Familie Und dann erzählte sie es dochNWas im Leben wirklich wichtig ist

Noch nie erlebten Enkel ihre Großeltern so lange wie heute – weil wir immer älter werden. Und doch wird manches Lebensgeheimnis erst ziemlich spät weitergegeben

Zu Weihnachten reden die Generationen mehr als sonst miteinander. Wir baten Enkel und ihre Großeltern zu Gesprächen über Abenteuerlust und Disziplin, über den Drang nach Freiheit und die Suche nach sich selbst

Nach dem Tod meines Großvaters hatte sich in unserer Familie zu Weihnachten ein Ritual entwickelt. Damit meine Großmutter Lotte über die Feiertage nicht lange allein war, reisten ihre Verwandten zu verschiedenen Zeiten in die kleine Stadt am Rande der Schwäbischen Alb, wo sie lebte. Sie hatte seit Jahren Probleme mit dem rechten Knie und konnte sich nicht mehr gut bewegen, also bewegten wir uns zu ihr. Die einen kamen zum Mittagessen, andere auf einen Kaffee. Ich besuchte sie immer am Abend des 26. Dann gingen wir zu zweit Zwiebelrostbraten mit Spätzle essen, so wie wir das schon getan hatten, als ich klein war und bei meinen Großeltern die Sommerferien verbrachte.

Sie bestellte immer "ein Viertele" Weißweinschorle. Ich erzählte ihr, wie es mir ging und was ich erlebte. Sie gab mir ab und zu einen Rat, aber nur wenn ich danach fragte. Sie erzählte aus ihrem Berufsleben und zwischendrin Anekdoten aus meiner Kindheit, die ich längst auswendig kannte, aber aus ihrem Mund trotzdem gerne hörte. Ich habe mich mit meinen Großeltern, im Gegensatz zu meinen Eltern, nie gestritten. Ich hatte das Gefühl, dass meine Großeltern das Aufwachsen ihrer Enkel genossen haben, mehr als das Aufwachsen der eigenen Kinder, weil sie selbst entspannter dabei waren.

Großvater oder Großmutter ist eine ziemlich gute Rolle. "Großeltern", sagt der Zürcher Soziologe François Höpflinger,"»gehören zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu den wenigen positiv besetzten Altersbildern." In einer Studie, die Höpflinger in der Schweiz durchführte, wurde als häufigste gemeinsame Aktivität von Enkeln und Großeltern "das Diskutieren" genannt. "Teenager schätzen ihre Großeltern", sagt Höpflinger, "weil die sich weniger einmischen als Eltern oder Lehrer."

Und weil die Menschen immer älter werden, ist die gemeinsame Lebenszeit von Großeltern und Enkeln so lange wie nie. Entgegen einer weitverbreiteten Vorstellung gab es noch nie so viele Drei-Generationen-Familien wie heute. Noch nie hatten so viele Enkel Großeltern. 79 Prozent der 12- bis 16-Jährigen haben noch mindestens eine Großmutter, 56 Prozent einen Großvater. Statistisch gesehen verbringen Deutsche über 65 Jahren jede Woche neuneinhalb Stunden mit der Betreuung ihrer Enkel oder anderer Kinder. Über das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern wird seit Jahrzehnten geforscht und geschrieben – was haben sich eigentlich Enkel und Großeltern zu sagen?

Meine Großmutter Lotte, Jahrgang 1918, war die zweite Frau meines Großvaters. Sie hatten Anfang der siebziger Jahre geheiratet, nachdem seine erste Frau an einem Herzinfarkt gestorben war. Ich wurde erst danach geboren, und obwohl ich wusste, dass Lotte nicht meine leibliche Großmutter war (was schon dadurch zu erkennen war, dass sie die einzige Schwäbin in einer ansonsten hessischen Familie war), nannte ich sie "meine Oma".

An Weihnachten vor drei Jahren hätten wir fast versäumt, rechtzeitig im Restaurant zu sein. Der Tisch war für 18 Uhr bestellt, doch die zwei Uhren in ihrer Wohnung, eine auf dem Gang, eine im Wohnzimmer, gingen nicht mehr richtig. Ich hatte das zufällig bemerkt, als ich auf mein Handy sah. Ein Detail, an das ich heute oft denken muss.

Wir bestellten wie immer Zwiebelrostbraten, sie trank Weißweinschorle, wir plauderten. Dann sagte sie: "Ich würde dir gerne eine Geschichte erzählen, die ich noch niemandem erzählt habe. Über die Liebe meines Lebens." Ich hatte bis dahin nicht viel gewusst über das Leben meiner Großmutter aus der Zeit, bevor sie meinen Großvater geheiratet hatte. Sie hatte nach dem Krieg eine Lehre in der Textilwirtschaft gemacht und es bis zur Direktrice gebracht. Sie hatte viel gearbeitet und viel verdient, eine schwäbische Nachkriegswirtschaftswunderbiografie. Sie war nie liiert, eine Karrierefrau in einer Zeit, in der es kaum Karrierefrauen gab.

An Weihnachten vor drei Jahren erfuhr ich von ihrer anderen Seite. Im Alter von 18 Jahren, drei Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, hatte sie sich auf einer Beerdigung in einen mehr als doppelt so alten, bereits verheirateten Mann verliebt, einen Geschäftspartner ihres Vaters. Zunächst trafen sich die beiden keusch auf einen Kaffee, wenn er in der Nähe einen Geschäftstermin hatte. Erst nach Jahren, gegen Ende des Krieges, verbrachten sie ihre erste gemeinsame Nacht, in einem Hotel in Hannover, das von heimkehrenden Soldaten besetzt war. Nur ein Zimmer war noch frei gewesen.

Fast drei Jahrzehnte lang, die ganzen vierziger und fünfziger und sechziger Jahre hindurch, trotz (oder vielleicht auch wegen) all der politischen und gesellschaftlichen Umbrüche, hielt ihre heimliche Beziehung. Sie trafen sich an Wochenenden in Hotels überall in Deutschland, in der Schweiz, in Italien. Es muss aufregend gewesen sein für die junge Frau, die später meine Großmutter wurde. Doch sie wurde älter, sehnte sich immer stärker nach einem Partner, der auch montags bis freitags mit ihr leben wollte. Sie trennte sich nach einigem Hin und Her von ihrem Geliebten, der seine Familie nicht verlassen wollte. Erst kamen noch ein paar Briefe, dann nichts mehr.

Nach zwei Jahren schrieb sie ihm doch noch einmal. Der Brief kam ungeöffnet zurück. Sie rief in seiner Firma an, wurde nicht durchgestellt. Sie hatte plötzlich ein merkwürdiges Gefühl. Sie setzte sich spontan ins Auto, fuhr zu ihm, zum ersten Mal. Sie klingelte an der Tür der Villa, oben ging ein Fenster auf, eine Frauenstimme fragte: Wer ist da? Ich bin’s, Lotte, sagte meine Großmutter. Das Fenster wurde geschlossen, kurz darauf ging die Tür auf. Dann sah sie nach all den Jahren zum ersten Mal seine Ehefrau, die mit dem Namen Lotte vertraut schien.

Komm rein, sagte die Ehefrau. Meine Großmutter erfuhr, dass er zwei Monate zuvor gestorben war. Die Frauen fuhren zum Grab und nahmen gemeinsam Abschied. Am Abend kehrte meine Großmutter zurück auf die Schwäbische Alb. Sie arbeitete viel und fühlte sich zum ersten Mal in ihrem Leben einsam, als kurz darauf ein Brief eintraf. Ihr schrieb ein Mann, dem sie in den Wirren des Krieges kurz begegnet war, so wie sich eine junge Frau und ein junger Mann offenbar manchmal in den Wirren des Krieges begegnen können.

Der Mann war mein Großvater. Er schrieb, seine Frau sei vor einiger Zeit gestorben, fragte, ob man sich nicht treffen wolle. Meine Großmutter wollte. Sie stellten fest, dass sie sich immer noch mochten, fragten sich, ob sie ihren Lebensabend nicht lieber gemeinsam als allein verbringen wollten. Anfang der siebziger Jahre redete man offenbar so, wenn man Anfang 50 war.

Ich hörte meiner Großmutter weiter zu. Satz für Satz setzte sich ihr Leben neu zusammen. Vor meinem inneren Auge liefen meine Kindheitserinnerungen mit meinen Großeltern noch einmal ab, gemeinsame Ausflüge in die Berge, die Sommerferien, die Skiferien. Ich habe meine Großeltern als sehr freundlich, ja zärtlich zueinander erlebt. Sie mochten sich, respektierten sich, so etwas spürt man als Kind. Sie waren so etwas wie das Gegenmodell zu meinen Eltern, die sich nach vielen Streitereien früh hatten scheiden lassen. Vielleicht, denke ich heute, war die Beziehung meiner Großeltern für mich eine Art Trostspender: Es gab also auch Beziehungen in meiner Familie, die nicht im Krach zu Ende gingen.

Erst an diesem Abend wurde mir klar, dass die Beziehung meiner Großeltern von einer Mischung aus Empathie und Pragmatismus geprägt war. Es war eine glückliche Beziehung zwischen zwei Menschen, die ihr Leben, ihre Situation gemeinsam analysiert und besonnen gehandelt hatten. Es war die Beziehung von zwei wirklich Erwachsenen.

Ich habe an meine Großmutter gedacht, als ich las, was die Autorin und Großmutter Ursula Lebert (die sich in diesem ZEITmagazin mit ihrem Enkel Benjamin unterhält) einmal gesagt hat: "Ich habe im Laufe meines Lebens bemerkt, dass man seinen Enkeln gern ein paar Ängste ersparen möchte. Deshalb versucht man, seine Erfahrungen weiterzugeben." Seit dem Weihnachtsabend vor drei Jahren bin ich mir sicher, dass meine Großmutter ihr zustimmen würde. Sie hat mir erzählt, wie sie ihr Leben gemeistert hat, mir begreifbar gemacht, wie man sein Leben selbst in die Hand nehmen kann. Das war der beste Rat, den sie mir geben konnte.

Wenige Tage nach meinem Besuch vor drei Jahren rief mein Vater an: "Oma ist gestorben." Die Geschichte ihres Lebens hatte sie erzählt.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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