauf es im Leben vor allem ankommt, das ist eine Großmutter.

Ursula Lebert, Jahrgang 1931, arbeitet seit mehr als fünf Jahrzehnten für die Frauenzeitsschrift "Brigitte" und veröffentlichte zahlreiche Bücher. Mit ihrem Enkel schrieb sie das Buch "Die Geschichte vom kleinen Hund, der nicht bellen konnte".

Benjamin Lebert, 26, veröffentlichte seine ersten Artikel in "Jetzt", dem Jugendmagazin der "Süddeutschen Zeitung". 1999 erschien sein sehr erfolgreicher Debütroman Crazy, der kurz darauf verfilmt wurde.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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    • Schlagworte Familie
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